Nach den Brüdern Grimm · 21 Minuten zu lesen · Vorabdruck
Schneewittchen
Es schneite an jenem Morgen schon seit der Nacht, und die Königin saß am Fenster und nähte. Der Rahmen des Fensters war aus Ebenholz, schwarz und glatt und kühl unter der Hand. Wenn sie aufsah, lag draußen die Welt so weiß, dass die Augen davon müde wurden. Im Zimmer war es warm. Das Holz im Ofen sank leise in sich zusammen, und vom Hof herauf kam kein Laut, denn der Schnee nahm alle Geräusche mit.
Weil sie hinaussah und nicht auf ihre Nadel achtete, stach sie sich in den Finger. Es tat kaum weh. Drei Tropfen Blut fielen hinaus auf den Schnee, der auf dem Fensterbrett lag, und weil das Rot so schön aussah in dem Weiß, dachte die Königin bei sich, hätte ich doch ein Kind, so weiß wie dieser Schnee, so rot wie dieses Blut und so schwarz wie das Holz an diesem Rahmen. Sie sprach es nicht aus. Sie sah nur zu, wie die Tropfen langsam einsanken.
Über dem Winter und dem Frühling und dem Sommer wuchs die Hoffnung, und als der Schnee wiederkam, wurde ihr ein Töchterchen geboren, weiß wie Schnee, rot wie Blut und schwarzhaarig wie Ebenholz. Sie nannten es Schneewittchen. Die Königin hielt das Kind eine Weile im Arm und sah es an. Dann starb sie. Im Schloss wurden die Läden geschlossen, und draußen ging der Winter über das Land wie in jedem Jahr, und im Frühjahr taute es, und im Schloss merkte davon niemand viel.
Nach einem Jahr nahm sich der König eine andere Gemahlin. Sie war eine schöne Frau, das ließ sich nicht bestreiten, aber sie war stolz und übermütig und konnte es nicht ertragen, dass jemand schöner sein sollte als sie. Sie besaß einen Spiegel, und wenn sie vor ihn trat und sich darin ansah, sprach sie, Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land. Dann antwortete der Spiegel, Frau Königin, Ihr seid die Schönste im Land.
Damit gab sie sich zufrieden, denn der Spiegel log nicht, das wusste sie. Es war ein sonderbarer Frieden, den sie da fand, denn er hielt nie lange. Am nächsten Morgen stand sie wieder vor dem Glas, und am übernächsten wieder, immer zur selben Stunde, wenn das Licht in den Saal fiel. Es war beinahe wie beten, nur dass sie jedes Mal dieselbe Antwort haben wollte und nie eine andere.
Schneewittchen wuchs heran, und mit jedem Jahr wurde es schöner. Es lief durch die kalten Gänge des Schlosses und lachte über nichts, wie Kinder es tun, und es kannte den Weg zur Küche besser als den Weg zum Thronsaal. Und mit sieben Jahren war es so schön wie der klare Tag, an dem der Frost auf allem liegt und die Luft nach nichts riecht als nach Kälte. Es war schöner geworden als die Königin selbst.
An einem Morgen trat die Frau wieder vor den Spiegel und fragte, was sie immer fragte. Der Spiegel antwortete anders als sonst. Frau Königin, sprach er, Ihr seid die Schönste hier, aber Schneewittchen ist tausendmal schöner als Ihr. Da erschrak sie, und ihr Gesicht wurde gelb und grün vor Neid. Von dieser Stunde an, wenn sie das Kind auch nur von weitem erblickte, kehrte sich ihr das Herz im Leibe herum.
Neid und Hochmut wuchsen in ihr wie Unkraut, und es wurde so hoch, dass sie bei Tag und bei Nacht keine Ruhe mehr fand. Da rief sie einen Jäger zu sich und sagte, bring das Kind hinaus in den Wald, ich will es nicht mehr vor meinen Augen sehen. Und sie sagte ihm auch, was er dort tun solle, und sie sagte es ruhig, so wie man von einer Arbeit spricht, die getan werden muss. Der Jäger hörte zu und antwortete nichts.
Er führte Schneewittchen hinaus. Der Wald stand voll Schnee, und die Zweige waren so schwer davon, dass sie sich bis fast auf den Boden bogen. Man ging wie durch niedrige Türen. Als sie tief genug drinnen waren, blieb der Jäger stehen. Da begriff das Kind, und die Tränen kamen ihm, und es bat, ach, lieber Jäger, lass mir mein Leben. Ich laufe in den wilden Wald hinein und komme nie mehr nach Hause.
Weil es so schön war und weil es so bat, hatte der Jäger Erbarmen. So lauf hin, du armes Kind, sagte er, und es klang rauer, als er es meinte. Er dachte bei sich, die wilden Tiere werden dich ohnehin bald geholt haben, und trotzdem war ihm, als sei ihm ein Stein vom Herzen gewälzt, weil er es nicht hatte tun müssen. Ein junger Frischling kam ihm gerade des Weges gelaufen. Was er der Königin zum Zeichen brachte, nahm sie hin und glaubte ihm.
Schneewittchen aber stand allein zwischen den Stämmen, und es war still, wie es nur im Schnee still sein kann. Über ihm hing der Himmel grau und tief. Es lief los, weil es nicht wusste, was es sonst hätte tun sollen, und die Zweige schlugen ihm ins Gesicht, und die Füße wurden nass und danach kalt. Hinter ihm fiel der Schnee weiter und legte sich in die Spuren, die es machte, und deckte sie zu, eine nach der anderen, bis der Weg zurück nicht mehr zu sehen war.
So ging es den ganzen Tag weiter, über spitze Steine und durch Dornen, und die wilden Tiere sprangen an ihm vorbei, ohne ihm etwas zu tun. Es lief, solange die Füße es trugen, und als der Abend kam, stand es hinter dem siebenten Berg vor einem kleinen Haus. Aus dem einen Fenster fiel Licht in den Schnee, und über dem Dach stand der Rauch gerade in die kalte Luft hinauf.
Die Tür war nicht verschlossen. Drinnen war alles klein und sauber und ordentlich, so ordentlich, dass man sich fast nicht hineinzugehen traute. Ein Tischchen stand da mit einem weißen Tuch darauf, und darauf sieben kleine Teller, jeder mit einem Löffelchen, sieben Messerchen und Gäbelchen und sieben Becherlein. An der Wand standen sieben Bettchen nebeneinander, mit schneeweißen Laken überzogen.
Schneewittchen war so hungrig und so durstig, dass es von jedem Tellerchen ein wenig Gemüse und Brot aß und aus jedem Becherlein einen Tropfen Wein trank, denn es wollte nicht einem allein alles wegnehmen. Danach war es so müde, dass es sich in ein Bettchen legen wollte. Aber keines passte. Das erste war zu lang, das andere zu kurz, und so ging es fort, bis das siebente recht war. Darin blieb es liegen und schlief ein.
Als es ganz dunkel geworden war, kamen die Herren des Hauses heim. Es waren sieben Zwerge, die drüben in den Bergen nach Erz gruben. Jeder von ihnen zündete sein Lichtlein an, und als es hell wurde in dem Häuslein, sahen sie, dass jemand da gewesen war. Wer hat auf meinem Stühlchen gesessen, sagte der erste. Wer hat von meinem Tellerchen gegessen, sagte der zweite. Und so ging es die Reihe entlang, bis der siebente in sein Bett sah und still wurde.
Die anderen kamen gelaufen und hielten ihre Lichter darüber, und da lag das Kind und schlief. Ei, du mein Gott, riefen sie leise, ei, du mein Gott, was ist das Kind so schön. Und sie hatten eine so große Freude, dass sie es nicht aufweckten, sondern es schlafen ließen. Der siebente Zwerg aber legte sich zu seinen Gesellen, jede Stunde zu einem anderen, und so ging die Nacht vorbei.
Am Morgen erzählte Schneewittchen, was ihm geschehen war, und die Zwerge fragten, ob es ihnen den Haushalt führen wolle. Kochen, betten, waschen, nähen und stricken, und alles rein und ordentlich halten. Dafür solle es bei ihnen bleiben und an nichts Mangel haben. Ja, sagte Schneewittchen, von Herzen gern. So blieb es. Am Morgen gingen die Zwerge in die Berge, am Abend kamen sie wieder, und dann musste das Essen fertig sein.
Sechs von ihnen kamen abends zusammen den Hang herunter, und der siebente kam später. Er war der kleinste und ging am langsamsten, und er sagte von allen am wenigsten. Sein Bett war das gewesen, in dem Schneewittchen die erste Nacht geschlafen hatte, und vielleicht kam es daher, dass es sich seiner besonders annahm. Es stellte ihm den Teller auf den warmen Stein neben dem Herd und deckte ein Tuch darüber, damit das Essen noch heiß war, wenn er hereinkam. Er bedankte sich nie dafür, aber er sah jedes Mal zuerst zu dem Stein hin.
Den ganzen Tag über war das Kind allein in dem kleinen Haus. Darum warnten es die guten Zwerglein und sagten, hüte dich vor deiner Stiefmutter, sie wird bald wissen, dass du hier bist. Lass ja niemanden herein. Schneewittchen versprach es. Und draußen stand der Winter um das Häuschen herum, und die Berge lagen weiß und still, und es kam wochenlang niemand vorbei.
Die Königin aber trat eines Morgens wieder vor ihren Spiegel und fragte, und der Spiegel antwortete, Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier, aber Schneewittchen über den Bergen bei den sieben Zwergen ist noch tausendmal schöner als Ihr. Sie fuhr zusammen, denn der Spiegel hatte noch nie gelogen, und so merkte sie, dass der Jäger sie betrogen hatte, und sie setzte sich hin und sann so lange, bis sie etwas ausgedacht hatte.
Sie färbte sich das Gesicht und kleidete sich wie eine alte Krämerin, und so machte sie sich auf den Weg über die sieben Berge zu dem Haus der Zwerge. Sie klopfte an die Tür und rief, schöne Ware feil, sehr schöne Ware. Schneewittchen sah zum Fenster hinaus und sagte, es dürfe niemanden hereinlassen. Aber die Alte legte die Riemen über den Arm, gelbe und grüne und einen aus bunter Seide, und in dem grauen Tag sahen sie aus wie etwas aus einer anderen Jahreszeit. Da dachte das Kind, die ehrliche Frau kann ich wohl hereinlassen, und schob den Riegel zurück.
Kind, sagte die Alte, wie siehst du denn aus. Komm her, ich schnüre dich einmal ordentlich. Schneewittchen stellte sich vor sie hin und hob die Arme, wie man es tut, wenn eine Ältere einem etwas richtet. Die Hände der Alten waren rau und sehr schnell, und sie zog den Riemen durch die Ösen, ohne hinzusehen, wie es einer tut, der das tausendmal getan hat. Dann zog sie an, so fest und so geschwind, dass dem Kind der Atem verging und es wie tot niederfiel. Die Alte legte ihre übrigen Riemen zusammen und ging, und die Tür stand hinter ihr noch eine Weile offen.
Am Abend kamen die Zwerge heim und erschraken, als sie ihr liebes Schneewittchen auf der Erde liegen sahen. Sie hoben es auf, und als sie sahen, wie fest es geschnürt war, schnitten sie den Riemen entzwei. Da kam ein wenig Atem zurück, erst kaum zu hören, dann tiefer, und nach und nach wurde es wieder lebendig. Die Zwerge sagten, die alte Krämerfrau war niemand anders als die gottlose Königin. Lass keinen Menschen mehr herein, wenn wir nicht bei dir sind.
Zu Hause trat die Königin vor den Spiegel, und der Spiegel sagte, was er vorher gesagt hatte. Da lief ihr alles Blut zum Herzen, so erschrak sie. Sie ging in die Kammer, in der sie ihre Künste trieb, und machte einen Kamm, der Gift gab, und wickelte ihn in ein Tuch. Diesmal wartete sie nicht bis zum Morgen, sondern brach noch am selben Tag auf, und sie verkleidete sich anders als beim ersten Mal, als eine, die Kämme und Nadeln über Land trägt.
Als sie klopfte, rief Schneewittchen zum Fenster hinaus, es dürfe keinen Menschen einlassen. Das Ansehen wird dir doch erlaubt sein, sagte die Alte und hielt den Kamm ins Licht. Er war aus dunklem Horn und hatte oben eine Reihe kleiner Steine, und wenn man ihn drehte, lief ein Glanz darüber hin. Schneewittchen sah ihn an und dachte an nichts Böses, und weil die Frau schon wieder weitergehen wollte, ging es zur Tür und öffnete sie.
Nun will ich dich einmal ordentlich kämmen, sagte die Alte. Sie setzte das Kind auf den Schemel am Herd, wo es hell war, nahm die schwarzen Haare in die Hand, Strähne für Strähne, und fing oben am Scheitel an. Es war eine langsame und beinahe freundliche Bewegung, und Schneewittchen schloss die Augen davon. Dann drückte die Alte den Kamm bis auf die Kopfhaut hinunter, und kaum saß er fest, da wirkte das Gift, und das Mädchen glitt vom Schemel und lag still.
Es war schon spät, und die Zwerge kamen bald darauf heim. Sie fanden den Kamm im Haar, und der siebente war es, der ihn herauszog, weil er die kleinsten Hände hatte. Da kam Schneewittchen wieder zu sich und erzählte, was geschehen war. Sie baten es noch einmal, niemandem die Tür zu öffnen, und in dieser Nacht schlief keiner von ihnen gut, und einer stand zweimal auf und sah nach dem Riegel.
Die Königin fragte den Spiegel zum dritten Mal, und zum dritten Mal bekam sie dieselbe Antwort. Da zitterte sie vor Zorn und sagte, Schneewittchen soll sterben, und wenn es mein eigenes Leben kostet. Sie ging in eine verborgene Kammer, in die sonst niemand kam, und machte dort einen Apfel. Sie brauchte lange dafür. Als er fertig war, lag er in ihrer Hand wie jeder andere Apfel auch, weiß mit einer roten Backe, und roch so gut, dass sie ihn selbst einen Augenblick lang anders ansah. Wer aber ein Stückchen davon aß, der musste sterben.
Sie färbte sich das Gesicht und verkleidete sich als Bauersfrau, und so ging sie zum dritten Mal über die sieben Berge. Es war ein heller kalter Tag, und der Schnee auf dem Weg war festgetreten und knirschte unter den Schuhen. Sie klopfte an, und Schneewittchen streckte den Kopf zum Fenster hinaus und sagte, ich darf keinen Menschen einlassen, die sieben Zwerge haben es mir verboten. Das ist mir recht, sagte die Bäuerin und stellte den Korb ab, meine Äpfel werde ich schon los. Da, ich will dir einen schenken.
Nein, sagte Schneewittchen, annehmen darf ich auch nichts. Hast du Angst, er sei vergiftet, sagte die Alte. Sieh her. Sie nahm ein Messer aus dem Gürtel und schnitt den Apfel mitten durch, und es gab dabei ein leises trockenes Geräusch, und das Weiße innen war feucht und blank. Den roten Backen iss du, sagte sie, den weißen will ich essen. Der Apfel aber war mit solcher Kunst gemacht, dass das Gift allein in der roten Hälfte saß.
Die Bäuerin biss in ihre Hälfte und kaute und sah dabei über das Tal hin, als hätte sie es nicht eilig damit. Schneewittchen stand am Fenster und roch den Apfel, und der Geruch war süß und ein wenig kühl, so wie ein Keller riecht, in dem Obst über den Winter liegt. Es dachte an den Kamm und an den Riemen, aber die Frau aß ja selbst davon, und es war ein heller Tag, und nichts daran sah aus wie etwas Böses. Es streckte die Hand hinaus und nahm die Hälfte, und die Alte trat einen Schritt zurück und sah zu, wie es hineinbiss.
Kaum hatte es den Bissen im Mund, da fiel es zur Erde nieder. Die Königin sah durch das offene Fenster hinein, lachte kurz auf und sagte, weiß wie Schnee, rot wie Blut, schwarz wie Ebenholz, diesmal können dich die Zwerge nicht erwecken. Dann ging sie fort, über den Hof, zwischen den beiden hohen Tannen hindurch und den weißen Berg hinunter, und hinter ihr rieselte der Schnee von den Zweigen, die sie im Vorbeigehen gestreift hatte. Auf dem Schloss trat sie noch am Abend vor ihren Spiegel, und diesmal gab er ihr die Antwort, die sie hatte hören wollen, und ihr Herz war zum ersten Mal seit langem ruhig.
Am Abend kamen die sieben Zwerge von den Bergen herunter, und schon von weitem sahen sie, dass kein Rauch aus dem Schornstein stieg. Drinnen lag Schneewittchen auf den Dielen und rührte sich nicht. Sie hoben es auf und suchten, ob sie etwas Giftiges an ihm fänden, sie schnürten ihm das Mieder auf, sie kämmten ihm die Haare, sie wuschen ihm Gesicht und Hände mit Wasser und mit Wein. Es half alles nichts. Das liebe Kind war tot und blieb tot. Draußen fing es wieder an zu schneien, und der siebente Zwerg stand in der offenen Tür und sah hinaus, bis ihn einer am Ärmel zurückzog.
Sie legten es auf eine Bahre und setzten sich alle sieben dazu und beweinten es, drei Tage lang. Auf dem warmen Stein neben dem Herd stand an diesem Abend kein Teller, und es stand auch an den Abenden danach keiner mehr dort. Am dritten Tag holten sie die Schaufeln, denn nun wollten sie es begraben. Aber als sie es noch einmal ansahen, war es frisch wie ein lebender Mensch und hatte noch immer seine schönen roten Backen. Da sagten sie zueinander, das können wir nicht in die schwarze Erde versenken. Und sie stellten die Schaufeln zurück an die Wand, wo sie gestanden hatten.
Sie ließen einen Sarg machen, ganz aus Glas und durchsichtig, so dass man das Mädchen von allen Seiten sehen konnte. Sie legten es hinein, und mit goldenen Buchstaben schrieben sie seinen Namen darauf und dazu, dass es eine Königstochter gewesen war. Dann trugen sie den Sarg hinauf auf den Berg, und von nun an blieb immer einer von ihnen oben und hütete ihn. Wenn der Wind über den Kamm strich, wurde das Glas so kalt wie der Stein, auf dem es lag.
Auch die Tiere kamen und weinten um Schneewittchen. Zuerst kam eine Eule und setzte sich auf den Rand des Sarges, dann kam ein Rabe, und zuletzt kam ein Täubchen. Die Eule kam in der Dämmerung, der Rabe kam am hellen Tag, und das Täubchen kam, wann es wollte. Der Zwerg, der gerade die Wache hatte, rückte jedes Mal ein wenig zur Seite und ließ ihnen Platz, und keiner scheuchte den anderen fort. So saßen sie beieinander über dem weißen Land, und wenn der Rabe die Flügel schlug, stob der lockere Schnee von der Kante des Glases.
So lag Schneewittchen in dem Sarg und veränderte sich nicht. Es sah aus, als ob es schliefe, denn es war noch immer so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarzhaarig wie Ebenholz. Wie lange es dort gelegen hat, konnte später keiner mehr sagen. Der Schnee deckte den Berg zu und gab ihn wieder frei, und niemand zählte, wie oft. Auf dem Glas aber lag nie Staub, denn es wurde jeden Morgen mit einem Tuch gewischt, und im Winter tat das der siebente Zwerg mit bloßen Händen, damit er die Stelle sah.
Da geschah es, dass ein Königssohn in den Wald geriet und den Weg nicht mehr fand. Es war Winter, und der Abend kam schnell. Er kam an das Haus der Zwerge und bat um ein Nachtlager. Sie ließen ihn ein, und er saß bei ihnen am Herd, wo das Feuer brannte, und aß mit ihnen aus den kleinen Tellern, und seine nassen Stiefel dampften neben der Glut. Am Morgen trat er vor die Tür und sah den Berg vor sich liegen und darauf etwas, das im Licht blitzte.
Er stieg hinauf, las die goldenen Buchstaben und stand lange still. Dann sagte er zu den Zwergen, lasst mir den Sarg, ich will euch dafür geben, was ihr haben wollt. Sie antworteten, den geben wir nicht her, nicht für alles Gold, das es gibt. Da sagte er, so schenkt ihn mir, denn ich kann nicht leben, ohne Schneewittchen zu sehen, und ich will es ehren und hochhalten wie mein Liebstes auf der Welt. Wie er so sprach, wurde den Zwergen das Herz weich, und sie überließen ihm den Sarg.
Der Königssohn ließ ihn von seinen Dienern auf den Schultern forttragen. Sie gingen den Berg hinunter, und der Schnee lag hoch, und man sah nicht, was darunter war. Da stolperte einer von ihnen über einen Strauch, und der Sarg geriet ins Schwanken und die Träger mit ihm. Von dem Schüttern aber fuhr das Stück von dem giftigen Apfel, das Schneewittchen abgebissen hatte, aus seinem Hals heraus. Es fiel in den Schnee, ein kleines rotes Stück, und niemand achtete darauf, denn alle sahen nach dem Sarg und darauf, ob das Glas den Stoß gehalten hatte.
Nicht lange, da schlug das Mädchen die Augen auf. Es drückte den Deckel hoch und setzte sich auf, und es lebte. Ach Gott, sagte es, wo bin ich. Der Königssohn stand vor ihm und sagte voller Freude, du bist bei mir. Er erzählte ihm alles, was geschehen war, und sagte dann, ich habe dich lieber als alles auf der Welt. Komm mit auf das Schloss meines Vaters, du sollst meine Gemahlin werden. Schneewittchen sah ihn an und war ihm gut und ging mit ihm.
Die Hochzeit wurde mit großer Pracht gehalten. In dem Saal brannten so viele Kerzen, dass man den Winter draußen darüber vergaß, und es roch nach Wachs und nach Braten und nach den nassen Mänteln in der Halle. Auch die alte Königin war zu dem Fest geladen worden. Bevor sie fuhr, trat sie vor ihren Spiegel und fragte ihn, und der Spiegel antwortete, Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier, aber die junge Königin ist tausendmal schöner als Ihr.
Da erschrak sie und wollte nicht hinfahren, und doch ließ es ihr keine Ruhe, und sie musste die junge Königin sehen. Als sie in den Saal trat und erkannte, wer dort an der Tafel saß, blieb sie stehen und konnte sich vor Schreck nicht mehr rühren. Man führte sie über die Schwelle einer Kammer neben dem Saal, wo eine Glut in der eisernen Schale stand, und die Tür fiel zu. Eine Weile ging dahinter noch ein Schritt über die Steine, hin und her und langsamer, dann war auch das vorbei. Im Saal blieb es eine Weile still, dann setzten die Musikanten wieder ein, und niemand sprach an diesem Abend noch von ihr.
Auf dem Berg aber blieb die Stelle zurück, wo der gläserne Sarg gestanden hatte. Der Stein war dort glatt und dunkel, weil er so lange zugedeckt gewesen war, und ringsherum lag der Schnee unberührt bis an den Rand. Der siebente Zwerg stieg am Abend trotzdem hinauf, wie er es all die Jahre getan hatte, und weil er der langsamste war, kam er auch diesmal erst an, als es schon dämmerte. Er setzte sich auf den blanken Fleck und sah zu, wie unten im Tal die Lichter angingen, eines nach dem anderen.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.