Andreas’ Nacht

Frei nach Hans Christian Andersens Zwei Brüder — über Hans Christian und Anders Sandøe Ørsted aus Rudkjöbing · 4 Minuten zu lesen

Zwei Brüder

Auf einer der dänischen Inseln, zwischen Hünengräbern und Buchenwald, liegt ein kleines Städtchen mit roten Dächern, und in einem seiner niedrigen Häuser wuchsen einmal zwei Brüder auf. Es war ein Haus, in dem abends nicht nur gegessen und geschlafen wurde: Der Vater saß über Kolben und Gläsern und Büchern, denn er war ein Mann, der den Dingen auf den Grund wollte, und die Mutter hielt auf das andere, das ebenso wichtig ist — dass im Haus alles gerecht und ehrlich zugehe, bis hin zum kleinsten Streit der Söhne. So bekamen die Brüder beides mit: die Neugier und das Gewissen.

Das Städtchen hieß Rudkjöbing und lag auf der Insel Langeland, und es war so klein, dass jeder jeden kannte und die Nachrichten schneller waren als der Bote. Aber klein heißt nicht eng: Vom Hafen rochen die Gassen nach Teer und weiter Welt, am Himmel darüber übten die Stare ihre großen Figuren, und in der Apotheke des Vaters standen Gläser mit Aufschriften, die klangen wie Zaubersprüche. Für zwei aufgeweckte Jungen war das Städtchen kein Käfig, sondern ein Startplatz. Es kommt eben nicht darauf an, wie groß der Ort ist, in dem einer anfängt. Es kommt darauf an, wie groß die Fragen sind, die man dort stellen darf. Und im Haus des Apothekers durfte man alle stellen.

Die beiden waren verschieden, wie Brüder es sind. Der eine sammelte am Strand Steine und fragte den Vater Löcher in den Bauch: warum der Bernstein duftet, warum der Funke springt, warum die Nadel des Kompasses immer nach Norden will. Nachts lag er am Fenster und sah den Sternschnuppen zu, und ihm war, als winke ihm der ganze Himmel zu: Komm und such. Der andere las, was ihm in die Hände fiel, und am liebsten die alten Geschichten von Recht und Unrecht; er konnte nicht mitansehen, wenn einem Schwächeren etwas geschah, und die Mutter sagte früh: Aus dem wird einer, der das Gerade verteidigt. Und in einer Nacht, so erzählt es die Geschichte, träumten beide denselben hellen Traum: dass eine leuchtende Gestalt sich über ihre Betten beugte und jedem etwas zusprach — dem einen die Kräfte der Natur, dem anderen das Maß der Gerechtigkeit.

Dabei hielten die zwei fest zusammen, das gehört zur Wahrheit dazu. Der Jüngere half dem Älteren, wenn dessen Rechnungen nicht aufgehen wollten, denn er hatte den geduldigeren Kopf für das Genaue; und der Ältere nahm den Jüngeren mit hinaus, wenn der sich festgelesen hatte, und zeigte ihm, dass die Welt auch außerhalb der Bücher stattfand, am Strand zum Beispiel, wo die Bernsteine liegen. Abends im geteilten Bett wurde geflüstert, was einmal werden sollte, und jeder ließ dem anderen seinen Traum ganz — das ist unter Brüdern nicht selbstverständlich und war vielleicht die beste Vorschule für alles Spätere. Wer früh lernt, einem anderen den Traum zu lassen, der lernt auch, seinen eigenen zu behalten.

Aus den Jungen wurden Männer, und aus dem Traum wurde Wirklichkeit, wie sie kein Märchen schöner erfinden könnte. Der Jüngere wurde ein großer Mann des Rechts, dem das ganze Land vertraute, wenn es um Gesetz und Billigkeit ging. Und der Ältere wurde ein großer Mann der Wissenschaft: Er fand als Erster das Band, das den Blitz am Himmel mit der stillen Kompassnadel verbindet, und sein Name wurde in allen Ländern genannt und wird es bis heute. Örsted hießen die beiden — zwei Brüder aus einem niedrigen Haus in einem kleinen dänischen Städtchen.

Wenn heute in dem Städtchen die Kinder abends an dem alten Haus vorbeigehen, heißt es wohl: Da drinnen haben sie gewohnt, und angefangen hat alles mit einem Vater voller Fragen und einer Mutter voller Gerechtigkeit. Mehr braucht es vielleicht gar nicht, um zwei Kindern die Welt aufzuschließen: einer, der zeigt, wie man staunt, und eine, die zeigt, wie man gut bleibt dabei. Über den roten Dächern fallen die Sternschnuppen noch immer, jede Nacht ein paar, und irgendwo liegt immer ein Kind am Fenster und sieht ihnen nach. So fängt es an, jedes Mal.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

Zurück zum Anfang

Lieber hören?

Diese Geschichte ist Kapitel in Andersen Märchen, Teil zwei · Die vergessenen 65 Geschichten. Der Sprung führt an genau die Stelle.

Noch etwas zu lesen