Nach den Brüdern Grimm · 8 Minuten zu lesen · Vorabdruck
Die Bremer Stadtmusikanten
Ein Müller hatte einen Esel, der ihm viele Jahre lang ohne Murren die Säcke zur Mühle geschleppt hatte. Nun wurde der Esel alt, die Beine trugen ihn nicht mehr wie früher, und mit der Arbeit wollte es nicht mehr recht gehen. Da fing der Müller an zu rechnen, was ihn das Futter kostete. Der Esel merkte, dass kein guter Wind wehte. Eines Morgens ging er einfach zum Tor hinaus und schlug den Weg nach Bremen ein. Die Straße war hart gefroren und voller Furchen von den Wagen, und sein Atem stand ihm vor dem Kopf. Dort, meinte er, könne er Stadtmusikant werden, und er hatte eine Stimme, mit der ließ sich schon etwas anfangen.
Als er ein Weilchen gegangen war, fand er einen Jagdhund am Weg liegen, der jappte wie einer, der sich müde gelaufen hat, und der Schnee war ihm zwischen den Ballen zu Klumpen gefroren. Was jappst du so, Packan, fragte der Esel. Ach, sagte der Hund, ich bin alt, ich werde jeden Tag schwächer, und bei der Jagd komme ich nicht mehr mit. Mein Herr wollte mich nicht länger durchfüttern, da bin ich ihm davongelaufen. Aber wovon soll ich jetzt leben? Da hob der Esel den Kopf. Ich gehe nach Bremen, sagte er, und werde dort Stadtmusikant. Komm mit, dann nehmen sie dich auch bei der Musik. Ich spiele die Laute, und du schlägst die Pauken.
Der Hund war es zufrieden, und sie gingen weiter, und die Sonne stand schon tief und gab keine Wärme mehr. Es dauerte nicht lange, da saß eine Katze auf einem Stein am Weg und machte ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter. Sie hatte die Pfoten unter sich gezogen und das Fell aufgestellt, und in ihren Barthaaren saß der Reif. Nun, was ist dir in die Quere gekommen, alter Bartputzer, fragte der Esel und blieb vor dem Stein stehen, und der Hund setzte sich daneben und sah zu ihr hinauf.
Wer kann da lustig sein, wenn es einem an den Kragen geht, antwortete die Katze. Weil ich alt werde und meine Zähne stumpf geworden sind und ich lieber hinter dem Ofen sitze und spinne, als nach Mäusen zu jagen, hat mich meine Frau ertränken wollen. Ich bin ihr zwar noch rechtzeitig davongekommen, aber nun ist guter Rat teuer. Wohin mit mir? Komm mit uns nach Bremen, sagte der Esel, auf Nachtmusik verstehst du dich doch wie keine.
Der Katze gefiel das, und sie ging mit. Danach kamen die drei an einem Hof vorbei, und auf dem Tor saß ein Hahn und schrie aus Leibeskräften, dass es über den ganzen Hof hallte. Auf der Leine hing die Wäsche vom Waschtag steif gefroren und schlug aneinander, wenn der Wind ging, und aus der Küchentür kam ein Streifen Dampf in die kalte Luft heraus. Der Esel blieb stehen und fragte, was er denn vorhabe, er schreie einem ja durch Mark und Bein.
Ich habe gutes Wetter vorhergesagt, sagte der Hahn, weil heute Waschtag ist, aber morgen zum Sonntag kommen Gäste, und die Hausfrau hat der Köchin gesagt, sie wolle mich morgen in der Suppe essen. Ei was, du Rotkopf, sagte der Esel, komm lieber mit uns. Wir gehen nach Bremen, und etwas Besseres als den Tod findest du überall. Deine Stimme ist gut, und wenn wir vier zusammen Musik machen, dann muss das eine Art haben. Der Hahn flog vom Tor herunter, und zu viert zogen sie weiter. Bremen aber war weiter, als der Esel gedacht hatte, und am Abend, als der Frost noch schärfer wurde, standen sie am Rand eines Waldes.
Der Esel und der Hund suchten sich einen Platz unter einem großen Baum, die Katze kletterte auf einen Ast, und der Hahn flog bis in den Wipfel hinauf, wo es für ihn am sichersten war. Ehe er einschlief, sah er sich von dort oben noch einmal nach allen vier Winden um. Da kam ihm vor, er sähe in der Ferne ein kleines Fünkchen brennen. Er rief hinunter, es müsse nicht weit ein Haus stehen, denn es scheine ein Licht, und die Zweige unter ihm wurden ganz still.
Da sagte der Esel, dann wollen wir dorthin, hier ist die Herberge schlecht. Der Hund meinte, gegen ein paar Knochen mit etwas Fleisch daran hätte er auch nichts. So brachen sie noch einmal auf und hielten auf das Licht zu. Es wurde größer und heller, je näher sie kamen, und zuletzt stand vor ihnen ein Haus, in dem alle Fenster brannten. Es war ein Räuberhaus. Der Schnee davor war ganz gelb von dem Licht aus den Fenstern. Der Esel, als der größte, ging zum Fenster und schaute hinein. Was siehst du, Grauschimmel, fragte der Hahn. Einen gedeckten Tisch, sagte der Esel, mit Essen und Trinken, so viel man will, und Räuber sitzen daran und lassen es sich gut gehen. Das wäre etwas für uns, sagte der Hahn. Ach, wären wir da, sagte der Esel, und sie steckten die Köpfe zusammen und überlegten, wie sie die Räuber aus dem Haus bekämen.
Endlich fanden sie ein Mittel. Der Esel stellte die Vorderfüße auf das Fensterbrett, der Hund sprang ihm auf den Rücken, die Katze kletterte auf den Hund, und zuletzt flog der Hahn hinauf und setzte sich der Katze auf den Kopf. Der Esel stand bis über die Fesseln im Schnee, das Brett unter seinen Hufen bog sich, und der Turm über ihm schwankte bei jedem Atemzug. Keiner sagte ein Wort, bis alle viere still standen und nur noch das Licht aus dem Fenster über sie hinlief.
Dann fingen sie auf ein Zeichen miteinander ihre Musik an. Der Esel schrie, der Hund bellte, die Katze miaute, und der Hahn krähte, und gleich danach brachen sie alle zusammen durch das Fenster in die Stube, dass die Scheiben klirrten. Die Räuber fuhren von den Bänken hoch. Bei dem Lärm konnten sie sich nichts anderes denken, als dass ein Gespenst hereinkäme, und sie rannten in ihrer Angst hinaus in den Wald. Die vier aber setzten sich an den Tisch, nahmen, was übrig war, und aßen, als wenn sie vier Wochen hungern sollten. Durch das leere Fenster kam die kalte Luft herein und legte sich ihnen in den Rücken, und vorn im Herd stand das Feuer hoch.
Als die vier Spielleute satt waren, löschten sie das Licht, und jeder suchte sich einen Schlafplatz, wie er ihm gemäß war. Der Esel legte sich draußen auf den Mist, der Hund fand seinen Platz hinter der Tür, die Katze den ihren auf dem Herd in der warmen Asche, und der Hahn flog auf den Hahnenbalken unter dem Dach. Müde waren sie alle von dem langen Weg durch die Kälte, und so schliefen sie bald ein, und im Herd knackte es noch eine Weile leise.
Nach Mitternacht sahen die Räuber von weitem, dass im Haus kein Licht mehr brannte und alles still lag. Da meinte der Hauptmann, man habe sich wohl zu leicht ins Bockshorn jagen lassen, und schickte einen von ihnen zurück, um nachzusehen. Der Mann fand alles ruhig. Er tastete sich in die Küche und wollte ein Licht anzünden, und weil er in der Dunkelheit die glühenden Augen der Katze für Kohlen hielt, hielt er ein Schwefelhölzchen daran. Die Katze verstand keinen Spaß. Sie sprang ihm ins Gesicht, spie und kratzte. Der Räuber schrie auf und wollte zur Hintertür hinaus, aber dort lag der Hund, und der fuhr hoch und biss ihn ins Bein. Über den Hof rannte er am Mist vorbei, und da bekam er vom Esel noch einen kräftigen Tritt mit dem Hinterfuß. Und der Hahn, den der Lärm geweckt hatte, rief vom Balken herunter Kikeriki.
Der Räuber lief, so schnell ihn die Beine trugen, zu seinem Hauptmann zurück. In dem Haus, keuchte er, sitzt eine grässliche Hexe, die hat mich angehaucht und mir mit ihren langen Fingern das Gesicht zerkratzt. An der Tür steht einer mit einem Messer und hat mir ins Bein gestochen. Auf dem Hof liegt ein schwarzes Ungetüm und hat mit einer Holzkeule auf mich eingeschlagen. Und oben auf dem Dach sitzt der Richter und ruft, bringt mir den Schelm her.
Da habe ich gemacht, dass ich fortkam, sagte er zuletzt, und mehr wollte er davon nicht sagen. Von der Zeit an wagte sich keiner der Räuber mehr in die Nähe des Hauses. Den vier Bremer Stadtmusikanten aber gefiel es darin so gut, dass sie es gar nicht mehr verlassen wollten. Sie fanden Holz genug in dem Schuppen hinter dem Haus, und den Winter über blieb es warm in der Stube, und nach Bremen ist keiner von ihnen je gekommen.
Wer im Winter spät durch jenen Wald geht, sieht zwischen den schwarzen Stämmen noch immer dasselbe Fenster stehen, gelb und klein und ruhig. Auf dem Schnee davor liegt ein langer heller Streifen, in dem die Flocken sichtbar werden, sobald sie hineinfallen. Wer lange genug hinsieht, bemerkt, wie darin ein Schatten vorübergeht, und dann noch einer, und wie der Streifen für einen Augenblick dunkel wird und gleich wieder hell ist.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.