Frei nach Hans Christian Andersens Hvad man kan hitte paa · 3 Minuten zu lesen
Was man erfinden kann
Es war einmal ein junger Mensch, der wollte Dichter werden, und zwar bis Ostern, denn dann wollte er heiraten und vom Dichten leben. Aber das Erfinden wollte ihm nicht gelingen. Er kam zu spät zur Welt, das war sein Kummer: Alles sei schon aufgeschrieben, klagte er, alle Geschichten erzählt, alle Reime gereimt — was solle einer heute noch erfinden? Da riet man ihm, zu der weisen Frau zu gehen, die draußen am Feldrain in dem kleinen Haus wohnte und die Dinge kannte.
Die weise Frau hörte sich die Klage an, während sie Kartoffeln schälte, und sagte dann: Zu spät gekommen? Du bist bloß zu eilig hindurchgelaufen. Setz einmal meine Brille auf und halte mein Hörrohr ans Ohr, und dann sieh dir diese Kartoffel an. Der junge Mensch setzte die Brille zuerst falsch herum auf, wie es Anfängern geht, und sah damit gar nichts als seine eigene Nasenspitze, und auch die verkehrt. Geduld, sagte die weise Frau, das Sehen will gelernt sein, die meisten laufen ihr Leben lang mit verkehrten Brillen herum und merken es nicht einmal. Dann saß die Brille richtig, und die Welt rückte zurecht — nicht näher und nicht ferner, nur deutlicher, so wie ein Wort deutlicher wird, wenn man es zum zweiten Mal liest. Und die Kartoffel begann zu erzählen. Sie erzählte die ganze Geschichte ihres Geschlechts, wie es aus fremden Landen über das Meer gekommen war, verkannt und verspottet, wie man es erst für giftig hielt und dann für gewöhnlich, und wie es am Ende doch das ganze Land vor dem Hunger bewahrt hatte, still und knollig, ohne je ein Denkmal zu verlangen. Eine Heldengeschichte, sagte die weise Frau und schälte weiter, und sie liegt in jedem Erdloch.
Dann ließ sie ihn den Schlehenbusch am Zaun hören, der von seinen weißen Blüten im kalten Frühjahr erzählte und von seinen herben Früchten, die erst der Frost süß macht — es gibt Leute von derselben Sorte, sagte der Busch, die werden auch erst im Alter milde, und dann sind sie die Besten. Und das Bienenvolk erzählte vom Sommer, und der Zaunpfahl von seinem früheren Leben als Baum, und sogar die alte Wäscheleine hatte eine Geschichte, eine ziemlich verwickelte sogar. Siehst du, sagte die weise Frau, so voll ist die Welt. Erfinden — das ist gar nicht das Handwerk. Das Handwerk ist: sehen und hören und dann erst reden. Gib mir meine Brille zurück, ich brauche sie fürs Abendessen.
Sogar der alte Besen hinter der Tür meldete sich zu Wort und erzählte in knappen, borstigen Sätzen von seinen zwei Leben: dem ersten als junge Birke am Bach und dem zweiten im Dienst, und dass er über beide nicht klage, nur über die Ecken, in die nie jemand hineinleuchte. Da versprach die weise Frau, künftig auch die Ecken zu bedenken, und der Besen stand sichtlich gerader. So viel kann Zuhören ausrichten, sogar bei Besen — es kostet nichts und wirkt noch am selben Abend.
Der junge Mensch ging nach Hause, und ob aus ihm noch bis Ostern ein Dichter geworden ist, meldet die Geschichte nicht mit Bestimmtheit. Aber das Eine hatte er begriffen, und es machte ihn schon auf dem Heimweg reicher: Er ging langsamer als je zuvor, und die Welt redete auf ihn ein von allen Seiten, vom Kirschbaum herab und aus dem Straßengraben herauf, lauter angefangene Geschichten, die einen Aufschreiber suchten. So geht es allen, die einmal damit angefangen haben: Zwischen Wachen und Schlafen reden die Dinge am deutlichsten. Man muss nichts mehr erfinden, wenn man so weit ist. Man muss nur noch zuhören, und das geht mit geschlossenen Augen am allerbesten.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.