Nach Hans Christian Andersen · 8 Minuten zu lesen
Die kleine Meerjungfrau
Weit draußen im Meer ist das Wasser so blau wie die Blätter der schönsten Kornblume und so klar wie das reinste Glas. Doch es ist auch unendlich tief. So tief, dass in der Tiefe eine vollkommene, friedliche Ruhe herrscht. Dort unten, vom sanften Rhythmus der Gezeiten gewiegt, liegt das weite Reich des Meerkönigs.
Das Schloss des Königs war aus heller, warmer Koralle gebaut, und die hohen Fenster bestanden aus glattem, klarem Bernstein. Der König hatte sechs wunderschöne Töchter, die alle den Tag über im Schlossgarten spielten. Die jüngste von ihnen war die stillste und die nachdenklichste. Ihre Haut war so rein und zart wie ein Rosenblatt, und ihre Augen leuchteten so blau wie die tiefe See.
Doch wie alle anderen Meermenschen hatte sie keine Füße, sondern einen sanft schimmernden Fischschwanz. In ihrem kleinen Garten tief auf dem Meeresgrund wuchsen Blumen, die aussahen wie leuchtend rote und tiefblaue Flammen. In der Mitte ihres Gartens stand eine weiße Marmorstatue, die einen wunderschönen jungen Mann darstellte. Diese Statue war bei einem Schiffbruch auf den Meeresgrund gesunken.
Die kleine Meerjungfrau pflanzte einen rosenroten Trauerbaum daneben, dessen weiche Zweige sich sanft über die Statue neigten und im ruhigen Wasser schwebten. Nichts hörte sie lieber als die Geschichten von der Welt der Menschen droben über dem Meer. Wenn eine Meerjungfrau fünfzehn Jahre alt wurde, durfte sie an die Oberfläche steigen und im Mondschein auf den Klippen sitzen. Die älteren Schwestern kehrten stets mit wunderbaren Erzählungen von Lichtern, Wäldern und warmen Winden zurück.
Die jüngste Schwester sehnte sich mehr als alle anderen nach diesem Tag. Endlich war ihr fünfzehnter Geburtstag gekommen. Sie stieg leicht und leise wie eine schillernde Wasserblase zur Oberfläche empor. Als sie den Kopf aus dem Wasser hob, war die Sonne gerade untergegangen, aber die Wolken leuchteten noch in sanftem Rosa und Gold.
Die Abendluft war mild und frisch. Nicht weit von ihr entfernt schaukelte ein großes Schiff mit drei Masten ruhig auf den sanften Wellen. Auf dem Schiff brannten hunderte von Laternen, und sanfte Musik wehte über das Wasser. Die kleine Meerjungfrau schwamm dicht an ein Kabinenfenster heran und sah viele festlich gekleidete Menschen.
Der Schönste von allen war ein junger Prinz mit großen, dunklen Augen. Er sah genau aus wie die Marmorstatue in ihrem kleinen Garten. Die kleine Meerjungfrau konnte den Blick nicht von ihm wenden, so sehr wärmte sein Lächeln ihr Herz. Spät in der Nacht begann das Meer schwerer zu atmen. Ein Sturm zog auf, doch tief unten im Wasser spürt man davon nur ein kräftiges, ruhiges Wiegen.
Oben jedoch warfen die Wellen das große Schiff wie ein Spielzeug hin und her, bis der dicke Mast brach und das Schiff in die Tiefe sank. Zuerst freute sich die kleine Meerjungfrau, weil der Prinz nun zu ihr hinabkommen würde. Doch dann fiel ihr ein, dass Menschen unter Wasser nicht atmen können. Sie tauchte mutig durch die herabstürzenden Planken und fand den Prinzen, der bereits die Augen geschlossen hatte.
Sie hielt seinen Kopf sanft über das Wasser und ließ sich von den treibenden Wellen tragen, wohin sie wollten. Am Morgen war der Sturm vorüber, und das Meer lag wieder spiegelglatt und ruhig da. Sie brachte den Prinzen an einen warmen Strand aus feinem, weißen Sand, direkt vor einem hellen Tempel. Sie legte ihn behutsam in den warmen Sonnenschein und versteckte sich hinter einigen großen Steinen im Wasser.
Bald darauf kamen junge Mädchen aus dem Tempel. Eine von ihnen fand den Prinzen, und er erwachte langsam. »Du hast mich gerettet«, sagte er zu dem Mädchen, denn er wusste nicht, dass es die kleine Meerjungfrau gewesen war, die ihn durch die dunkle Nacht getragen hatte. Tief traurig und leise glitt sie zurück in den Ozean.
In den folgenden Tagen wurde sie noch stiller. Sie fragte ihre alte Großmutter nach den Menschen und lernte, dass sie nicht wie die Meermenschen dreihundert Jahre alt werden, sondern eine unsterbliche Seele besitzen. Wenn ein Meermensch stirbt, wird er nur zu Schaum auf den Wellen. Die Seele der Menschen aber steigt auf zu den leuchtenden Sternen in der ewigen Ruhe.
Die kleine Meerjungfrau wünschte sich nichts sehnlicher, als den Prinzen zu lieben und eine solche unsterbliche Seele zu gewinnen. In einer stillen Nacht verließ sie heimlich das Schloss und schwamm zu der dunklen Höhle der Meerhexe. Der Weg dorthin war seltsam, doch sie schwamm ruhig und furchtlos durch die grauen Wasserpflanzen. Die Hexe erwartete sie bereits.
»Ich weiß, was du willst«, sagte die Hexe. »Du sollst deinen Trank haben. Wenn du ihn am Ufer trinkst, wird dein Schwanz verschwinden und zu Beinen werden. Aber es wird schmerzen, als ob ein scharfes Schwert dich durchdringt.« Die Hexe forderte den höchsten Preis für diesen Zauber. Die kleine Meerjungfrau musste ihr das Liebste geben, was sie besaß.
»Deine Stimme gehört von nun an mir«, sagte die Hexe, und so nahm sie der kleinen Meerjungfrau ihre wunderschöne Stimme. Mit dem magischen Trank in den Händen schwamm die kleine Meerjungfrau hinauf an den Strand des Prinzen. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als sie den Trank zu sich nahm. Ein tiefer, fließender Schmerz durchzog sie, und sie sank in einen weichen, tiefen Schlaf.
Als sie erwachte, schien die Morgensonne hell und wärmend auf sie herab, und vor ihr stand der wunderschöne Prinz. Sie schlug die Augen auf und sah an sich hinab. Der Fischschwanz war verschwunden. Sie hatte nun zarte, weiße Beine. Der Prinz nahm sie bei der Hand und führte sie in sein Schloss. Bei jedem Schritt fühlte es sich an, als trete sie auf scharfe Muscheln, doch sie trug den Schmerz in vollkommener Stille und mit einem sanften Lächeln.
Sie wurde der Liebling des Prinzen. Abends, wenn ruhige Musik durch die Säle klang, tanzte sie für ihn. Sie schwebte so leicht wie eine Feder über den Boden, und alle bewunderten ihre stumme, friedliche Anmut. Doch das Herz des Prinzen gehörte bereits einer anderen. Er glaubte, das Mädchen aus dem Tempel sei seine wahre Retterin gewesen.
Als er sie eines Tages in einem benachbarten Königreich wiedertraf, beschloss er, sie zu heiraten. Die kleine Meerjungfrau trug die Schleppe der Braut. Sie wusste, dass sie am Morgen nach der Hochzeit sterben und zu weichem Meeresschaum werden würde, weil sie die Liebe des Prinzen und damit die unsterbliche Seele nicht gewonnen hatte. In der Nacht nach der Hochzeit feierten die Menschen auf einem großen Schiff.
Die kleine Meerjungfrau stand leise an der Reling und blickte in das ruhige, dunkle Wasser. Da tauchten ihre Schwestern aus den Wellen auf. Sie hatten keine langen Haare mehr, denn sie hatten sie der Hexe gegeben, um ein Zaubermesser zu kaufen. »Nimm dieses Messer«, flüsterten sie. »Wenn du es in das Herz des Prinzen stößt, bevor die Sonne aufgeht, wirst du wieder eine Meerjungfrau und kannst zu uns in die Tiefe zurückkehren.«
Die kleine Meerjungfrau nahm das Messer und trat leise in das Zelt, in dem der Prinz mit seiner Braut schlief. Der Prinz lächelte friedlich im Schlaf und murmelte den Namen seiner Frau. Die kleine Meerjungfrau sah auf die scharfe Klinge in ihrer Hand, und dann sah sie wieder auf das ruhige Gesicht des Prinzen. Sie liebte ihn viel zu sehr.
Mit einer sanften, weichen Bewegung warf sie das Messer weit hinaus in die dunklen Wellen, wo das Wasser rot aufleuchtete, als es hineinfiel. Der Morgen graute. Die kleine Meerjungfrau warf sich in das warme Wasser und fühlte, wie sich ihr Körper ganz sanft und friedlich in zarten, weißen Schaum auflöste. Doch sie spürte keine Angst und keine Dunkelheit.
Sie fühlte sich leicht und schwebte empor. Um sie herum waren hunderte von durchsichtigen, leuchtenden Wesen. Es waren die Töchter der Luft. »Wo bin ich?«, fragte sie, und ihre Stimme klang wie ein sanftes, weiches Glockenläuten. »Bei uns, den Töchtern der Luft«, antworteten die Wesen. »Weil du so viel geliebt und so viel Gutes getan hast, darfst du nun mit uns fliegen. Wir bringen den Menschen kühle Winde in der Hitze und den Duft der Blumen. Wenn wir viele Jahre Gutes tun, schenkt uns der Schöpfer eine unsterbliche Seele.«
Die kleine Meerjungfrau hob ihre klaren Augen zur hellen Morgensonne, und zum ersten Mal fühlte sie vollkommenen, unendlichen Frieden in ihrem Herzen.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.