Andreas’ Nacht

Nach griechischer Überlieferung · 6 Minuten zu lesen

Zeus, der Herr des Himmels

In jenen alten Tagen, als die Welt noch jung war und die Götter den Lauf der Dinge lenkten, begann alles mit einem Stein. Kronos, der mächtige Titan, Herr der Zeit und Vater der ersten Göttergeneration, hatte gehört, was die Schicksalsgöttinnen über ihn sprachen: dass einer seiner Kinder ihn einst stürzen würde, so wie er selbst seinen Vater Uranos gestürzt hatte. Und so, wenn Rhea, seine Gemahlin, ihm ein Kind gebar, öffnete Kronos die Hand und verschlang es, Hestia, Demeter, Hera, Hades, Poseidon, eines nach dem anderen, bis seine Gemahlin Rhea in ihrem Schmerz einen Entschluss fasste. Als Zeus geboren wurde, wickelte sie einen Stein in Windeln und reichte ihn Kronos, der ihn hinunterschluckte, ohne zu zögern.

Das Kind aber wurde in einer Höhle auf der Insel Kreta verborgen, wo die Kureten mit Lärm und Tanz die Schreie des Säuglings übertönten. Zeus wuchs heran in den grünen Tälern Kretas, genährt von der Ziege Amaltheia und bewacht von den Nymphen des Berges. Die Jahre gingen wie das stille Wachsen eines Baumes dahin, unscheinbar von weitem und doch unaufhaltsam. Als er erwachsen war, nahm er die Gestalt eines jungen Mannes an, und in seinen Augen lag bereits das Leuchten des Himmels. Mit Hilfe der Titanin Metis braute er einen Trank, der seinem Vater die Kinder wieder entreißen sollte.

Kronos trank, und würgte, und heraus kamen die Götter, einer nach dem anderen, zuerst den Stein, dann die Kinder in umgekehrter Reihenfolge, und alle waren unverletzt, denn Unsterbliche kann der Leib des Titans nicht schaden. Die Geschwister des Zeus standen nun auf der Erde und blickten einander an, Hestia, Demeter und Hera, Hades und Poseidon, und in diesem Augenblick erkannten sie einander, als hätte die Zeit der Gefangenschaft nicht gezählt.

Doch Kronos gab seine Herrschaft nicht freiwillig auf, und die alten Titanen sammelten sich auf dem Berg Othrys und rüsteten zum Kampf. Zehn Jahre währte der Titanenkrieg, und die Erde bebte von den Schlägen der Unsterblichen. Zeus stieg hinab in den Tartaros und befreite die Zyklopen, die dankbar in ihrer Schmiede arbeiteten und ihm den Donnerkeil schmiedeten, Blitz und Donner in einer einzigen Waffe, wie Feuer, das der Himmel schleudert.

Herr des Himmels, sagten die Zyklopen, als sie ihm das strahlende Geschenk in die Hände legten, was auch immer kommen möge, Blitz und Donner gehorchen nun deinem Willen allein. Mit dem Donnerkeil in der Hand zog Zeus in die letzte große Schlacht. Die Götter vom Olymp standen den Titanen gegenüber, und Zeus schleuderte seine Blitze wie fernes Wetterleuchten über Wolken, ein Licht, das die Titanen blendete, ein Donner, der den Othrys erzittern ließ. Kronos und seine Gefährten wurden bezwungen und in den Tartaros verbannt, in die tiefsten Tiefen unter der Erde, wo sie hinter ehernen Toren ruhten. Die Zyklopen und die Hundertarmigen bewachten die Tore, und der Kampf war beendet.

Nun teilten die drei Brüder die Welt unter sich auf, so wie es die Schicksalsgöttinnen gewoben hatten. Sie zogen das Los: Poseidon erhielt das weite Meer mit allen Stürmen und Tiefen, Hades bekam das Reich der Schatten unter der Erde, und Zeus, Zeus erhielt den Himmel und mit ihm die Herrschaft über die Götter des Olymp. Die Erde und der Olymp selbst aber gehörten allen gemeinsam, wie ein Tisch, an dem alle sitzen dürfen.

Der Olymp, den Zeus nun seine Heimstatt nannte, lag über den Wolken, hoch genug, dass Regen ihn nicht berühren konnte. Seine Hallen schimmerten in goldenem Licht, das keine irdische Sonne kannte, und die Götter versammelten sich dort zum Rat, auf Thronen aus Elfenbein und weißem Marmor. Zeus saß in ihrer Mitte, der wolkenversammelnde Gott, und hielt in einer Hand den Szepter, das Zeichen der Herrschaft, und hatte den Donnerkeil stets zur Hand. Ein Adler wurde sein Begleiter, groß, dunkel, scharfäugig, und wenn Zeus auf die Welt hinabblickte, blickte auch der Adler, und was der Adler sah, sah Zeus.

Zeus war der Garant der Ordnung unter den Göttern und der Menschen. Er wachte über die Gesetze der Gastfreundschaft, über die Eide, die bei seinem Namen geschworen wurden, und über die Gerechtigkeit in der Welt. Wer einen Gastfreund verletzte, wer einen Schwur brach, wer das Heilige mit Füßen trat, den erinnerte Zeus, manchmal durch ein Zeichen am Himmel, manchmal durch etwas Gewichtigeres. Die Griechen nannten ihn Zeus Xenios, den Schirmherrn der Fremden, und Zeus Horkios, den Hüter der Schwüre, und Zeus Soter, den Retter. Jeder dieser Beinamen war eine Eigenschaft, eine Pflicht, die der Himmelsgott auf sich genommen hatte.

Auf dem Olymp hatte Zeus seinen Platz, und von dort aus ließ er die Schicksale der Menschen nicht außer Acht. Wenn die Völker unter den Sternen Hellas’ beteten, wenn ein Opfer auf dem Altar brannte und der Rauch zum Himmel stieg, dann neigte Zeus den Kopf und hörte. Nicht immer tat er, worum gebeten wurde, denn er kannte den Webstuhl der Schicksalsgöttinnen und wusste, was bereits festgesetzt war. Aber er hörte, und das allein gab den Menschen das Gefühl, dass der Himmel nicht gleichgültig war.

Einmal, so erzählen die alten Sänger, fragte ein Heros den Gott um Rat, und Zeus antwortete nicht mit Worten, sondern ließ einen Adler zur Rechten fliegen, was ein gutes Zeichen war. Denn Zeus sprach oft in Zeichen: im Flug der Vögel, im Donner, der aufleuchtet, wenn der Himmel klar scheint, im ersten Regen nach langer Dürre. So saß der wolkenversammelnde Zeus auf dem Olymp, über den Wolken der Welt, und die Götter saßen um ihn, und jeder hatte seine Aufgabe. Hera würde bald ihre eigene Geschichte haben, die Königin des Olymp, die neben Zeus thront, mit einer Würde, die ihr niemand nehmen kann.

Doch das ist das nächste Kapitel der großen Erzählung. In dieser Nacht bleibe bei dem Bild des Himmels, der sich über allem wölbt: über den Olivenhainen, über dem weinroten Meer, über den Inseln im Abendlicht. Irgendwo über den Wolken schimmern die goldenen Hallen, und ein Adler kreist in der Stille, und alles ist an seinem Platz. So war es in jenen alten Tagen, und so klingt es noch heute nach, wenn der Himmel sich nachts über uns öffnet und die Sterne aufgehen, eines nach dem anderen, ruhig und unveränderlich.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Griechische Mythologie · Götter, Helden und die Odyssee.

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