Andreas’ Nacht

Frei nach Hans Christian Andersens Bilderbuch ohne Bilder · 4 Minuten zu lesen

Was der Mond sah — die zwölfte Nacht

Am zwölften Abend wartete der Maler vergebens. Draußen hingen die Wolken tief und dicht, es regnete leise auf die Dächer, und der Mond kam nicht. Der Maler saß vor seinem leeren Blatt, und erst wollte er die Kreide weglegen — aber dann lächelte er, denn ihm fiel ein, was der Mond wohl gesagt hätte: dass er ja nicht fort sei, sondern nur hinter den Wolken, und dass er dort oben genauso rund und freundlich scheine wie immer, nur eben für die Wolken allein.

Dabei war die Regennacht auf ihre Art schön, das muss gesagt werden. Der Maler stand eine Weile am Fenster und sah zu, wie das Wasser die Dächer dunkel färbte und die Gassen unten zum Glänzen brachte, und in jeder Pfütze, in jedem nassen Stein lag ein kleiner heller Schimmer vom Laternenlicht. Es sah aus, als hätte sich der Mond, weil er oben nicht durchkam, kurzerhand unten verteilt — in tausend Stücke, auf alle Pfützen der Stadt. Vielleicht macht er das wirklich so in solchen Nächten. Zuzutrauen wäre es ihm; er hat seine Wege.

Der Maler dachte in dieser Nacht auch darüber nach, was er dem Mond eigentlich schuldig geworden war, und er beschloss, es ihm auf die einzige Weise heimzuzahlen, die einem Maler offensteht: Er würde die Blätter eines Tages herzeigen, alle miteinander, damit die Leute sähen, was für ein Erzähler da oben seine Runden zieht. Der Mond hat nie ein Honorar verlangt, dachte er, er verlangt nicht einmal, dass man wach bleibt, wenn er erzählt. Er ist das genügsamste Licht, das es gibt: Er will nur, dass man ihm dann und wann das Fenster freihält. Das, fand der Maler, ließe sich einrichten — ein Fenster freihalten, sein Leben lang. Es ist ja auch für dich eingerichtet, falls du es nutzen willst: heute Nacht zum Beispiel.

Und da malte der Maler aus dem Gedächtnis. Er malte das Mädchen am Ganges und den Jäger unterm Nordlicht, den kleinen Schornsteinfeger auf seinem Turm und das Kind auf seiner ersten Weltreise von drei Schritten, die Gondel, die Karawane, die alte Dame an ihrer warmen Vergangenheit, das schlafende Schiff, den weißen Herrn Pulcinella und den weißen Schwan, das Dorf im Schnee, in dem nichts geschah, und zuletzt die Glocken der Berge und den schlafenden Hafen, die Fischerkate in der Sturmnacht, den Winterwald und die Zugvögel, die sich zur Reise sammelten. Und als er alle Blätter nebeneinanderlegte, sah er, dass es wirklich ein Buch geworden war — ein Bilderbuch ohne Bilder, denn gemalt war es ja nur mit Worten, und die Bilder entstehen erst hinter den geschlossenen Augen dessen, der zuhört.

Spät in der Nacht rissen die Wolken doch noch auf, ein einziger heller Spalt, und der Mond sah kurz herein, wie um nachzusehen, ob gearbeitet worden war. Er fand den Maler über den Blättern eingeschlafen, die Kreide noch in der Hand. Da legte er ihm sein Licht wie eine dünne silberne Decke über die Schultern und über das ganze kleine Zimmer, und die Blätter auf dem Tisch schimmerten, als wären sie aus dem Stoff gemacht, aus dem er selber ist.

Eine Weile blieb der Mond in dem Wolkenspalt stehen und besah sich das kleine Zimmer, als wolle er es sich merken: den Tisch mit den Blättern, die Kreide, den schlafenden Maler, das schräge Fenster, hinter dem er selbst so oft gestanden hatte. Es war das ärmste Zimmer, in dem er je zu Gast gewesen war, und eines von den reichsten dazu — so genau muss man bei Zimmern unterscheiden, sagte er später, der Augenschein macht es nicht.

Wer die Augen zumacht, sieht sie vielleicht auch: die kleinen Lichter auf den Flüssen, die stillen Schiffe, die verschneiten Dörfer. Der Mond sammelt solche Bilder jede Nacht, über allen Dächern der Welt. Und wer schläft, dem erzählt er sie weiter, ganz leise, die ganze Nacht hindurch.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

Zurück zum Anfang

Lieber hören?

Diese Geschichte ist Kapitel in Andersen Märchen, Teil zwei · Die vergessenen 65 Geschichten. Der Sprung führt an genau die Stelle.

Noch etwas zu lesen