Frei nach Hans Christian Andersens Bilderbuch ohne Bilder · 3 Minuten zu lesen
Was der Mond sah — die achte Nacht
Heute war ich im Hafen, sagte der Mond am achten Abend. Die Schiffe lagen Rumpf an Rumpf und schliefen auf dem schwarzen Wasser, und ihre Masten standen so still, dass die Sterne sich daran festhalten konnten. Es roch nach Teer und Salz und fernen Ländern, und an einem der Schiffe brannte noch die kleine Lampe der Ankerwache: Ein alter Matrose saß dort und rauchte seine letzte Pfeife und passte auf den Schlaf der anderen auf. Wir nickten einander zu, er und ich; wir kennen uns aus vielen Häfen. Wer nachts wacht, damit andere schlafen können, der gehört zu meinen Leuten, und ich schicke ihm immer ein Stück Licht aufs Deck, damit die Wache kürzer aussieht.
Zwischen den Kisten am Kai ging der Hafenkater seine Runde, dick und würdevoll; er gilt dort viel und lässt es sich anmerken. Er inspizierte die Poller, er prüfte die Taue, er blieb vor jedem Schiff kurz sitzen wie ein Beamter vor seinen Akten. Zuletzt sprang er auf die wärmste Kiste, rollte sich zusammen und war binnen drei Atemzügen fort — so gründlich schlafen nur die ein, die vorher alles kontrolliert haben. Nimm es als Rat mit, sagte der Mond und lächelte sein rundes Lächeln: Erst die Runde machen in Gedanken, alles noch einmal ansehen, gut befinden — und dann das Kissen suchen wie der Kater seine Kiste.
An der Mole draußen lag auch das älteste Schiff des Hafens, ein Veteran mit müden Planken, der schon lange nicht mehr hinausfuhr. Die jungen Schiffe wussten nicht recht, wozu er noch da war — aber der Mond wusste es: An ihm machten die Möwen ihre Schule, in seinem Schatten lagen die Boote der Jungen sicher, und der Hafen sah mit ihm einfach fertiger aus, so wie eine Stube mit einem Großvater darin. Alte Schiffe, sagte der Mond, sinken nicht einfach; sie gehen langsam in den Hafen über, Jahr für Jahr, bis sie ein Stück von ihm sind.
Im Hafenbecken selbst schaukelten die kleinen Ruderboote an ihren Ketten, Bug an Bug, wie eine Reihe schlafender Enten, und in einem von ihnen hatte jemand ein Netz vergessen, in dem sich ein wenig Mondlicht fing und still liegen blieb. Es ist der einzige Fang, sagte der Mond, bei dem keiner zu kurz kommt: Am Morgen ist er fort, und niemand hat ihn verloren.
In der tiefsten Stunde der Nacht aber war der Hafen einen Augenblick lang vollkommen still gewesen — kein Tau schlug, kein Wasser gluckste, sogar die Möwen auf den Pfählen hatten die Köpfe unter den Flügeln. Solche Augenblicke gibt es in jeder Nacht, sagte der Mond, meistens gegen drei; die Welt holt dann einmal ganz tief Luft. Wer sie je belauscht hat, weiß, wie gut die Stille klingen kann, wenn sie niemandem gehört. Dann schlug irgendwo die Turmuhr, ein Tau knarrte, und die Nacht ging weiter ihren Gang.
Gegen Morgen dann, als ich schon blass wurde, ging im Haus an der Ecke das erste Licht an: der Bäcker. Er ist immer der Erste, und ich bin immer noch da, wenn er anfängt; wir überschneiden uns eine halbe Stunde, er und ich, und die gehört zu meinen liebsten. Er knetete den Teig und pfiff dazu leise, und aus dem Schornstein stieg bald der erste warme Rauch überm Hafen, und es roch nach dem Tag, der kommen wollte, nach frischem Brot. So wird die Nacht übergeben, sagte der Mond: von der Ankerwache an den Bäcker, von mir an die Sonne, aus einer guten Hand in die andere. Es ist immer jemand wach, die ganze Nacht hindurch — und unten zog schon der erste Brotduft über das Wasser, hin zu den schlafenden Schiffen.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.