Frei nach Hans Christian Andersens Hvad hele Familien sagde · 5 Minuten zu lesen
Was die ganze Familie sagte
Es war Geburtstag im Haus, und die kleine Marie wurde gefeiert. Sie bekam eine Puppe, ein Bilderbuch und einen Kuchen mit Lichtern darauf, und sie klatschte in die Hände und rief: Es ist schön, zu leben! Das war das Erste, was an diesem Tag über das Leben gesagt wurde, und es kam von der Jüngsten im Haus.
Der Geburtstag hatte schon am Morgen angefangen, wie sich das gehört: mit Flüstern hinter der Tür, mit einem gedeckten Tisch, auf dem die Geschenke unter einem Tuch lagen, und mit dem Lied, das die Familie mehr mit Herz als mit Kunst sang. Marie saß dabei auf dem Ehrenplatz, dem Stuhl mit dem geschnitzten Rücken, und ließ die Beine baumeln, die noch lange nicht bis zum Boden reichten, und als das Tuch gelüftet wurde, vergaß sie vor Freude das Atmen für einen Augenblick. Es waren gar keine großen Geschenke. Aber für Geburtstagsaugen gibt es keine kleinen.
Die Puppe hatte ein Kleid aus echtem Samt und Augen, die zugingen, wenn man sie hinlegte — Marie probierte es gleich zwanzigmal, und es wurde nicht langweiliger. Das Bilderbuch hatte goldene Kanten, und auf der ersten Seite stand mit Tinte ihr Name, von der Hand des Vaters, in seiner schönsten Schrift, die er sonst nur für wichtige Papiere nahm. Das war vielleicht das Größte an diesem Morgen: der eigene Name, so feierlich geschrieben, als sei man selbst etwas Wichtiges. Ist man ja auch, an seinem Geburtstag ganz besonders. Marie fuhr mit dem Finger die Buchstaben nach und beschloss, nie wieder auf diese Seite zu malen. Ein großes Versprechen für sechs Jahre. Sie hat es sogar beinahe gehalten.
Ihre beiden Brüder, der eine neun, der andere elf Jahre alt, fanden dasselbe, jeder auf seine Art: Leben, das hieß für sie rennen und raufen und Ranzen in die Ecke werfen, im Sommer schwimmen und im Winter Schlittschuh laufen. Es ist schön, zu leben, sagten sie, und meinten die Ferien. Die großen Brüder, die schon beinahe erwachsen waren, meinten es auch, aber sie meinten die weite Welt damit, die Schiffe und die fremden Städte, in die sie bald hinauswollten. Und die Eltern sahen einander an und lächelten, denn sie hörten aus jedem Mund dasselbe Lied in einer anderen Tonart.
Der Sommer der Brüder roch nach Fluss und Heu. Sie hatten eine Stelle am Wasser, die außer ihnen niemand kannte — glaubten sie wenigstens, und der halbe Ort ließ ihnen den Glauben —, und dort wurde geschwommen, gebaut, getaucht und Weltrekord gehalten, jeden Tag ein neuer. Abends kamen sie heim mit nassen Haaren und großem Hunger, und wenn die Mutter fragte, wie es gewesen sei, sagten sie: gut. Mehr war aus ihnen nicht herauszubringen, und mehr braucht es auch nicht. In dem einen Wort war der ganze Fluss drin.
Oben in der Mansarde aber wohnte der Pate, der Älteste von allen, und zu ihm zog es Marie am Nachmittag hinauf, mit einem Stück Geburtstagskuchen in der Hand. In seiner Stube roch es nach altem Papier, an den Wänden hingen Bilder aus seinem langen Leben, und auf dem Tisch lag das große Buch der Bücher. Der Pate nahm Marie auf die Knie und blätterte mit ihr durch die Bilder, und zu jedem wusste er eine Geschichte, und manche war lustig und manche war still.
In der Mansarde des Paten hatte jedes Ding seine Geschichte, und Marie kannte die Rituale: Erst durfte sie die Muschel ans Ohr halten, in der das Meer wohnte, dann das Schiff in der Flasche ansehen, das der Pate als junger Mann von einer weiten Reise mitgebracht hatte, und zuletzt die Spieluhr aufziehen, die ein Menuett spielte, ein wenig müde inzwischen, aber tapfer. Zu jedem Stück gab es die Geschichte dazu, und Marie kannte sie alle auswendig und wollte sie trotzdem jedes Mal wieder hören. Das ist das Geheimnis der guten Geschichten: Sie nutzen sich nicht ab, sie werden eingewohnt.
Weißt du, sagte der Pate zuletzt, deine Brüder haben recht, und deine Eltern haben recht, und du hast am meisten recht. Das Leben ist das schönste Märchen, das es gibt — man ist selbst mitten darin und weiß nie, was auf der nächsten Seite kommt. Und das Schöne daran ist: Es liest uns jemand vor, der die Geschichte gut mit uns meint. Das verstand Marie ungefähr zur Hälfte, aber die Hälfte war die richtige.
Und wer liest uns vor, wollte Marie noch wissen, und wie geht die Geschichte aus? Der Pate wiegte den Kopf. Das Vorlesen, sagte er, merkt man erst mit den Jahren, und das Ende — sieh, das ist das Feine daran: In einem guten Märchen fürchtet man sich mittendrin manchmal, aber man weiß die ganze Zeit, dass es gut ausgeht. Genau so darfst du es mit dem Leben halten. Mittendrin darf einem bange werden. Nur das Vertrauen aufs Ende, das gib nicht her. Das verstand Marie wieder ungefähr zur Hälfte. Aber es war wieder die richtige Hälfte, und sie nahm sie mit hinunter zum Abendbrot wie ein Geschenk mehr.
Am Abend saß die ganze Familie noch einmal um den Tisch, die Lichter vom Kuchen brannten ein letztes Mal, und jeder sagte auf seine Weise, was alle meinten. Es ist schön, zu leben, sagte Marie und gähnte dabei so herzlich, dass alle lachten und die Mutter sie zu Bett brachte. Und während das Haus dunkel wurde, Zimmer um Zimmer, blieb der Satz noch ein wenig wach und ging von Tür zu Tür, und zuletzt legte er sich zum Paten in die Mansarde, wo das große Buch lag, und schlief dort ein.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.