Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen der Bibel · 7 Minuten zu lesen

Zachäus auf dem Baum

Vor langer, langer Zeit, in einem Land voller Sonne und Staub, lag eine Stadt am Rand des Jordantals, umgeben von Palmen und fruchtbaren Feldern. Sie hieß Jericho, und sie war eine reiche Stadt, denn viele Straßen kreuzten sich dort, und viele Händler zogen durch ihre Tore. In dieser Stadt lebte ein kleiner Mann, dessen Name Zachäus war, und obwohl er zu den Reichsten der Stadt gehörte, war er einer der Einsamsten.

Zachäus war Zolleinnehmer, und nicht irgendein einfacher, sondern der Oberste seines Standes in Jericho. Er saß an den Toren und erhob Abgaben von denen, die kamen und gingen, und viele meinten, er nehme mehr als ihm zukam. Ob das stimmte oder nicht, die Menschen mieden ihn. Wenn er durch die Gassen ging, traten sie zur Seite. Wenn er in den Schatten eines Hauses trat, verstummten die Gespräche. Er kannte die Stille, die entsteht, wenn man in einen Raum kommt und alle wissen, dass man da ist, ohne dass jemand einen willkommen heißt.

Und so lebte Zachäus in seinem großen Haus mit seinen vielen Dingen und seiner stillen Einsamkeit, und die Jahre gingen dahin wie Staub im Wind. Dann aber, an einem ganz gewöhnlichen Morgen, ging eine Nachricht durch die Gassen von Jericho wie ein Windhauch, der eine Flamme anfacht. Man sagte, ein Mann namens Jesus ziehe durch das Land, ein Wanderlehrer aus Galiläa, von dem die Menschen Erstaunliches erzählten. Manche berichteten mit leuchtenden Augen, manche mit gesenkter Stimme, aber alle schienen bewegt. Und an diesem Tag, so hieß es, würde er durch Jericho ziehen.

Zachäus hatte von ihm gehört. In seiner Kammer, wenn die Nacht lang war, hatte er die Geschichten in Gedanken gedreht wie glatte Steine in der Hand. Er wusste nicht, was er suchte. Vielleicht wollte er nur einmal etwas mit eigenen Augen sehen, das mehr war als Münzen und Maßstäbe und Abgabenlisten. Vielleicht sehnte er sich einfach danach, jemanden zu sehen, über den die Menschen sprachen, ohne dass Verachtung in ihrer Stimme lag.

An jenem Morgen also stand er früh auf und zog seinen Mantel über die Schultern. Er trat aus seinem Haus und folgte dem Strom der Menschen, die sich alle in dieselbe Richtung bewegten, zur großen Straße, die durch Jericho führte. Doch als er ankam, da sah er, was er hätte wissen müssen: Die Menge war dicht gedrängt, Schulter an Schulter, und kein Mensch trat zur Seite, um ihm Platz zu machen. Im Gegenteil, die Leute standen wie eine Mauer, und er, der kleine Zachäus, sah nichts als Rücken und Ellenbogen und den Staub, der ihre Sandalen aufwirbelten.

Er versuchte, sich vorzuarbeiten. Doch niemand ließ ihn durch. Und niemand half ihm. Er stand am Rand der Menge, und die Stimmen schwollen an, und er wusste, dass gleich, jeden Augenblick, jemand diese Straße entlangkommen würde, und er würde nichts sehen. Gar nichts. Da fiel sein Blick auf einen Baum am Straßenrand. Es war ein Maulbeerfeigenbaum, wie sie überall in Jericho wuchsen, mit breitem, glattem Stamm und weit ausladenden Ästen, deren Blätter dicht und dunkelgrün waren. Zachäus stand einen Moment still. Dann, ohne lange nachzudenken, ohne sich darum zu kümmern, was die Menschen von ihm dachten, lief er ein paar Schritte, fasste den Stamm mit beiden Händen und zog sich hoch.

Es war nicht würdevoll. Ein Mann seines Standes, der auf einen Baum kletterte wie ein Kind. Aber Zachäus kümmerte es nicht. Er arbeitete sich von Ast zu Ast hinauf, bis er auf einem starken Zweig saß, hoch über den Köpfen der Menge, und von dort aus die Straße überschauen konnte. Er hielt sich mit einer Hand fest und spähte durch das Blattwerk in die Tiefe.

Und dann kam er. Inmitten einer Schar von Menschen, umgeben von Stimmen und Staub und dem Gemurmel der Menge, ging ein Mann die Straße entlang. Zachäus sah ihn aus der Höhe seines Astes — er sah, wie er sprach, wie er die Menschen betrachtete, die ihn umgaben, wie sein Schritt ruhig war, unbeirrt von all dem Lärm. Dann geschah etwas, das Zachäus nicht erwartet hatte. Der Mann hielt inne, genau dort, wo der Maulbeerfeigenbaum stand. Er blieb stehen, und sein Blick hob sich, ganz ruhig, ganz bestimmt, hinauf in das Geäst, dorthin, wo Zachäus saß und sich versteckt glaubte hinter den dichten Blättern.

Und er schaute Zachäus an. Nicht mit Missbilligung. Nicht mit jenem kühlen Blick, den Zachäus kannte, dem Blick, der sagte: Ich weiß, was du bist. Sondern mit einer Wärme, die Zachäus nicht beschreiben konnte, die aber so war, als hätte jemand nach einer langen Zeit seinen Namen gerufen und dabei auch wirklich ihn gemeint. Zachäus, sagte der Mann unten auf der Straße, steig schnell herunter. Denn heute muss ich in deinem Haus zu Gast sein.

Zachäus war so erstaunt, dass er einen Moment lang reglos auf seinem Ast saß. Dieser Mann kannte seinen Namen. Dieser Mann, von dem alle sprachen, von dem die Geschichten durch das Land zogen wie Wind über das Getreide, dieser Mann stand unter seinem Baum und bat ihn, ihn aufzunehmen. Nicht jemand anderen. Ihn. Zachäus, der der Einsamste der Stadt war. Da kletterte Zachäus herunter, rasch und unbeholfen und voller Freude. Seine Hände zitterten ein wenig, als seine Füße wieder den Boden berührten. Er stand vor dem Mann, und ringsum raunten die Menschen, und manche schüttelten die Köpfe und flüsterten: Wie kann er bei diesem da einkehren? Bei diesem Sünder? Doch Zachäus hörte sie kaum.

Er führte seinen Gast durch die Gassen Jerichos, zu seinem großen Haus mit den kühlen Räumen und dem Hof, wo ein Feigenbaum Schatten warf. Und während sie aßen und das Licht durch die Fenster fiel, da geschah etwas in Zachäus, das sich nicht leicht in Worte fassen lässt, etwas, das sich anfühlte wie das Öffnen eines Fensters in einem Raum, der lange geschlossen gewesen war.

Zachäus stand auf, und er sprach mit fester, ruhiger Stimme. Er sagte, er wolle die Hälfte seines Besitzes an die Armen geben. Und wenn er von jemandem zu viel genommen hatte, dann wolle er es vierfach zurückgeben. Er sagte es nicht laut, nicht als Ankündigung. Er sagte es schlicht, wie jemand, der endlich weiß, was er tun muss. Und der Mann, der sein Gast war, sah ihn an und sagte, mit einer Ruhe, die den ganzen Raum erfüllte, dass an diesem Tag Heil in dieses Haus gekommen sei.

Draußen rauschten die Palmen im Abendwind. Das Licht wurde weich und golden über den Dächern Jerichos. Und der Mann, der an diesem Tag durch die Stadt gezogen war und so viele Menschen berührt hatte, saß in dem Haus eines kleinen Zöllners, und der kleine Zöllner saß ihm gegenüber, und zwischen ihnen war Stille, aber es war eine Stille, die sich anfühlte wie Heimkommen.

In jener Nacht, als die Sterne über Jericho aufstiegen und die Stadt sich zur Ruhe legte, schlief Zachäus tiefer als seit langer Zeit. Sein großes Haus war dasselbe wie immer, die Münzen in seiner Truhe dieselben, die Straßen der Stadt dieselben. Aber er war nicht mehr derselbe. Denn manchmal genügt ein einziger Blick, ein einziges, wirkliches Erkanntwerden, um etwas in einem Menschen zu verändern, das keine Münze der Welt je berühren könnte. Und so ruhte Jericho unter dem großen Sternenhimmel, und der Wind strich leis über die Palmen, und alles war still.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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