Andreas’ Nacht

Frei nach Hans Christian Andersens Bilderbuch ohne Bilder · 4 Minuten zu lesen

Was der Mond sah — die vierte Nacht

Nicht alles, was ich sehe, ist fern, sagte der Mond am vierten Abend. Manches liegt gleich um die Ecke. Gestern sah ich in eine Stube hier in der Stadt, drei Straßen von dir, und da saß eine alte Dame am Ofen. Sie hatte den Tag über aufgeräumt, in einer Truhe, die viele Jahre nicht geöffnet worden war, und nun lag auf ihrem Schoß ein kleines Bündel Briefe, mit einem verblichenen Band umwunden.

Sie las sie noch einmal, einen nach dem anderen, ganz langsam, und ich schien ihr dabei über die Schulter, sagte der Mond, denn die Lampe war ihr zu hell für so etwas. Es waren alte Briefe von einer alten Liebe, aus der Zeit, als ihre Haare dunkel waren, und zwischen den Blättern lag eine trockene Rose. Dann band sie das Band wieder darum, saß eine lange Weile still — und legte das Bündel behutsam in den Ofen, in die milde Glut. Nicht im Zorn, verstehst du. Es war eher, wie wenn man einen Vogel freilässt, den man lange gehalten hat. Die Briefe wurden Licht und Wärme, ein kurzes helles Auflodern, und die alte Dame hielt die Hände hin und wärmte sie daran. So kann man es mit der Vergangenheit auch machen, sagte der Mond: sich zuletzt noch einmal die Hände an ihr wärmen.

Beinahe dieselbe Kunst, sagte der Mond, sah ich vor Jahren bei einem alten Gärtner. Der grub im Herbst seinen Apfelbaum um, der nicht mehr tragen wollte, und alle sagten ihm, es lohne nicht mehr, er werde die Äpfel nicht mehr erleben. Da pflanzte er ihn erst recht, und dazu sagte er den Satz, den ich seither aufhebe: Ich pflanze ihn ja nicht für mich, ich pflanze ihn für den Sommer. Nun trägt der Baum seit manchem Jahr, und unter ihm spielen Kinder, die den Gärtner nie gekannt haben. So kann man es also auch machen mit der Zeit, die einem nicht mehr gehört: Man legt sie einfach in gute Erde.

Und danach, sagte er, flog ich hinaus über das große Wasser, mitten auf den Ozean, wo tagelang kein Land ist. Da lag ein Segelschiff in einer vollkommenen Windstille, die Segel schlaff, das Meer wie dunkles Glas. Die Wache döste am Steuer, die Matrosen lagen an Deck in der lauen Nacht, und das Schiff spiegelte sich so ruhig im Wasser, dass man nicht sagen konnte, wo das echte aufhörte und das gespiegelte begann. Zwei Schiffe, Kiel an Kiel, und beide voller Schlafender. Kein Mensch tat etwas, kein Tau bewegte sich, und doch, sagte der Mond, war es eines der schönsten Bilder dieser Woche: die ganze große weite See — und mittendrin ein einziges schlafendes Haus aus Holz und Leinwand.

Und dann das Schiff, sagte der Mond — aber eines muss ich zu dem stillen Schiff noch nachtragen: Ganz schlief es nämlich nicht. Vorn am Bug saß der Schiffsjunge, der eigentlich Wache hatte und sie auch hielt, auf seine Art: Er hatte Heimweh, es war seine erste Reise, und er sah zu mir herauf und rechnete an den Fingern aus, wie viele Nächte es noch bis zum Heimathafen seien. Ich schien ihm dabei auf die Finger, damit er sich nicht verzählte. Es waren noch viele. Aber als er fertig gerechnet hatte, gähnte er und war getröstet, denn eine Zahl, und sei sie groß, ist besser als das Ungewisse. Dann weckte er den Nächsten zur Wache und rollte sich ein, und das Meer schaukelte ihn in den Schlaf wie eine sehr große, sehr geduldige Mutter.

Der Maler zeichnete die alte Dame am Ofen und das stille Schiff auf dem stillen Meer. Und als er die Kreide weglegte, wusste er selbst nicht recht, warum ihm beide Bilder wie ein und dasselbe vorkamen. Vielleicht, weil auf beiden Frieden geschlossen wurde — auf dem einen mit dem, was gewesen war, auf dem anderen mit dem, was kommen mochte. Der Mond sagte dazu nichts mehr; er war schon hinter dem Kirchturm, und die Nacht gehörte den Schläfern.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Andersen Märchen, Teil zwei · Die vergessenen 65 Geschichten. Der Sprung führt an genau die Stelle.

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