Andreas’ Nacht

Frei nach Hans Christian Andersens Bilderbuch ohne Bilder · 4 Minuten zu lesen

Was der Mond sah — die dritte Nacht

Heute, sagte der Mond, komme ich aus dem Süden. Ich habe auf Venedig geschienen, auf die Stadt, die im Wasser steht. Da gibt es keine Wagen und keine Hufe auf dem Pflaster, da gibt es nur Boote und stille Kanäle, und die Häuser steigen gleich aus dem Wasser auf, alt und müde und schön. Eine schwarze Gondel glitt unter mir dahin, ohne einen Laut, nur das Ruder ging, und im Boot saß niemand als der Gondoliere selbst — und der sang. Er sang für keinen Zuhörer, nur für die Nacht und die Häuser, und die alten Paläste standen bis über die Fenster in ihren eigenen Spiegelbildern und hörten zu. Wenn eine Stadt träumt, sagte der Mond, dann sieht es so aus.

Vorgestern aber, fuhr er fort, war ich über der Wüste. Da zog eine Karawane durch den Sand, Kamel hinter Kamel, eine lange dunkle Kette in der weißen Nacht, und der Sand hatte den Tag über in der Sonne geglüht und gab die Wärme nun langsam wieder her. Die Treiber sangen leise, damit die Tiere den gleichen Schritt behielten, und die Sterne standen so tief, dass die Wüste aussah wie ein zweiter Himmel, den man begehen kann. Am Rand des Weges aber ragten alte Steine aus dem Sand, halb versunken: die Reste von Tempeln, älter, als die Menschen zählen können, und eine große steinerne Säule mit einem Gesicht.

In Rom, sagte der Mond, bin ich neulich durch die alten Trümmer gegangen, mit dem Licht, versteht sich, denn anders gehe ich ja nicht. Da liegen die Säulen der großen Kaiser im Gras, und zwischen den Säulen weiden Ziegen, und auf dem Sockel, auf dem einmal ein goldenes Standbild stand, schlief ein Hirtenjunge, den Hut überm Gesicht, seine Herde um ihn wie ein atmender Teppich. So lag das Kind auf dem Kaisersockel und schlief besser als je ein Kaiser darauf. Die Weltgeschichte, sagte der Mond, hat einen langen Atem — aber der Schlaf eines Hirtenjungen hat den längeren, denn ihn gibt es noch, und die Kaiser sind fort.

Und wenn wir schon im Süden sind, sagte der Mond: In einem weißen Dorf am Mittelmeer sah ich die Fischerfrauen am Abend die Netze flicken, im Kreis um eine einzige Laterne, und dazu sangen sie — eine begann, die anderen fielen ein, Lied um Lied, während die Finger arbeiteten. Die Kinder schliefen ringsum auf den warmen Steinen ein, mitten im Singen, und keine Mutter trug ihres früher hinein als nötig, denn es schläft sich nirgends besser als dort, wo gearbeitet und gesungen wird. Das wissen die Kinder am Mittelmeer, und eigentlich, sagte der Mond, wissen es die Kinder überall. Ihr baut Schlafzimmer und noch einmal Schlafzimmer — und das beste bleibt ein warmer Stein neben einem Lied.

Und als jene Wüstennacht zu Ende ging, sagte der Mond, und ich blass wurde und die Sonne sich hinter dem Rand der Wüste dehnte, da geschah das Alte, von dem die Reisenden erzählen: Der erste Sonnenstrahl traf die steinerne Säule, der Stein wurde warm, und es ging ein Ton durch ihn hin, tief und leise, als grüße etwas sehr Altes den neuen Tag. Die Kamele hoben die Köpfe, die Treiber wurden still, und dann zog die Karawane weiter, und der Sand nahm ihre Spuren auf und strich sie hinter ihnen glatt.

Der Maler malte in dieser Nacht mit beiden Händen, so voll war er von Bildern: die singende Gondel im schwarzen Wasser und die singende Säule im ersten Licht. Weit auseinander, sagte der Mond, und doch dasselbe: Die Welt redet mit sich selbst, wenn sie glaubt, dass niemand zuhört. Und wer nachts wach liegt und lauscht, der hört sie manchmal — ein Singen unter den Fenstern, ganz fern, das niemandem gilt und darum allen.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Andersen Märchen, Teil zwei · Die vergessenen 65 Geschichten. Der Sprung führt an genau die Stelle.

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