Andreas’ Nacht

Frei nach Hans Christian Andersens To Jomfruer · 4 Minuten zu lesen

Zwei Jungfern

Hast du je ein Straßenpflaster setzen sehen? Dann kennst du das Gerät, um das es hier geht: ein schweres Ding aus Holz, unten breit mit eisernen Ringen, oben schmal mit zwei Armen aus Stäben, mit dem die Arbeiter die Steine festrammen. Seit alters her heißt so ein Ding im Munde der Leute eine Jungfer, und im Schuppen des Pflastermeisters lehnten zwei davon an der Wand, eine ältere und eine jüngere, und sie waren mit ihrem Namen sehr zufrieden. Bis der Tag kam, an dem die Obrigkeit beschloss, die Dinge neu zu ordnen: Die Jungfer, hieß es amtlich, heiße künftig Stempel.

Die beiden hatten zusammen manches Pflaster gerammt, die Marktgasse hinauf und den Kirchplatz entlang, und sie waren stolz auf ihre Arbeit, wie man nur auf Arbeit stolz sein kann, auf der hinterher alle herumlaufen, ohne sie zu bemerken. Das ist das Los der Gründlichen, pflegte die Ältere zu sagen: Merkt man uns, war es schlecht gemacht; merkt man uns nicht, fragt keiner, wer es gemacht hat. Die Jüngere fand das früher ungerecht. Später fand sie es vornehm. So verschiebt sich das mit den Jahren, wenn man aus gutem Holz ist.

Da war es aus mit der Ruhe im Schuppen. Jungfer, sagte die Ältere, ist ein Menschenname, und Stempel ist ein Ding. Wir lassen uns nicht Ding nennen. Die Jüngere hatte noch einen zarteren Grund: Sie war so gut wie verlobt, mit dem großen Rammbock unten am Hafen, der die Pfähle in den Grund stößt. Er hat um eine Jungfer angehalten, sagte sie, ob er auch einen Stempel nimmt, das weiß man nicht. Der Schiebkarren mischte sich ein und hielt eine kleine Rede über den Fortschritt, denn Schiebkarren halten sich für ein halbes Fuhrwerk, und die Messschnur erklärte trocken, mit neuen Namen komme man weiter — sie selbst heiße jetzt Nivellierinstrument. Es half nichts: Die Ordnung blieb, der neue Name auch.

Und der Rammbock? Es kamen ein paar schwere Wochen für die Jüngere, denn unten am Hafen wurde geredet, er habe gesagt, mit einem Stempel verlobe er sich nicht. So sind die Rammböcke: viel Wucht, wenig Herz. Aber im Schuppen, in der Dämmerung, sagte die Ältere zur Jüngeren: Lass ihn reden, Kind. Was auf dem Papier steht, geht uns nichts an. Untereinander bleiben wir, was wir sind. Und so hielten es die beiden fortan: Bei Tag, im Dienst, ließen sie sich Stempel rufen und rammten die Steine so gerade wie eh und je — man soll seine Arbeit nicht vom Ärger krumm machen lassen. Und am Abend im Schuppen sagten sie Jungfer zueinander, und dabei blieb es.

Der Schiebkarren übrigens, der so fortschrittlich geredet hatte, bekam bald darauf seine eigene Lektion: Die Behörde beschloss, auch ihn umzubenennen, in Transportgerät, einachsig. Da war es mit seiner Fortschrittsfreude schlagartig vorbei, und er quietschte drei Tage lang bei jeder Fuhre, bis der Pflastermeister ihn ölte und dabei, ohne es zu wissen, das erlösende Wort sprach: Na komm, alter Karren. Alter Karren — das war zwar auch kein Name aus dem Verzeichnis, aber es war einer mit Zuneigung darin, und darauf kommt es an. Seither quietschte er nur noch aus technischen Gründen. Die beiden Jungfern haben sich das gemerkt und dem Pflastermeister von da an besonders gerade gerammt. Man arbeitet gern für Leute, die alte Geräte beim richtigen Namen nennen.

Vielleicht ist das der Rat, der aus dem Schuppen des Pflastermeisters zu holen ist, und er ist gar nicht klein: Die Ämter dieser Welt dürfen umbenennen, was sie wollen; wie einer bei sich selbst heißt, das bestimmen ganz allein die, die ihn liebhaben. Das Straßenpflaster jedenfalls liegt bis heute fest und eben, gerammt von zwei Jungfern, gleich wie sie im Verzeichnis standen. Abends, wenn der Schuppen zu ist, lehnen sie beieinander an der Wand, und wenn draußen auf dem neuen Pflaster die letzten Schritte des Tages vorübergehen, klingt es unter den Steinen ganz leise nach gut gemachter Arbeit. Darauf schläft es sich gut, auch als Stempel.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Andersen Märchen, Teil zwei · Die vergessenen 65 Geschichten. Der Sprung führt an genau die Stelle.

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