Frei nach Hans Christian Andersens Alt paa sin rette Plads · 5 Minuten zu lesen
Alles am rechten Platz
Vor gut hundert Jahren stand am Wald ein alter Herrenhof, dessen Herr ein harter, hochfahrender Mann war. Als das Gänsemädchen des Hofes ihm auf der schmalen Brücke begegnete und nicht schnell genug auswich, geschah, was seine Art war: Er drängte grob vorbei, und das Mädchen wäre beinahe ins Wasser gestürzt. Da griff eine Hand zu und hielt sie: Ein wandernder Hausierer war des Weges gekommen, ein ehrlicher, fleißiger Bursche mit seinem Warenkasten auf dem Rücken. Er half ihr auf den festen Grund, und weil gerade ein Weidenzweig abgebrochen am Geländer hing, steckte er ihn unten ans Ufer in die feuchte Erde. Wachse, wenn du kannst, sagte er im Scherz, und werde ein Baum für die auf dem Hof.
Es hieß, der alte Gutsherr habe früher bessere Tage gehabt, aber die lagen so weit zurück, dass sich nur noch der Weißdorn am Hoftor an sie erinnerte. Jetzt bestanden seine Tage aus Jagd, Würfeln und schwerem Wein, und seine Reden aus Befehlen; das Gesinde duckte sich, wenn sein Wagen kam, und die Kinder am Weg machten, dass sie hinter die Hecken kamen. Das Gänsemädchen war Waise und hütete für Kost und Kammer, und sie hatte trotz allem eine Art, mit ihren Gänsen zu reden, dass man hätte meinen können, es sei die feinste Gesellschaft. Vielleicht war sie das auch, verglichen mit mancher anderen im Land. Gänse schwatzen zwar, aber sie würfeln nicht.
Die Jahre vergingen, und sie arbeiteten für den Ehrlichen und gegen den Harten. Der Hausierer wurde durch Fleiß und redliche Ware ein wohlhabender Kaufmann, und der alte Gutsherr brachte Hof und Gut mit Würfeln und schwerem Wein durch. Am Ende kaufte der einstige Hausierer den ganzen Herrenhof — und die Frau, die er hineinführte, war das Gänsemädchen von der Brücke, längst eine kluge, stille Person geworden. Unter den beiden gedieh der Hof, wie Höfe gedeihen, wenn Anstand die Wirtschaft führt. Und der Weidenzweig am Ufer? Der war ein mächtiger Baum geworden, und die Familie nannte ihn ihren Stammbaum und hielt ihn in Ehren.
Der Hausierer und das Gänsemädchen hatten einander übrigens nicht gleich wiedergefunden; dazwischen lagen Jahre und viele Landstraßen. Aber er hatte sie nie vergessen — nicht ihr erschrockenes Gesicht auf der Brücke und nicht, wie sie sich bedankt hatte: nicht unterwürfig, sondern gerade heraus, wie sich Ehrliche bei Ehrlichen bedanken. Als er sie wiedertraf, auf einem Markt, wo sie Eier verkaufte und er längst mit zwei Wagen fuhr, erkannte er sie am Reden mit den Kunden: freundlich und genau, kein Wort zu viel, kein Ei zu wenig. So etwas, sagte er sich, wird auf keiner Schule gelehrt und ist mit keinem Gold zu bezahlen. Und er behielt recht: Es war mit Gold nicht zu bezahlen. Es war nur mit einem ganzen Leben zu haben, und das bot er ihr an.
Wieder gingen die Jahre, mehr als ein Menschenleben. Auf dem Hof wohnten nun späte Enkel mit neuen Titeln und neuem Schloss, und die alten Bilder der Ahnen — der Hausierer mit dem Warenkasten, das Gänsemädchen mit dem bloßen Haar — hingen nicht mehr im Saal, sondern im Gang bei der Gesindetreppe, denn sie passten, so hieß es, nicht recht zu den vornehmen Ahnen der neuen Verwandtschaft. Aus dem Holz der alten Weide aber hatte man einst eine Flöte geschnitzt, und die lag vergessen in einer Lade — bis an einem großen Festabend ein Gast sie fand und zum Spaß hineinblies.
Da fuhr ein Ton durch das Schloss, dem niemand widerstehen konnte, und es heißt, in dieser einen wunderlichen Nacht sei alles im Haus an seinen rechten Platz gerückt: Was hohl war, rutschte nach unten, was echt war, stieg nach oben, und die beiden alten Bilder von der Gesindetreppe hingen auf einmal mitten im Festsaal, hell beleuchtet, und alle Gäste standen davor und fanden sie prachtvoll. Der Hausierer und das Gänsemädchen, sagte einer, der es wissen musste, mit denen hat hier ja alles angefangen. Und niemand hängte sie je wieder um.
Am längsten standen an jenem Abend zwei vor den alten Bildern: das jüngste Fräulein des Hauses und der alte Verwalter. Das Fräulein las die kleine Messingtafel und fragte: Ein Hausierer und ein Gänsemädchen — wirklich? Und der Verwalter, der die Familiengeschichte kannte wie seinen Schlüsselbund, sagte: Wirklich, gnädiges Fräulein. Alles, worauf dieses Haus steht, haben die zwei gelegt: jeden Stein mit Fleiß und jeden Taler mit Anstand. Da sah das Fräulein die beiden Gemalten lange an, den Mann mit dem Warenkasten und die Frau mit dem bloßen Haar, und dann knickste sie vor ihnen, ein wenig verlegen, aber ganz ernst. Es war der erste Knicks, den die beiden in hundert Jahren bekamen, und der Saal war auf einmal sehr feierlich.
Ob die Flöte noch einmal geblasen worden ist, weiß man nicht; solche Flöten spielt man besser selten. Aber der Spruch von jener Nacht ist an dem Hof geblieben und hat sich im Land herumgesprochen, und er taugt bis heute: Alles am rechten Platz — das Echte in Ehren, das Hohle in der Lade. Unten am Wasser, wo die Brücke war, stehen die Nachkommen der alten Weide und lassen die Zweige hängen, und wenn der Abendwind durchgeht, klingt es beinahe wie eine sehr leise Flöte, die niemandem mehr etwas beweisen muss.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.