Frei nach Hans Christian Andersens Hvem var den Lykkeligste? · 4 Minuten zu lesen
Welche war die Glücklichste?
An einem Rosenstrauch im Garten hingen viele Knospen und Blüten zugleich, und der Sonnenschein und der Tau hatten eines Morgens dasselbe Gespräch mit ihm: Deine Rosen, sagten sie, werden Schicksale haben, eines schöner als das andere. Welche wohl die Glücklichste wird? Der Strauch wusste es nicht, und die Rosen wussten es erst recht nicht, und dann kam das Leben und verteilte die Schicksale, wie es seine Art ist: ohne zu fragen.
Der Rosenstrauch stand an einem guten Platz, halb Sonne, halb Schatten, an der Südwand eines Gartenhauses, und er hatte Jahre hinter sich, in denen ihn niemand gefragt hätte, ob er glücklich sei — Raupenjahre, Spätfrostjahre, ein Jahr, in dem der Gärtner ihn beinahe gerodet hätte. Aber Sträucher vergessen schneller als Menschen, und in diesem Sommer stand er nun da in seiner vollen Pracht, und Sonnenschein und Tau, seine beiden ältesten Gönner, kamen jeden Morgen zu Besuch: der eine von oben mit der Wärme, der andere von unten mit dem Trunk. Wenn zwei so verschiedene sich in einer Sache einig sind, wird meist etwas Gutes daraus. In diesem Fall wurden es die Rosen.
Die erste Rose, halb entfaltet, wurde gepflückt und einem jungen Mädchen mitgegeben, das man zur letzten Ruhe schmückte; sie lag auf dem stillen Herzen wie ein letzter Gruß der Welt, und sie dachte: Mir wurde die zarteste Aufgabe gegeben — ich bin die Glücklichste. Die zweite wurde von der Hausfrau gepflückt und mit Lavendel und Nelken in die große Duftschale gelegt, wo sie ihren Sommer viele Jahre lang behalten durfte; einbalsamiert wie eine Königin, dachte sie, welche Ehre — ich bin die Glücklichste. Die dritte malte ein Maler so treu auf seine Leinwand, dass niemand mehr sagen konnte, welche echter sei; sie würde blühen, wenn alle Gärten des Jahres längst verweht wären. Ich, dachte sie, ich bin die Glücklichste.
Die vierte geriet in ein Gedicht. Ein Dichter sah sie an einem einzigen Abend an und schrieb sie in Zeilen, die noch heute gelesen werden, und in denen duftet sie weiter, ohne je zu welken. Unsterblich, dachte sie leise, ich bin es. Die fünfte war eine kleine schiefe Rose mit einem Fleck, über die die anderen die Köpfe geschüttelt hatten. Sie kam an keinen feinen Ort — aber der Grashüpfer machte ihr den Sommer über den Hof, und zuletzt landete sie, man glaubt es kaum, im besten Sonntagstabak eines alten Mannes, der beim Rauchen immer sagte: Es duftet nach Garten. Auch sie hielt sich, auf ihre Art, für die Glücklichste; der Glaube macht selig, und schief gewachsen heißt nicht falsch gewachsen.
Die sechste, die Schönste von allen, kam in einen Festball-Strauß und erlebte einen Abend voller Lichter und Musik — und fiel dann zu Boden und blieb hinter den Kulissen liegen. Dort fand sie ein Arbeitsmann, stellte sie daheim in ein Wasserglas, und so stand die Ballkönigin am nächsten Morgen auf dem Fensterbrett einer armen alten Frau, die sich den ganzen Tag über sie freute. Eine Woche Fenster bei jemandem, der wirklich hinsieht — das, sagen manche, sei mehr als ein Abend Ballsaal. Die Rose selbst hat sich nicht beklagt.
Man könnte nun meinen, zwischen den Rosen sei über die Frage gestritten worden, aber das war nicht so. Rosen streiten nicht; dafür blühen sie zu kurz und zu gern. Jede hörte von den Schicksalen der anderen durch den Wind, der so etwas herumträgt, und jede dachte in ihrer Art: Wie gut, dass es mich getroffen hat. Nur der alte Strauch, der sie alle getragen hatte, wiegte nachts die Zweige und rechnete zusammen: eine bei den Toten, eine bei den Düften, eine im Bild, eine im Lied, eine im Sonntagstabak, eine am Fenster einer armen Frau — und eine, die noch bei mir steht. Wenn das kein reiches Jahr war, knarrte er zufrieden, dann weiß ich nicht, was reich ist. Sträucher rechnen anders als Kaufleute. Sie zählen nicht, was bleibt, sondern was wirkt.
Und die letzte Rose blieb einfach am Strauch, blühte dort zu Ende, ließ ihre Blätter in den Wind fallen und meinte, das längste Zuhause sei wohl das größte Glück gewesen. Der Wind nahm die Blätter mit und trug die Frage über den Garten davon: Welche war nun die Glücklichste? Er hat sie nie beantwortet. Vielleicht, weil die Antwort zu einfach ist: Es war jede — jede an ihrem Platz, jede auf ihre Art. Der Rosenstrauch jedenfalls blüht im nächsten Sommer wieder, und der Sonnenschein und der Tau kommen wieder mit derselben Frage, und das ist vielleicht das Beste an ihr: dass man sie jedes Jahr neu stellen kann, und einschlafen darf man über ihr auch.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.