Andreas’ Nacht

Frei nach Hans Christian Andersens Den gamle Gravsteen · 4 Minuten zu lesen

Der alte Grabstein

In einem Hof auf dem Lande lag ein großer alter Stein, flach und breit, und er diente zu allem Möglichen: Die Kinder spielten darauf, das Küchengeschirr wurde darauf zum Trocknen gestellt, und niemand dachte sich etwas dabei. Eines Abends aber, als die Familie in der Dämmerung vor der Tür saß, sah ein sehr alter Gast des Hauses lange auf den Stein und sagte: Wisst ihr eigentlich, was ihr da habt? Es ist noch ein Stundenglas darauf zu erkennen und das Stück von einem Engel. Das ist ein Grabstein — er kam von der alten Klosterkirche, die man abgebrochen hat, und er lag über Preben Svane und seiner Frau Marthe.

Und dann erzählte der Alte, denn er hatte die beiden als Kind noch gekannt: von dem ehrbaren Paar, das in dem Haus mit der Steintreppe gewohnt hatte, von ihrer offenen Tür und ihrem offenen Herzen für jeden, der weniger hatte als sie. Er erzählte, wie Marthe zuerst gegangen war und wie der alte Preben danach von ihr sprach — nicht klagend, sondern wie von einem langen Sommer: von der Verlobung unter der Linde, von der Hochzeit, von fünfzig gemeinsamen Jahren, die ihm vorkamen wie ein einziger guter Tag. Und wie er ihr dann bald nachgegangen war, so wie man jemandem nachgeht, mit dem man immer gegangen ist.

Von Preben und Marthe wusste der Alte noch mehr, und die Runde ließ ihn erzählen, denn der Abend war mild und die Arbeit getan. Wie die beiden an Markttagen nebeneinander unter ihrer Tür standen, er mit der Pfeife, sie mit dem Strickzeug, und für jeden ein Wort hatten; wie in ihrem Backhaus jede Woche ein Brot mehr gebacken wurde, als das Haus brauchte, und nie gesagt wurde, für wen — es wusste ohnehin jeder, dass es an die alte Stine ging. Und wie die Kinder der Gasse zu Marthe kamen, wenn sie sich die Knie aufgeschlagen hatten, obwohl daheim auch jemand gewesen wäre. Zu Marthe ging man eben. Warum, das kann man nicht erklären; solche Menschen gibt es in jeder Gasse, wenn die Gasse Glück hat.

Der Abend war inzwischen tief geworden, und über dem Hof standen die ersten Sterne, und die Familie saß still um den alten Erzähler herum. Es ist wunderlich, sagte der Hausvater nach einer Weile, da liegt der Stein nun so viele Jahre bei uns, und wir haben Wäsche darauf getrocknet und die Kinder haben darauf Brotzeit gehalten — und die ganze Zeit war er eine Tür zu zwei Menschenleben, und wir sind täglich daran vorbeigegangen. So geht es mit vielen Dingen, sagte der Alte. Die Welt ist voller solcher Türen: ein Stein, ein Name im Fensterglas, ein Kreuz am Feldrain. Man braucht nur einen, der noch weiß, wohin sie führen. Darum lohnt es, mit den Alten zu sitzen, solange man sie hat. Wir sind die Schlüsselbunde, und wir klimpern gern.

Verkauft wurde der Stein damals beim Abbruch, sagte der Alte, wie so vieles — so ist er überhaupt hierhergekommen. Und die neue Straße läuft heute über die Stelle, wo die beiden ruhen, und kein Mensch in der Stadt kennt mehr ihre Namen. Es wurde still in der Runde, und das Wort vergessen hing in der Abendluft und wollte sich setzen. Aber am Fenster saß ein Kind und hatte mit großen Augen zugehört, und in dem Kind war die ganze Geschichte lebendig: die Linde, die Steintreppe, der lange gute Tag von fünfzig Jahren.

Und es heißt, in solchen Augenblicken beuge sich ein Engel herab und lege einem Kind das Gehörte ins Herz wie ein Samenkorn, damit es aufbewahrt bleibe und weitergegeben werde, wenn seine Zeit kommt. Denn das Gute und Schöne geht nicht verloren; es wandert nur — aus dem Stein in die Geschichte, aus der Geschichte in ein Kinderherz, und von dort, nach vielen Jahren, in einen stillen Abend wie diesen, an dem sie jemand weitererzählt. So sind Preben und Marthe an diesem Abend wieder zu Gast gewesen, und der alte Stein im Hof lag im Mondlicht und war kein gewöhnlicher Stein mehr, sondern ein Buchdeckel über einer sehr guten Geschichte.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Andersen Märchen, Teil zwei · Die vergessenen 65 Geschichten. Der Sprung führt an genau die Stelle.

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