Frei nach Hans Christian Andersens Bilderbuch ohne Bilder · 3 Minuten zu lesen
Was der Mond sah — die zehnte Nacht
Der Winterwald, sagte der Mond am zehnten Abend, ist um Mitternacht das stillste Zimmer der Welt. Ich schien in ihn hinein, zwischen die verschneiten Fichten, und da stand das Reh mit seinem Halbwüchsigen auf der kleinen Lichtung, ganz ohne Furcht, denn um diese Stunde gehört der Wald den Seinen. Sie zupften an dem Heu, das der Förster ihnen an die Raufe gelegt hatte, und ihre Schatten auf dem blauen Schnee waren so deutlich, dass es aussah, als weideten dort vier. Der Schnee knarrte nicht einmal unter ihren Tritten; der Wald hatte alles mit Watte ausgeschlagen, wie man es für die Nacht in einem Kinderzimmer tut.
Am Rand des Waldes glomm der Meiler des Köhlers, ein runder dunkler Hügel, aus dem es an zwei, drei Stellen rot atmete, und davor, in seiner Hütte aus Zweigen, schlief der Köhler seinen wachen Schlaf: mit einem Ohr am Feuer, wie die Mütter mit einem Ohr an der Wiege schlafen. Alle Stunde einmal wachte er auf, ohne dass ihn jemand weckte, ging einmal um seinen Meiler, warf hier eine Schaufel Erde auf und dort, horchte in das leise Schwelen — und legte sich wieder hin. So hütet man langsames Feuer, sagte der Mond, und so hütet man überhaupt alles, was gut werden soll: nicht mit Aufregung, sondern mit Runden.
Mitten im Wald, an der alten Buche, hing der kleine Futterkasten, den die Kinder des Försters im Herbst gezimmert hatten, und auf seinem Dach lag eine Haube Schnee wie auf einem richtigen Haus. Im Kasten schliefen zwei Meisen, dicht aneinandergedrückt, zwei Federkugeln in einer Handvoll Holz, und der Mond leuchtete behutsam hinein, ohne sie zu wecken. So klein kann Geborgenheit sein, sagte er: zwei Vögel, ein Brettchen, eine Haube Schnee. Die großen Häuser der Menschen machen es im Grunde auch nicht anders, sie brauchen nur mehr Bretter.
Der Bach im Wald war unter dem Eis nicht verstummt, man musste sich nur bücken: Unter der blanken Decke lief er weiter und redete mit sich selbst, gedämpft wie hinter einer Tür, und an den dünnen Stellen sah man ihn glitzernd vorüberziehen. Das Eis meint es nicht böse mit ihm, sagte der Mond, es ist nur sein Winterfenster — zu, damit die Wärme drinnen bleibt. Häuser und Bäche halten es gleich.
Am Waldrand stand eine junge Fichte, über und über verschneit, und bog ihre Zweige unter der Last, ohne zu brechen — das können die Jungen dort am besten, das Nachgeben, das keines ist. Im Frühjahr, sagte der Mond, richtet sie sich wieder auf, Zweig um Zweig, und wächst weiter, als wäre nichts gewesen; der Schnee ist für Fichten keine Bürde, sondern eine Decke, und unter Decken wächst es sich gut. Er nickte ihr im Vorbeigehen zu, wie er allem zunickt, was geduldig ist. Sie sind alte Verbündete, der Mond und die Geduld.
Auf dem Heimweg über die Felder sah ich noch die Spuren im Schnee, die sich kreuzten: die kleinen Herzen des Hasen, die Perlenschnur des Fuchses, die breiten Latschen des Dachses. Ein ganzes Nachtprotokoll, sauber geführt, und morgen früh liest es der Bauernjunge auf dem Schulweg wie eine Zeitung. Der Schnee vergisst nichts, sagte der Mond, aber er macht aus allem etwas Weiches — auch darin könnten sich manche etwas absehen. Dann zog ich weiter, und hinter mir wurde der Wald wieder dunkel und blieb doch nicht allein: Das Reh, der Köhler, das rote Atmen im Meiler — es schläft sich gut in einem Wald, in dem so viele leise Dinge wachen.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.