Andreas’ Nacht

Frei nach Hans Christian Andersens Bilderbuch ohne Bilder · 3 Minuten zu lesen

Was der Mond sah — die siebente Nacht

Heute komme ich aus den Bergen, sagte der Mond am siebenten Abend. Ich habe über das Hochgebirge geschienen, wo die Menschen den Sommer über mit ihren Herden oben bleiben, in kleinen Hütten aus grauem Holz, die an den Hängen kleben wie Schwalbennester. Vor einer davon saß die alte Sennerin auf der Bank, die Hände im Schoß, den Tag in den Knochen, und um die Hütte her lag ihre Herde im Dunkeln, und von jedem Hals klang, wenn ein Tier sich im Schlaf bewegte, ein einzelner Glockenton, tief und rund. So läuten die Berge nachts, sagte der Mond: nicht zur vollen Stunde und nicht nach der Uhr — immer nur, wenn sich ein Traum umdreht.

Weiter unten am Bach stand die Mühle, und die hatte Feierabend, aber ihr Rad hatte es nicht ganz begriffen: Es drehte sich im Nachtwasser langsam weiter, leer und für sich, und klapperte dazu ganz leise, wie einer, der im Schlaf weiterredet, weil der Tag so voll war. Der Müller hörte es durchs offene Fenster und ließ es laufen. Das Klappern, sagt er, gehöre zum Haus wie der eigene Herzschlag; wenn es aufhöre, wache er auf. So hat jedes Haus sein Nachtgeräusch, sagte der Mond, und wer seines liebhat, schläft gut: der Müller sein Rad, der Bauer seinen Brunnen — und du vielleicht die Stimme, die dir gerade erzählt.

In der Sennhütte selbst brannte noch ein kleines Feuer, und die alte Sennerin tat, was sie jeden Abend tat: Sie stellte die Milchkannen für den Morgen bereit, schob den Riegel vor und sprach durch die Tür noch ein Wort zu den Tieren, wie man zu Kindern durch die Wand spricht. Dann löschte sie das Licht, und die Hütte war dunkel wie die Berge ringsum, nur wärmer. Der Mond sagte, er kenne die Hütte seit Jahrzehnten, und es sei eine von denen, bei denen er im Vorbeigehen langsamer werde — es gebe solche Häuser, an denen sogar das Licht gern hängen bleibe.

Unten im Tal brannte um diese Stunde nur noch ein einziges Licht, das Pfarrhaus, in dem noch gelesen wurde; zwischen Alm und Tal aber lag nichts als Hang und Stille und der lange, geduldige Atem der Berge. Täler schlafen früher als Höhen, sagte der Mond, das ist eine alte Ordnung — und wer je auf einer Alm übernachtet hat, kennt ihr Geheimnis: Oben ist man dem Schlaf näher, weil einem der Himmel beim Zudecken hilft.

Dann, sagte der Mond, sah ich noch den schmalen Bergpfad, der von der Alm ins Tal führt, und auf dem Pfad keinen Menschen — nur die Steinmännchen am Rand, die die Hirten aufgeschichtet haben, damit keiner den Weg verliert. Sie standen im Mondlicht wie kleine geduldige Wächter, jedes an seinem Platz, und hielten den Weg für den Morgen bereit. So sah das ganze Gebirge aus: aufgeräumt für die Nacht, bewacht von Glocken, Steinen und einem alten Licht. Mehr braucht ein Berg nicht, und ein Mensch eigentlich auch nicht.

Hoch über allem, auf dem Grat, stand der Adler auf seinem Felsen und schlief mit geradem Rücken, wie Könige schlafen, und der Mond strich ihm über die Federn, ohne dass er es merkte. Sogar die Könige der Lüfte, sagte der Mond, müssen nachts die Augen zumachen, und dann sind sie nichts als große müde Vögel im Wind — das ist das Freundliche an der Nacht: Sie macht alle wieder gleich, den Adler und die Henne, die Sennerin und die Königin. Der Schlaf trägt keine Kronen. Und darum, sagte der Mond, schlafen alle unter derselben Decke gut, unter meiner nämlich; ich breite sie jeden Abend über Berg und Tal, und sie reicht immer.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Andersen Märchen, Teil zwei · Die vergessenen 65 Geschichten. Der Sprung führt an genau die Stelle.

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