Frei nach Hans Christian Andersens Bilderbuch ohne Bilder · 4 Minuten zu lesen
Was der Mond sah — die zweite Nacht
Am nächsten Abend kam der Mond früher als sonst, und er war in bester Laune. Heute, sagte er, habe ich einen Sieg gesehen, einen von den kleinen, die niemand in die Bücher schreibt. In der Gasse hinter der Kirche, sagte er, wurde heute ein Junge zum ersten Mal in einen Schornstein geschickt, ein kleiner neuer Schornsteinfeger, ganz schwarz und ganz bange. Es war eng und dunkel und rußig, und auf halber Höhe wollte ihm der Mut ausgehen.
Aber er kletterte weiter, Griff um Griff, und dann — dann kam sein Kopf oben aus dem Schornstein heraus, mitten in den freien Abendhimmel. Da saß er nun auf dem Schornsteinrand, hoch über der ganzen Stadt, sah die tausend Dächer unter sich und mich über sich, und er schwenkte seinen kleinen Besen und rief sein Hurra über alle Dächer hin. So sehen Sieger aus, sagte der Mond. Ich habe Könige gesehen und Feldherren mit wehenden Fahnen — aber so froh wie dieser rußige kleine Kerl auf seinem Schornstein war lange keiner.
Und weil wir bei den Siegen sind, sagte der Mond, will ich dir noch einen zeigen, einen ganz leisen. In der Schulstube am Markt saß gestern spätabends der alte Lehrer über den Heften seiner Kleinen und las mit seiner müden Lupe Buchstabe um Buchstabe, und bei einem Heft, das voller Fehler war, nickte er auf einmal und lächelte. Denn unter den Fehlern stand zum ersten Mal ein ganzer gerader Satz, von einem Kind, das den Winter über keinen zustande gebracht hatte. Der Lehrer schrieb etwas an den Rand — kein Zeichen, ein Wort, ein gutes —, und dann schlief er über den Heften ein, die Lupe noch in der Hand. Ich habe ihm mein Licht über die Schultern gelegt, sagte der Mond, mehr konnte ich nicht tun, und mehr brauchte er nicht.
Einen dritten kleinen Sieg sah ich noch, sagte der Mond, im Haus mit dem grünen Tor. Da hatten zwei Schwestern seit Tagen einen Streit liegen, so einen zähen, bei dem keine mehr weiß, worum es ging, und beide zu stolz sind, es zuzugeben. Gestern Abend nun lagen sie in ihren Betten, Rücken an Rücken, und es war ganz still, und dann sagte die eine in die Dunkelheit: Schläfst du schon? Und die andere sagte: Nein. Mehr war es nicht. Aber es war die Brücke, und ich wette, sie haben heute Morgen zusammen gefrühstückt und dabei gelacht. Große Versöhnungen, sagte der Mond, fangen fast immer mit zwei kleinen Worten an. Man muss sie nur sagen, bevor man einschläft. Danach tragen sie sich schwerer.
Und dann, sagte der Mond, sah ich noch etwas, ein paar Straßen weiter, durch ein niedriges Fenster. Da stand ein kleines Kind in der Stube, kaum ein Jahr alt, und hielt sich am Stuhl fest, und drüben, drei Schritte weit, kniete die Mutter mit ausgebreiteten Armen. Drei Schritte — das ist nichts für dich und mich, aber für so ein kleines Menschenkind ist es eine Weltreise. Es ließ den Stuhl los, es schwankte wie ein Hälmchen, es machte einen Schritt und noch einen, und beim dritten fiel es der Mutter geradewegs in die Arme. Und dann wurde gelacht und geweint zugleich, wie das bei den Menschen so ist, wenn das Glück zu groß wird für ein einzelnes Gesicht.
Der Maler zeichnete den Jungen auf dem Schornstein und das Kind zwischen Stuhl und Mutterarmen. Zwei Bilder vom selben Tag, sagte der Mond im Gehen, und beide handeln vom selben: von den ersten Schritten hinauf und hinüber — und davon, dass am Ende immer jemand da sein sollte, der die Arme aufmacht. Dann zog er weiter, und die Stadt unter ihm schlief ein, Dach um Dach, und meinte es gut mit ihren Kindern.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.