Andreas’ Nacht

Frei nach Hans Christian Andersens Die alte Kirchenglocke — die Geschichte von Friedrich Schillers Geburtsglocke in Marbach am Neckar · 4 Minuten zu lesen

Die alte Kirchenglocke

Im Schwabenland, im kleinen Städtchen Marbach am Neckar, hing im Kirchturm eine alte Glocke, die läutete zu allem, was das Leben brachte: zur Taufe und zur Trauung, zum Feierabend und zur letzten Ruhe. An einem grauen Novembertag, vor langer Zeit, läutete sie über ein kleines, ärmliches Haus hin, in dem eine Mutter in schwerer Stunde lag; und als der Glockenton in die Stube kam, wurde der Frau leichter ums Herz, und sie brachte einen Sohn zur Welt. Es war ein armer Leute Kind, und niemand in Marbach ahnte an diesem Tag etwas Besonderes — auch die alte Glocke nicht, obwohl sie als Erste von allen für ihn geläutet hatte.

Die Glocke von Marbach läutete durch die Kindheit des Jungen wie ein guter Hausgeist. Sie läutete, als er zur Schule kam, mit seiner Schiefertafel unterm Arm; sie läutete an den Sonntagen, an denen er neben der Mutter saß und die großen Worte von der Kanzel eher fühlte als verstand; und an den Abenden, wenn ihr Feierabendläuten über die Weinberge ging, stand er manchmal still und horchte, bis der letzte Ton im Neckartal versunken war. Die Mutter sah es wohl und sagte zum Vater: Der Junge hört mehr als wir. Und der Vater, ein braver Mann, der das Rechnen liebte, sagte: Wenn er nur auch hört, was der Lehrer sagt. Beide hatten recht, jeder auf seine Art; so ist es meist mit Eltern.

Der Junge wuchs heran, und in ihm wuchs etwas mit, das größer war als das kleine Haus: Worte sammelten sich in ihm, Bilder und ein Feuer, das nicht vom Herd kam. Die Familie zog fort, der Junge kam in strenge Schulen, und sein Weg wurde steinig, wie die Wege großer Herzen es oft sind. Aber aus dem armen Kind von Marbach wurde einer der größten Dichter des deutschen Volkes, einer, dessen Lieder von Freiheit und Freude bis heute gesungen werden. Die alte Glocke daheim wusste davon nichts; sie läutete ihre Tage weiter, treu und ohne Neugier.

Dann kam die Zeit, in der auch Glocken alt werden. Ein Sprung fuhr ihr durchs Erz, ihr Ton wurde stumpf, und man nahm sie vom Turm und legte sie beiseite, und schließlich wurde sie als altes Metall verkauft und weit fort nach Bayern gefahren, in die große Gießerei, um eingeschmolzen zu werden. Das klingt wie ein trauriges Ende. Warte ab.

In der Gießerei ging es zu wie im Inneren eines Berges: Feuerschein, Hitze, Männer mit ledernen Schürzen, und in der Mitte, im großen Ofen, das flüssige Erz, das wie ein gefangener Sonnenuntergang glühte. Da hinein fuhr auch die alte Glocke von Marbach, und was sie an Tönen in sich trug — die Taufen, die Feierabende, die Trauerzüge, den einen grauen Novembertag —, das schmolz nicht etwa fort. Töne verbrennen nicht, sagen die Gießer, sie legieren sich. Und wer das für Werkstattpoesie hält, der halte sich an das, was folgt.

Denn in ebenjener Gießerei wurde in ebenjenen Tagen ein Standbild gegossen, ein Denkmal für einen großen deutschen Dichter — für den Sohn jener armen Frau aus Marbach, dem die Glocke einst in seine erste Stunde geläutet hatte. Und das alte Glockenerz floss mit hinein, mitten in die Brust der hohen Gestalt. Ein Meister aus Dänemark hatte das Bildnis geformt, und als es in Stuttgart enthüllt wurde, standen die Menschen dicht an dicht und feierten den Dichter, der als armer Junge unter einer läutenden Glocke geboren worden war. So kam die Glocke doch noch zu ihm — nicht über ihm hängend, sondern in ihm wohnend, für immer.

Wenn nun in Marbach die neuen Glocken läuten, erzählen die Alten den Kindern diese Geschichte: dass nichts, was treu gedient hat, verloren geht; es wird nur umgegossen. Aus Erz wird ein Denkmal, aus einem armen Kind ein Reichtum für alle Welt, aus einem Glockenton ein Lied, das bleibt. Und der Neckar fließt unten am Städtchen vorüber, ruhig wie damals, und trägt das Läuten ein Stück mit, talabwärts, in den Abend.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Andersen Märchen, Teil zwei · Die vergessenen 65 Geschichten. Der Sprung führt an genau die Stelle.

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