Frei nach Hans Christian Andersens Tolv med Posten · 6 Minuten zu lesen
Zwölf mit der Post
Es war in der Silvesternacht, draußen vor dem Stadttor, und der Schnee lag frisch. Da hörte der Wächter ein Posthorn, und die große Postkutsche fuhr heran, und heraus stiegen — zwölf Reisende, einer nach dem anderen, jeder mit seinem Gepäck und seinen Papieren. Zwölf auf einen Schlag, sagte der Wächter. Und wer seid ihr? Wir sind die zwölf Monate, sagte der Erste, und jeder von uns bleibt, bis sein Dienst um ist. Und dann stellten sie sich vor, der Reihe nach.
Der Wächter am Tor führte über alles Buch, was nach Mitternacht ankam, und in dieser Nacht hatte er eigentlich Ruhe erwartet, denn zu Silvester reist kein vernünftiger Mensch mehr; die Ankommenden sind da, und die Gehenden sind gegangen. Der Schnee fiel groß und langsam, wie er nur zu Jahreswechseln fällt, die Stadt hinter ihm feierte hörbar, und er hatte sich eben erst die Hände über der Kohlenpfanne gewärmt. Ein Posthorn, das zu dieser Stunde so hell und ordentlich bläst wie ein Ruf, der seiner Sache sicher ist, war ihm in all den Dienstjahren noch nicht untergekommen. Gewöhnliche Fuhren blasen zu Silvester nicht so gerade.
Der Januar trug einen Bärenpelz und hatte die Taschen voller Neujahrswünsche; ihm gehörte der erste Monat. Der Februar kam als lustiger Geselle mit Masken im Koffer, denn er hatte den Fasching bei sich, und außerdem, sagte er, sei er der Kürzeste, das gleiche sich aus. Der März roch schon ein wenig nach Erde und trug ein Bündel Weidenkätzchen, der April lachte und weinte in einem Atem und hatte Sonnenschein und Regenschauer im selben Sack, und der Mai — der Mai kam ganz in Grün, mit einem Buchenzweig am Hut, und wo er stand, roch es nach Wald.
Der Februar packte, während er wartete, schon einmal Proben aus: eine halbe Larve, eine Pritsche, eine Tüte Konfetti, das er im Vorjahr übrig behalten hatte. Man muss die Leute zum Lachen bringen, erklärte er dem Wächter, gerade wenn draußen das Wetter nichts taugt; dafür bin ich zuständig, und ich nehme es ernst. Ein kurzer Monat, der es ernst nimmt mit dem Lachen — schon deshalb lohnt sich der Februar. Der März daneben sagte wenig und horchte nur immerzu in die Luft hinaus, ob nicht schon irgendwo ein Star probte. Er war der Ungeduldigste von allen, was niemand von ihm dachte, weil er so leise auftrat.
Der Juni trug einen Korb voller Erdbeeren und die längsten Tage des Jahres bei sich, und in seinem Gepäck lag das Johannisfeuer. Der Juli kam breit und warm, mit Badezeug und Heuduft, und wischte sich die Stirn. Der August fuhr einen kleinen Wagen voll Korn und Obst und sagte nicht viel, denn er hatte zu tun: Es war Erntezeit. Der September brachte ein Jägerhorn und einen Farbkasten, denn er würde die Wälder anmalen, gelb und rot und kupferbraun. Der Oktober kam mit Drachenschnur und Nebelmantel, der Kastanien in den Taschen hatte, und der November trug einen großen Schnupfen bei sich und einen noch größeren Vorrat an langen Abenden.
Der Wächter besah sich pflichtgemäß auch das Gepäck, denn Ordnung muss sein, sogar bei Monaten. Beim April beanstandete er, dass Sonnenschein und Regenschauer im selben Sack lagen, das gebe Wirrwarr; der April lachte und weinte gleichzeitig und sagte, genau so sei es gedacht. Beim Juli fand sich ein ganzes Gewitter, ordentlich verschnürt, mit der Aufschrift: Erst nach großer Hitze öffnen. Und beim September klapperte es verdächtig; es waren die Farbtöpfe für die Wälder, und der Wächter ließ sie durchgehen, unter der Auflage, sparsam mit dem Rot umzugehen. Das, sagte der September ernst, könne er nicht versprechen. Da winkte ihn der Wächter durch. Gegen Ehrlichkeit ist kein Dienstweg gewachsen.
Zuletzt stieg der Dezember aus, ein alter freundlicher Mann mit einem Kohlenbecken und einem kleinen Tannenbaum unterm Arm, und in seiner großen Tasche klapperte es geheimnisvoll. So, sagte der Wächter, und was wollt ihr alle hier? Dienst tun, sagte der Januar. Jeder von uns hat seine vier Wochen, ungefähr, und wenn einer fertig ist, übergibt er dem Nächsten. Es hat noch nie einer geschummelt, und es ist noch nie einer zu früh gegangen.
Mit dem Dezember wechselte der Wächter noch ein paar Worte, denn der Alte hatte es nicht eilig; sein Dienst lag ja am weitesten hin. Was in der großen Tasche so klappere, fragte der Wächter. Geschichten, sagte der Dezember, lauter Geschichten, die klappern, wenn man sie lange nicht erzählt; ich öle sie dann am Ofen wieder gängig. Und der kleine Baum? Der wächst unterwegs, sagte der Dezember, bis zum Fest ist er groß genug, das macht die Vorfreude, die ist der beste Dünger. Dann trank er mit dem Wächter noch einen Schluck heißen Holunder aus der Blechkanne, und die beiden Alten standen eine Weile schweigend im Schneetreiben, wie Männer stehen, die dasselbe Handwerk achten: der eine bewacht die Stadt, der andere die Zeit.
Und wie wird übergeben, wollte der Wächter wissen, mit Papieren? Mit einem Spaziergang, sagte der Januar. Der Scheidende und der Kommende gehen eine Stunde miteinander, meistens in der Dämmerung, und der eine sagt dem anderen, was offen geblieben ist: ein Nachtfrost, der noch aussteht, ein Vogelzug, der sich verspätet hat, eine Knospe, die zu früh dran ist und Aufsicht braucht. Dann geben sie einander die Hand, und der Neue übernimmt, und der Alte steigt in die Post und fährt dorthin, wo die Monate warten — es soll dort sehr ruhig sein, und sie sollen dort alle gut miteinander auskommen, die Junis mit den Novembern, denn Streit gibt es nur unter Monaten, die im Dienst sind. Genauer weiß man es nicht. Die Post fährt ohne Fahrgäste zurück.
Da ließ der Wächter sie ein, einen nach dem anderen, und der Januar trat als Erster seinen Dienst an, während die anderen elf im Gasthof zur Jahreszeit ihre Zimmer bezogen und es sich bequem machten; sie hatten ja Zeit. So wird das Jahr gebracht: mit der Post, in der Silvesternacht, zwölf Reisende, und keiner drängelt. Draußen fiel wieder Schnee, das Posthorn verklang hinter den Hügeln, und die Stadt schlief in das neue Jahr hinein, ohne zu merken, wie gut sie versorgt war.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.