Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen der Bibel · 6 Minuten zu lesen

Abraham und die drei Besucher

Vor langer, langer Zeit, in einem Land voller Sonne und Staub, lebte ein alter Mann in einem Zelt unter dem weiten Himmel. Sein Name war Abraham, und er hatte sein ganzes Leben lang dem Ruf in die Ferne gehorcht, war gezogen von Ort zu Ort, hatte vieles aufgegeben und vieles gefunden. Nun war er alt geworden, und sein Haar war weiß wie das Fell eines Lammes, und seine Frau Sara war alt geworden an seiner Seite. Ihre Hände, einst geschmeidig wie junges Holz, trugen nun die Falten eines langen, erfüllten Lebens. Sie lebten bei den Terebinthen von Mamre, wo die Bäume ihren Schatten breit über das gelbe Gras warfen und der Wind bisweilen nach Thymian duftete.

Es war die heiße Stunde des Tages. Die Sonne stand hoch und schwer über dem Land, und kein Vogel sang, und kein Schaf bewegte sich. Alles schien in der Wärme zu ruhen, als wäre die Zeit selbst für einen Atemzug angehalten. Abraham saß am Eingang seines Zeltes, den Blick über die flimmernde Weite gerichtet, und ließ die Stille auf sich liegen wie eine vertraute Decke. Die Hügel in der Ferne waren blass vor Hitze, und der Himmel darüber war von einem Blau, das fast weiß wirkte, so tief und klar war es.

Und dann sah er sie. Drei Gestalten standen plötzlich vor ihm, und Abraham wusste nicht, woher sie gekommen waren. Er hatte nicht gehört, wie sie sich näherten. Kein Schritt hatte den Staub aufgewirbelt, kein Rascheln hatte die Stille gestört. Sie standen einfach da, in der gleißenden Mittagssonne, und schauten ihn an. Etwas in Abraham, tief in seiner Brust, dort wo das Herz die Dinge spürt, bevor der Verstand sie begreift, etwas in ihm erkannte, dass diese Begegnung nicht gewöhnlich war.

Abraham erhob sich ohne Zögern. Seine alten Knie trugen ihn rasch nach vorn, und er verneigte sich tief vor den drei Fremden, das Gesicht dem Boden zugeneigt, wie es die alte Sitte gebot gegenüber Gästen, die man ehren wollte. Und er sprach zu ihnen mit warmer Stimme: Ihr habt mich gnädig bedacht, wenn ihr bei eurem Knecht einkehrt. Lasst euch Wasser bringen, damit ihr eure Füße waschen könnt. Lehnt euch unter den Baum und ruht, und ich will euch Speise bereiten, damit ihr gestärkt weiterziehen könnt.

Die drei Fremden antworteten einfach und ruhig: Tu, wie du gesagt hast. Und Abraham eilte ins Zelt zu Sara. Er bat sie, das feinste Mehl zu nehmen und Brot zu backen, frisch und duftend, so wie sie es verstand. Dann lief er selbst zu der Herde, wählte ein zartes Kalb und bereitete es zu. Er trug Butter und Milch herbei und legte alles vor seine Gäste, und er stand bei ihnen unter dem Baum, während sie aßen, bereit, ihnen zu dienen. Der Schatten der Terebinthe fiel kühl auf alle, und eine stille Freude lag über dem Ort, so wie das Licht eines späten Nachmittags alles ein wenig goldener erscheinen lässt.

Und einer der drei fragte: Wo ist deine Frau Sara? Abraham antwortete, dass sie im Zelt sei. Da sprach der Fremde wieder, leise und bestimmt, und seine Worte fielen wie ein Versprechen in die Stille des Mittags: Wenn das Jahr sich wendet und die Tage wieder wärmer werden, wird Sara, deine Frau, einen Sohn zur Welt gebracht haben. Sara stand hinter dem Zelttuch und hörte diese Worte.

Und sie lachte, leise, kaum hörbar, ein Lachen, das nicht aus Freude kam, sondern aus dem stillen Wissen um ihr Alter und das Alter ihres Mannes. Denn wie sollte das möglich sein, dachte sie, was dieser Fremde da sprach? Sie und Abraham hatten so viele Jahre gewartet, und die Hoffnung hatte sich längst in eine stille Akzeptanz gewandelt, wie das Abendrot, das langsam erlischt und einem ruhigen Sternenhimmel Platz macht.

Doch der Fremde, ohne sich umzudrehen, ohne sie gesehen zu haben, sprach wieder: Warum lacht Sara? Und in jener Frage lag eine Sanftheit und eine Tiefe, die Sara erzittern ließ. Sie trat hervor und sagte, sie habe nicht gelacht, denn Scheu hatte sie erfasst. Aber der Fremde erwiderte, still und ohne Vorwurf: Doch, du hast gelacht. Es waren nicht Worte des Tadels. Es waren Worte, die sagten: Ich war dabei.

Ich kenne dein Herz. Und ich sage dir dennoch, was ich dir gesagt habe. Abraham stand da und schwieg, und der Wind bewegte die Blätter der Terebinthe, und irgendwo in der Ferne rief ein Vogel, der erste seit Stunden. Die Stille nach diesen Worten war anders als die Stille vorher — sie war erfüllt, sie trug etwas in sich, wie ein Gefäß, das man mit dem Kostbarsten füllt, das man kennt.

Dann erhoben sich die drei Fremden. Abraham begleitete sie ein Stück des Weges, hinaus aus dem Schatten der Bäume, in das breite Licht des Nachmittags. Er schaute ihnen nach, wie sie den Weg entlanggingen, bis die flimmernde Luft sie schließlich in sich aufnahm und die Weite des Landes sie verbarg. Er kehrte um und ging langsam zurück zu seinem Zelt, und die Erde unter seinen Füßen war warm und vertraut, und der Himmel war sehr blau, und alles war so wie immer, und doch war nichts mehr ganz wie zuvor.

Sara saß in der Kühle des Zeltes und dachte nach. Ihre Hände lagen ruhig in ihrem Schoß. Das Lachen war vergangen, und an seiner Stelle war etwas anderes getreten, etwas, das sie nicht benennen konnte, das aber wärmer war als Hoffnung und stiller als Gewissheit. Es war das Gefühl, dass das Leben noch nicht alles gesagt hatte, was es zu sagen hatte. Dass die Geschichte noch nicht zu Ende war.

Die Sonne wanderte weiter über den Himmel, und die Schatten wurden länger, und die Herde kehrte von den Hügeln zurück, und der Abend kam über das Land von Mamre wie ein alter Freund, leise und ohne Eile. Abraham zündete die Lampe an vor seinem Zelt, und ihr Licht war warm und ruhig in der hereinbrechenden Nacht, und die Sterne begannen, einen nach dem anderen, über der Wüste zu erscheinen. So ruhte Abraham unter dem unendlichen Himmel, und seine Frau schlief in der Stille des Zeltes, und das Versprechen des Tages lag über ihnen wie ein sanftes, leuchtendes Tuch, unsichtbar und doch gegenwärtig, wie das erste Licht des Morgens, das man noch nicht sieht, aber bereits spürt, bevor es kommt.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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