Nach griechischer Überlieferung · 6 Minuten zu lesen
Zwischen Skylla und Charybdis
In jenen alten Tagen, als die Götter noch über das weinrote Meer herrschten und die Wasser zwischen den Inseln von Kräften durchzogen wurden, die kein Sterblicher benennen konnte, fuhr ein Schiff durch die Nacht. Es war das Schiff des listenreichen Odysseus, und seine Männer saßen still an den Rudern, noch erschöpft vom Gesang der Sirenen, der nun endlich hinter ihnen verstummt war. Die Küste von Ithaka lag weit, weit entfernt, und was vor ihnen lag, war dunkel und unbekannt.
Odysseus aber wusste, was vor ihnen lag. Die Zauberin Kirke hatte ihn gewarnt, bevor er ihre Insel verließ, und ihre Worte lagen noch schwer in ihm wie ein Stein auf dem Meeresgrund. Zwei Durchfahrten gab es, und beide waren gefährlich. Der eine Weg führte an den Wandernden Felsen vorbei, wo Schiff an Schiff zerschellt war, doch die Argonauten hatten diesen Weg einst genommen, und Hera selbst hatte sie hindurchgeführt. Den anderen Weg kannte Kirke genauer, und von ihm hatte sie gesprochen, lange und ohne die Stimme zu heben. Es war der Weg zwischen Skylla und Charybdis.
Kirkes Worte kamen ihm zurück, während das Schiff vorwärtsglitt: Auf der einen Seite ragt ein Fels, und in der Höhle dieses Felsens wohnt Skylla, sie, die bellt wie ein Hund, aber größer ist als jede Vorstellung. Sechs Köpfe hat sie, und sechs lange Hälse, und mit jedem Kopf greift sie nach den Männern der Schiffe, die vorüberfahren. Auf der anderen Seite liegt Charybdis, die dreimal täglich das schwarze Wasser trinkt und dreimal wieder ausspeit. Wenn sie trinkt, kann kein Schiff entkommen, das in den Strudel gerät. Halte dich nahe am Felsen der Skylla, Odysseus, verliere lieber sechs Männer, als das ganze Schiff.
Odysseus schwieg, als er daran dachte. Er hatte versucht, Kirke zu fragen, ob es einen Weg gäbe, Skylla zu besiegen, sie mit Waffen zurückzutreiben, wenn sie aus ihrer Höhle griff. Doch Kirke hatte den Kopf geschüttelt. Skylla war unsterblich, hatte sie gesagt, alt und böse und nicht zu töten. Das Beste, was ein weiser Mann tun konnte, war schnell zu fahren und nicht zu zögern. Und so hatte Odysseus beschlossen, seinen Männern nichts zu sagen, nicht von Skylla, nicht von dem, was Kirke ihm eröffnet hatte. Er wollte nicht, dass Angst die Ruder lähmte.
Als der Morgen graute, sahen sie es zuerst als Rauch, einen weißen Dunst, der über dem Wasser stand wie über einem Kessel. Das war Charybdis, und ihr Grollen war leise zu hören, ein tiefes Schlürfen aus der Tiefe, das sich in den Planken des Schiffes fortpflanzte. Die Männer zogen die Ruder ein und sahen sich um. Auf der einen Seite stieg ein hoher, dunkler Fels aus dem Meer, so steil, dass kein Mensch ihn hätte erklimmen können, und seine Spitze war in Wolken gehüllt. Auf der anderen Seite war der Strudel, das Wasser drehte sich und zog sich in die Tiefe, und der Schaum stand weiß und brodelig rings herum.
Odysseus stand am Heck und hielt die Augen auf den Fels gerichtet, dort wo Skylla hausen sollte. Er hatte Helm und Speer genommen, obwohl Kirke ihn gewarnt hatte, und stand bereit, als könnte er das Unabänderliche durch Wachsamkeit abwenden. Die Männer ruderten mit allem, was sie hatten, die Augen auf Charybdis gerichtet, weit weg von dem gurgelnden Strudel, nah an den Felsen heran. Und dann, mitten in dieser Anstrengung, während alle Augen auf das Wasser gerichtet waren, kam Skylla.
Sie kam von oben, aus der Höhle hoch im Fels, und es geschah so schnell, dass kein Schrei half und keine Warnung. Sechs Männer wurden fortgerissen, sechs der Besten und Stärksten, die Odysseus hatte. Noch riefen sie seinen Namen, als das Schiff schon vorüber war, und ihr Rufen hallte über das Wasser und verstummte dann. Odysseus stand am Heck und sah, und in jenem Augenblick trug er etwas in sich, das er nicht benennen wollte und nicht konnte. Von all dem, was er auf seinen langen Irrfahrten gesehen hatte, sagte er später, sei dies das Schwerste gewesen, nicht die Gefahr, sondern das Ausharren, während andere den Preis zahlten.
Doch das Schiff fuhr weiter, weil es musste. Die Ruder schlugen das Wasser, und Charybdis lag hinter ihnen, und auch der Fels der Skylla lag bald hinter ihnen. Das Meer öffnete sich wieder, weit und ruhig, wie das Meer es immer tut nach einem Sturm. Die Männer, die noch da waren, ruderten schweigend, und niemand sprach, bis die Felsen nicht mehr zu sehen waren. Dann erst lehnte sich einer nach dem anderen über die Ruder, und der Atem kehrte langsam zurück.
Sie fuhren durch den Rest des Tages, und das Meer trug sie. Die Sonne stand tief, als vor ihnen eine Insel auftauchte, grün und still, mit Weiden im Abendlicht und dem fernen Laut von Rindern. Das war Thrinakia, die Insel des Sonnengottes Helios, und was dort geschah, gehört in eine andere Erzählung. Aber in dieser Stunde, als das Schiff sich dem ruhigen Ufer näherte und die Männer die Ruder einzogen, lag das Schlimmste hinter ihnen.
Das Meer um die Insel war ruhig wie Öl, und die letzten Strahlen der Sonne lagen golden auf dem Wasser. Die Männer zogen das Schiff an den Strand, und einer nach dem anderen ließ sich ins Gras sinken, erschöpft und still. Odysseus saß am Bug und sah hinaus auf das Meer, dorthin, wo Skylla und Charybdis längst nicht mehr zu sehen waren, nur noch die weite, dunkle Fläche des Wassers unter dem ersten Sternenlicht.
Und das Meer war still, und die Nacht kam warm und ruhig heran, wie sie immer kommt, auch nach den schwersten Tagen. So endete diese Durchfahrt, eine von vielen auf dem langen Weg des listenreichen Odysseus, ein Mann, der wusste, wann er kämpfen musste und wann er ausharren musste, und der beides in sich trug, die ganze lange Reise hindurch. Die Sterne standen klar über der Insel, und das Schiff lag sicher im Sand, und das Meer atmete leise und gleichmäßig in der Dunkelheit. Die Rinder des Helios und die Insel der Kalypso.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.