Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen der Bibel · 7 Minuten zu lesen

Abraham und der Ruf in die Ferne

Vor langer, langer Zeit, in einem Land voller Sonne und Staub, lebte ein Mann namens Abram in der Stadt Haran. Es war eine Stadt der Karawanen und der Händler, durchzogen vom Geruch nach Gewürzen und frischem Brot, erfüllt vom Abendlärm der Märkte und dem leisen Murmeln der Brunnen. Abram war kein junger Mann mehr. Sein Haar hatte die Farbe von Mondlicht, und seine Hände trugen die Male vieler gelebter Jahre. Doch sein Herz war ruhig und offen wie ein weiter Himmel.

Er lebte dort mit Sarai, seiner Frau, die er liebte wie die Erde das Wasser liebt, still, tief und beständig. Sarai war schön, nicht nur in ihrer Erscheinung, sondern in der Art, wie sie die Welt betrachtete: mit klaren Augen und einer Würde, die keine großen Worte brauchte. Sie hatten kein Kind, und das war ein Schmerz, den beide trugen wie einen Stein, den man mit sich nimmt auf einer langen Reise, nicht immer spürbar, aber niemals ganz abgelegt. Ihr Haushalt aber war voll und lebendig, mit Dienern und Herden, mit Kamelen und Eseln und allem, was ein ehrwürdiges Leben ausfüllt.

Und es geschah in jenen Tagen, dass Gott zu Abram sprach, nicht laut wie Donner und nicht fremd wie das Knacken nächtlichen Holzes, sondern nah, tief und unverkennbar wie das eigene Herz. Es war eine Stimme, die man nicht erklären kann, die man nur vernimmt, wenn man wirklich still ist. Und die Stimme sprach: Verlasse dein Land und dein Vaterhaus und deine Verwandtschaft. Geh in ein Land, das ich dir zeigen werde. Und ich will dich zu einem großen Volk machen und dich segnen. Abram schwieg lange, nachdem er diese Worte gehört hatte. Er saß dort im Abendlicht, während die Schatten länger wurden und die ersten Sterne zögernd am Himmel erschienen.

Es ist eine sonderbare Sache, wenn das Leben einen ruft, aufzubrechen. Alles Vertraute, alles Aufgebaute, alles Gewohnte liegt hinter einem. Und vor einem liegt, nichts als ein Versprechen. Kein Weg ist gezeichnet, kein Ziel benannt. Nur diese eine Gewissheit, leise und fest: Geh. Abram hätte viele Gründe gehabt, zu bleiben. Sein Zelt stand fest, seine Herden grasten sicher, seine Verwandten waren nah. Und doch brach etwas in ihm auf, leise wie das erste Licht des Morgens, das man nicht aufhalten kann, selbst wenn man noch schlafen möchte.

Abram sprach mit Sarai. Er setzte sich zu ihr, und sie saßen lange beisammen, während das Feuer zwischen ihnen brannte und die Nacht um ihr Zelt lag. Er erzählte ihr, was er gehört hatte, einfach und ohne Ausschmückung, wie man einem Menschen erzählt, dem man vertraut. Und Sarai hörte zu mit dieser stillen Aufmerksamkeit, die ihr eigen war. Sie fragte nicht: Wohin genau? Sie fragte nicht: Wann kehren wir zurück? Sie schaute ihn an, und in ihrem Blick lag etwas, das Vertrauen heißt, wenn es wirklich groß ist, ein Ja ohne alle Bedingungen.

Und so begannen sie, ihre Dinge zusammenzupacken. Zelte wurden abgebrochen, Tiere gesammelt, Lasten verteilt. Der Neffe Lot, den Abram wie einen eigenen Sohn liebte, schloss sich ihnen an. Diener und Gefährten bereiteten sich vor. Es war nicht der Aufbruch eines einzelnen Mannes — es war der Aufbruch einer ganzen kleinen Welt, die sich in Bewegung setzte, weil einer unter ihnen gehört hatte, was unsichtbar und doch wahr war.

Der Morgen, an dem sie Haran verließen, war kühl und klar. Die Sonne stieg langsam hinter den fernen Hügeln empor, und ihr erstes Licht fiel golden auf den Staub der Straße. Die Karawane zog schweigend an, die Kamele trotteten im gleichmäßigen Schritt, und die Herden bewegten sich ruhig durch das frühe Morgengrauen. Haran lag bald hinter ihnen, seine Türme und Dächer wurden kleiner und kleiner, bis sie schließlich verschwanden wie ein Traum, der sich auflöst, wenn der Tag beginnt.

Sie zogen durch Länder, die fremd waren und doch ihren eigenen Gesetzen gehorchten. Durch das Land Kanaan zogen sie, das lieblich war mit seinen Hügeln und Tälern, seinen Olivenhainen, die silbern glänzten im Wind, seinen Feigenfeldern und seinen weiten Ebenen, über die der Blick bis zum Horizont reichte. Abram sah dieses Land mit den Augen eines Menschen, der zu schauen gelernt hat, langsam, dankbar, ohne zu besitzen.

Und dort, unter einer alten Eiche auf einem Hügel, der Luft und Licht von allen Seiten empfing, sprach die Stimme wieder zu ihm. Sie sprach ihm zu von der Zukunft, von einem Land, das werden würde für die, die nach ihm kommen. Abram stand lange dort und schaute über das weite, stille Land. Er baute an diesem Ort einen Altar aus den Steinen, die um ihn lagen, nicht prächtig und nicht aufwendig, sondern einfach und beständig, so wie echte Dinge immer sind.

Dann zog er weiter. Immer weiter. Er zog durch Gegenden, wo die Luft trocken war und die Erde rissig in der Mittagshitze. Er zog durch Täler, in denen das Gras grün und zart war und kleine Bäche leise rauschten. Er errichtete weitere Altäre auf dem Weg, schlichte Male aus Stein, wie Atemzüge einer langen Reise, die besagen: Hier war ich. Hier habe ich innegehalten. Hier war die Stille gut.

Es gab schwierige Zeiten auf dieser Reise. Eine große Dürre kam über das Land, und Abram führte seine Menschen nach Ägypten, wo der Nil das Land auch in kargen Zeiten am Leben erhielt. Sie sahen die großen Städte am Strom, die steinernen Tempel und die weiten Felder, die sich in das Wasser des Nils tauchten. Doch Abram wusste, dass auch Ägypten nicht sein Ziel war. Wenn die Not vorbei war, kehrte er zurück, zurück in das Land, aus dem die Stimme gesprochen hatte.

Und er kehrte zurück, reicher an Erfahrung, gereifter in seiner Stille. Sein Neffe Lot war bei ihm, und ihre Herden waren so zahlreich geworden, dass das Land zwischen ihnen zu eng wurde. Da sagte Abram zu Lot, Wir wollen uns nicht streiten, du und ich. Sieh das Land vor dir, wähle, wohin du gehen möchtest, und ich gehe in die andere Richtung. Das war die Großzügigkeit eines Menschen, dem Besitz nicht das Wichtigste ist. Lot schaute sich um, sah das reiche, wasserreiche Jordantal und wählte es. Abram aber blieb in Kanaan.

Und noch einmal sprach die Stimme zu ihm, ruhig wie der Wind, der in der Nacht durch das Gras streicht. Sie sprach von dem Land, das er sehen konnte in alle vier Himmelsrichtungen, und von einer Zukunft, die größer war, als ein einzelner Mensch sie fassen konnte. Abram stand dort unter dem Sternenhimmel, und die Sterne waren so zahlreich, dass kein Name ausreichte, sie zu zählen. Er atmete tief ein, und die Nachtluft war kühl und rein.

Er zog weiter und ließ sich nieder bei den Eichen von Mamre, nahe der Stadt Hebron. Dort schlug er sein Zelt auf, und dort baute er wieder einen Altar. Das Leben wurde ruhiger. Die Herden grasten auf den weichen Hügeln. Sarai saß abends vor dem Zelt, und der Abendhimmel über Kanaan glühte in den Farben von Gold und Rosenholz. Die Sterne kamen, einer nach dem anderen, wie alte Bekannte. Abram hatte sein Vaterhaus verlassen und alles Vertraute hinter sich gelassen, weil eine Stimme ihn gerufen hatte.

Er hatte nicht gewusst, wohin. Er hatte nur gewusst: Ich muss gehen. Und nun saß er unter diesem endlosen Himmel, in diesem fremden und doch vertrauten Land, und die Stille um ihn war wie eine Antwort, nicht auf alle Fragen, aber auf die eine, die am tiefsten liegt: Bist du auf dem richtigen Weg? Die Nacht legte sich sanft über die Hügel von Kanaan. Die Feuer erloschen langsam, die Tiere ruhten, die Menschen schliefen. Und Abram lag in seinem Zelt, die Augen offen für die Sterne, die durch den Eingang sichtbar waren, und sein Herz war so ruhig und weit wie das Land, das ihn umgab.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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