Andreas’ Nacht

Nach Wilhelm Hauff · 6 Minuten zu lesen

Abner, der nichts gesehen hat

In einem fernen Morgenland, in der Stadt eines mächtigen Sultans, lebte vor langer Zeit ein Mann namens Abner, der für seinen scharfen Verstand und seine wachen Augen bekannt war. Er war kein reicher Mann, doch er besaß eine Gabe, die kostbarer ist als Gold: Er sah, was andere übersahen, und konnte aus den kleinsten Zeichen die größten Schlüsse ziehen. Diese Geschichte erzählt, wie ihm seine Klugheit beinahe zum Verhängnis geworden wäre.

An einem milden Abend ging Abner langsam vor den Toren der Stadt spazieren, dort, wo die Mauern des sultanischen Parks sich hinzogen und der Weg sich im weichen Sand verlor. Er ging gemächlich, die Hände auf dem Rücken, und betrachtete den Boden, die Spuren im Staub, die geknickten Halme am Wegrand, ganz so, wie es seine Gewohnheit war. Da kam ihm in großer Eile einer der Stallknechte des Sultans entgegengelaufen, atemlos und voller Sorge.

Guter Mann, rief der Knecht, hast du nicht eines der Pferde des Sultans vorbeilaufen sehen? Das beste Pferd aus dem Marstall ist uns entlaufen, und wenn wir es nicht bald finden, müssen wir es schwer büßen. Abner blickte den Knecht ruhig an und antwortete: Meinst du nicht jenes Pferd, das auf dem einen Auge blind ist, dem ein Zahn fehlt und das auf dem rechten Hinterfuß ein wenig lahmt?

Ja, ja, genau dieses, rief der Knecht freudig. Wohin ist es gelaufen? Wo hast du es gesehen? Doch Abner schüttelte den Kopf und sagte gelassen: Gesehen habe ich es nicht. Ich weiß nicht, wohin es lief. Folge nur dem Weg dort, der zum Fluss hinunterführt; dorthin wird es gegangen sein. Verwirrt eilte der Knecht in die gewiesene Richtung davon, und richtig, nach kurzer Zeit fand er das Pferd am Ufer grasen.

Kaum war Abner ein paar Schritte weitergegangen, da kam ihm ein zweiter Diener des Hofes entgegen, ebenso eilig und besorgt. Hast du nicht das Hündchen der Sultanin gesehen, fragte dieser. Und wieder antwortete Abner ruhig: Meinst du jene kleine Hündin mit den langen Ohren, die unlängst Junge geworfen hat und auf dem linken Vorderfuß ein wenig hinkt? Eben diese, rief der Diener. Wo ist sie? Doch Abner sagte abermals: Gesehen habe ich sie nicht. Ich weiß nur, dass sie hier vorübergekommen sein muss.

Die beiden Diener kehrten an den Hof zurück, ein jeder mit seinem wiedergefundenen Tier, und erzählten überall von dem sonderbaren Fremden, der die Tiere bis aufs Haar genau beschrieben hatte, ohne sie gesehen zu haben. Bald kam die Sache dem Sultan zu Ohren, und der wurde nachdenklich, dann argwöhnisch. Wie kann ein Mensch, sprach er, ein Pferd und einen Hund so genau beschreiben, die er nie erblickt hat? Gewiss hat dieser Abner die Tiere selbst entwendet und sich dann verstellt. So ließ er Abner vor sich führen.

Abner trat vor den Thron, verneigte sich und blieb ruhig, obwohl ihn finstere Mienen umgaben. Du hast mein Pferd und das Hündchen meiner Gemahlin beschrieben, als hättest du sie mit eigenen Händen gehalten, sprach der Sultan streng. Gestehe: Du hast sie gestohlen. Abner aber antwortete furchtlos: Herr, ich habe weder das eine noch das andere Tier mit Augen gesehen. Ich habe nur ihre Spuren gelesen, wie ein Gelehrter in einem Buche liest. Erlaube, dass ich dir alles erkläre.

Und Abner begann, ruhig und der Reihe nach, seine Beweise auszubreiten. Von dem Pferde wusste ich, dass es auf einem Auge blind war, weil es das Gras nur auf der einen Seite des Weges abgerupft hatte, auf der linken, der schlechteren Seite, während es das schönere, saftigere Gras zur Rechten unberührt ließ. Ein Pferd, das gutes Futter verschmäht, das es nicht sieht, ist auf jenem Auge blind.

Dass ihm ein Zahn fehlte, erkannte ich daran, fuhr Abner fort, dass mitten in jedem abgebissenen Grasbüschel ein schmaler Streifen stehen geblieben war, gerade dort, wo der fehlende Zahn nicht greifen konnte. Und dass es auf dem rechten Hinterfuß lahmte, das verriet mir die Spur im Sand: Drei Hufe drückten sich tief und klar ein, der vierte aber nur schwach und schleifend, wie es ein Pferd tut, das ein Bein schont und kaum aufzusetzen wagt.

Von der kleinen Hündin wiederum, sagte Abner weiter, las ich, dass sie lange Ohren habe, denn dort, wo sie im Staube gelegen hatte, waren zu beiden Seiten zwei lange, weiche Furchen zu sehen, die nur herabhängende Ohren hinterlassen. Dass sie erst kürzlich Junge geworfen hatte, zeigten mir die Spuren ihres Leibes im weichen Sand. Und dass sie auf einem Vorderfuß hinkte, das erkannte ich wieder an den Tritten, von denen einer schwächer war als die übrigen. So sieht man, o Herr, dass ich nichts gestohlen, sondern nur gelesen habe, was im Sande geschrieben stand.

Der Sultan und sein ganzer Hof hörten dem klugen Manne mit wachsendem Staunen zu. Es war so einleuchtend, so einfach und doch so scharfsinnig, dass niemand mehr daran zweifeln konnte: Abner hatte die Tiere wahrhaftig nie gesehen. Und überdies waren ja Pferd und Hündchen unversehrt wiedergefunden worden, sodass von einem Diebstahl keine Rede sein konnte. Abner stand frei von aller Schuld vor dem Throne.

Man hätte nun meinen sollen, der Sultan werde den klugen Mann reich belohnen. Doch so geht es nicht immer zu in den Palästen der Großen. Der Sultan war zwar verblüfft, doch ein wenig verdross es ihn auch, dass ein einfacher Mann so viel klüger gewesen war als alle seine Diener und Räte. Und die Höflinge, die sich beschämt fühlten, raunten ihm allerlei zu. So entließ man Abner zwar ungestraft, doch ohne Lohn, ja, man legte ihm sogar die Kosten des Verhörs auf, sodass er ärmer von dannen ging, als er gekommen war.

Abner aber nahm es mit Gelassenheit und einem stillen Lächeln. Auf dem Heimweg dachte er nach über das, was ihm widerfahren war, und er sprach zu sich selbst: Sieh an, beinahe hätte mich meine Klugheit ins Verderben gestürzt. Hätte ich geschwiegen und mich unwissend gestellt, so wäre mir manche Mühe erspart geblieben. Doch im Grunde seines Herzens war er nicht traurig, denn er wusste: Die Gabe, zu sehen und zu verstehen, kann einem niemand nehmen, und sie ist ein Reichtum, den keine Strafe schmälert.

Von jenem Tage an aber wurde Abner ein wenig vorsichtiger mit seiner Kunst. Er las weiterhin in den Spuren des Sandes und in den kleinen Zeichen der Welt, doch er hütete sich, allzu freigebig kundzutun, was er alles erkannte. Denn er hatte gelernt, dass die Menschen die Klugheit zwar bewundern, sie aber dem, der sie allzu offen zeigt, nicht immer verzeihen.

So endet die Geschichte von Abner, der nichts gesehen und doch alles erkannt hatte — eine Geschichte von wachen Augen, von einem ruhigen Verstand und von der stillen Würde dessen, der sich durch kein Unrecht erbittern lässt. Es ist etwas Beruhigendes darin, nicht wahr: dass die Welt voller kleiner Zeichen ist, die einander erklären, und dass am Ende doch alles seine Ordnung hat.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

Zurück zum Anfang

Lieber hören?

Diese Geschichte ist Kapitel in Wilhelm Hauffs Märchen · Das kalte Herz, Kalif Storch und mehr. Der Sprung führt an genau die Stelle.

Noch etwas zu lesen