Nach Hans Christian Andersen · 5 Minuten zu lesen
Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern
Es war bitterkalt an diesem späten Abend. Der Schnee fiel in großen, weichen Flocken lautlos vom dunklen Himmel herab, und es war die letzte Nacht des Jahres. In dieser Kälte und vollkommenen Stille ging ein kleines, armes Mädchen durch die verschneiten Straßen. Es hatte den ganzen Tag noch kein einziges seiner Schwefelhölzer verkauft.
Die Lichter leuchteten warm und golden aus allen Fenstern der großen Häuser, und der köstliche Duft von frischem Braten lag schwer und beruhigend in der winterlichen Luft. Das Mädchen fror, doch es traute sich nicht in die kalte und dunkle Kammer zurück. Es suchte sich einen kleinen, windgeschützten Winkel zwischen zwei großen Häusern, wo der Schnee eine weiche, weiße Decke gebildet hatte. Dort kauerte es sich still zusammen und zog die kleinen Beine eng an sich, um sich vor dem Nachtwind zu bergen.
Die feinen Hände des Mädchens waren fast starr vor Kälte. Wie gut würde jetzt ein einziges, kleines Schwefelholz tun. Wenn es nur eines aus dem Bündel zöge und es an der rauen Steinwand anstriche, um sich die Finger ein wenig zu wärmen. Vorsichtig zog es ein Holz heraus. Ritsch. Wie das Holz sprühte und wie hell und freundlich es brannte.
Es war eine warme, klare Flamme, wie ein kleines Lichtwunder in der dunklen Nacht. Das Mädchen hielt schützend die Hände darüber. Es kam ihr plötzlich vor, als säße sie vor einem großen, eisernen Ofen mit glänzenden Messingbeschlägen. Das Feuer brannte darin so herrlich und wärmte den ganzen Raum mit seiner sanften, tiefen Glut.
Das Mädchen streckte behutsam die kleinen Füße aus, um auch diese in der feinen Wärme zu baden. Da erlosch die Flamme lautlos, der warme Ofen verschwand, und sie saß wieder in der stillen, friedlichen Winternacht. Sie strich ein neues Schwefelholz an. Es leuchtete warm auf, und wo der helle Schein auf die dicke Steinmauer fiel, wurde sie auf einmal durchsichtig wie ein zarter, seidener Schleier.
Das Mädchen konnte direkt in einen großen Saal blicken. Dort stand ein Tisch, bedeckt mit einem schneeweißen Tuch und feinstem Porzellan. Darauf stand ein dampfender Gänsebraten, gefüllt mit süßen Äpfeln und weichen Pflaumen. Der Duft war so vertraut und geborgen, dass ihr Herz ganz ruhig wurde. Da erlosch das Hölzchen, und nur die schützende Mauer blieb zurück.
Sie zündete ein drittes Hölzchen an. Sogleich saß sie unter dem schönsten, größten Weihnachtsbaum, den sie je erblickt hatte. Er war noch viel größer und reicher geschmückt als alles, was sie je durch die Fenster der reichen Häuser gesehen hatte. Tausende von Lichtern brannten sanft und ruhig auf den grünen Zweigen, und bunte, leuchtende Bilder sahen freundlich auf sie herab.
Das Mädchen streckte beide Hände nach den warmen Lichtern aus. Da erlosch das Schwefelholz. Doch die vielen Weihnachtslichter stiegen höher und immer höher in den dunklen Himmel hinauf. Sie sah nun, dass es die klaren, fernen Sterne waren, die ewig und friedvoll über der schlafenden Welt leuchteten. Einer von ihnen fiel plötzlich in einem langen, hellen Bogen herab und zog einen sanften Lichtstreifen über das Dunkel.
»Nun stirbt jemand«, dachte das kleine Mädchen ganz leise. Denn ihre alte Großmutter, die als Einzige auf der Welt immer gut und liebevoll zu ihr gewesen war, hatte ihr oft gesagt, dass eine Seele zu Gott emporsteigt, wenn ein Stern vom Himmel fällt. Die Erinnerung an die weichen Hände der Großmutter hüllte sie in eine warme Decke aus purer Geborgenheit. Sie strich wieder ein Schwefelholz an der Mauer an.
Es leuchtete hell auf, und in diesem sanften, warmen Glanz stand plötzlich ihre geliebte alte Großmutter vor ihr. Sie sah so hell, so weich und so unendlich liebevoll aus. »Großmutter«, rief das kleine Mädchen leise, »nimm mich mit dir. Ich weiß, dass du verschwindest, wenn das Schwefelholz ausgeht. Du verschwindest wie der warme Ofen und der herrliche Baum.«
Und schnell, ganz behutsam, strich sie den ganzen restlichen Bund der Schwefelhölzer an, denn sie wollte die Großmutter unbedingt bei sich behalten. Die Hölzer leuchteten mit einem solchen Glanz, dass es heller war als am sonnigsten Tag. Nie zuvor war die Großmutter so wunderschön und gütig gewesen. Sie nahm das kleine Mädchen weich auf ihren Arm, und beide erhoben sich in tiefem Frieden und vollkommener Freude.
Sie schwebten hoch, immer höher hinauf in das ruhige Licht. Dort oben gab es keine Kälte mehr, keinen Hunger und keine Angst. Sie waren bei Gott im ewigen, warmen Licht. Am frühen Morgen des neuen Jahres ging die Sonne hell und ruhig über der Stadt auf. Im weißen Schnee, in dem kleinen Winkel zwischen den Häusern, saß das Mädchen.
Es hatte rosige Wangen und ein vollkommen friedliches, glückliches Lächeln auf den Lippen. Die Menschen, die im ersten Licht vorbeigingen, sahen die vielen abgebrannten Schwefelhölzer und standen eine Weile leise beisammen. Aber niemand von ihnen wusste, welch wunderschöne Dinge das Mädchen in der Nacht gesehen hatte. Niemand wusste, in welch unendlichem, weichen Glanz es mit seiner Großmutter in die ewige Neujahrsfreude eingegangen war, um für immer in Liebe und vollkommener Stille zu ruhen.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.