Frei nach Hans Christian Andersens ABC-Bogen · 4 Minuten zu lesen
Das ABC-Buch
Ein gelehrter Mann hatte neue Verse für ein Abc-Buch geschrieben, denn die alten Verse, fand er, seien nun wirklich abgenutzt: Für jeden Buchstaben zwei nagelneue Zeilen, sehr modern und sehr bedeutend. Das neue Buch wurde stolz in den Bücherschrank gestellt, gleich neben das alte Abc-Buch, das dort seit Menschengedenken wohnte — das mit dem prächtigen Hahn vorn im großen A, der seit jeher über die Buchstaben wachte. Der Schrank blieb angelehnt, im Haus wurde es Nacht, und da geschah es: Das alte Abc-Buch rückte ein Stück, der Hahn im großen A wachte auf, spazierte aus seinem Buchstaben heraus und stellte sich mitten ins Bücherbrett.
Im Bücherschrank herrschte nämlich eine feste Ordnung, und sie hatte nichts mit dem Alphabet zu tun: Oben standen die Bücher, die gelesen wurden, in der Mitte die, mit denen man sich sehen lassen wollte, und unten die, von denen man es nicht mehr erwartete. Das alte Abc-Buch stand seit jeher oben, zerfleddert und geflickt, mit Eselsohren wie ein richtiger Esel — und das war im Schrank der höchste Adel, denn Eselsohren sind die Orden der Bücher; sie werden für treue Dienste verliehen, von kleinen Händen. Das neue Buch war gleich in die Mitte gestellt worden, wo man sich sehen lässt. Es ahnte nicht, was das im Schrank bedeutete. Die anderen Bücher wussten es alle.
Nun wollen wir doch einmal hören, was die neue Zeit gedichtet hat, krähte er halblaut, und begann dem versammelten Bücherschrank die neuen Verse vorzulesen, Buchstabe um Buchstabe. Und je länger er las, desto schiefer legte er den Kamm. Da war bei jedem Buchstaben viel Bedeutung und wenig Freude, viel Belehrung und kein einziges Bild, bei dem ein Kind mit den Zehen wackelt vor Vergnügen.
Ein paar Kostproben der neuen Verse trug der Hahn mit verstellter Stimme vor, um ganz gerecht zu sein, und der Bücherschrank hörte zu. Beim A war von Anbau und Ackerwirtschaft die Rede, sehr nützlich und sehr trocken; beim K kam ein Kommentar über das Kreditwesen, bei dem das Kochbuch einschlief; und beim S wurde die Sparsamkeit besungen, in Versen, an denen wirklich nichts verschwendet war, am wenigsten Freude. Nur beim Z, das gab der Hahn zu, hatte der neue Dichter sich Mühe gegeben: Da stand ein Zeisig im Vers. Aber er zwitscherte nicht, er wurde erörtert. Ein erörterter Zeisig, ihr Herrschaften, sagte der Hahn und ließ eine Kunstpause — braucht es mehr Beweise? Sehr richtig, sagte das Wörterbuch, sehr gründlich, sagte der Atlas. Mag sein, krähte der Hahn, aber ich frage euch: Wo bleibt das Lachen? Ein Abc, bei dem kein Kind lacht, ist wie ein Morgen ohne Krähen — er findet nicht statt.
Denn so lernt ein Kind die Buchstaben, ihr Herrschaften, fuhr er fort: nicht, weil sie wichtig sind, sondern weil es sie liebgewinnt. Das A schmeckt nach Apfel, das B brummt wie der Bär, und in meinem A, wenn ich bitten darf, wohnt ein Hahn mit allen Farben, die die Druckerei hergab. Bei mir haben drei Menschenalter lesen gelernt, und alle haben dabei gelacht. Das neue Buch stand sehr gerade im Regal und sagte kein Wort; es war zu bedeutend zum Antworten, und außerdem fiel ihm keine ein.
Gegen Morgen spazierte der Hahn zurück in sein großes A, plusterte sich zurecht und sprach sein letztes Wort in dieser Sache: Dem neuen Buch fehlt nichts als das Wichtigste — es hat keinen Hahn. Und ein Abc ohne Hahn, das kräht nicht, und was nicht kräht, das weckt keinen. Damit schlief er wieder ein, sehr zufrieden, bis ihn am Vormittag die Kinderhände aus dem Schrank holten — das alte Buch natürlich, das mit dem Hahn. Es ging noch durch viele kleine Hände, Jahr um Jahr, und wurde immer zerlesener und immer geliebter. Und das neue Buch stand daneben, tadellos erhalten. Das ist im Bücherschrank die höflichste Art zu sagen: ungelesen.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.