Frei nach Hans Christian Andersens Bilderbuch ohne Bilder · 3 Minuten zu lesen
Was der Mond sah — die sechste Nacht
Heute bleibe ich im Kleinen, sagte der Mond am sechsten Abend, heute erzähle ich dir von einem Dorf im Schnee. Es lag zwischen weißen Hügeln, die Dächer dick verschneit, und aus jedem Schornstein stieg gerade und ruhig der Rauch, denn es war windstill und sehr kalt, eine von den Nächten, in denen der Schnee unter den Schritten singt. Der Nachtwächter ging seine Runde, den Kragen hoch, und an jeder Ecke blieb er einen Augenblick stehen — nicht, weil dort etwas war, sondern weil es so schön still war, und Stille muss man sich anhören, wenn man sie schon bekommt.
In einem der Häuser brannte noch Licht, sagte der Mond, und ich sah durchs Fenster in die Kinderstube. Da lagen zwei Kinder in einem Bett, und das kleinere konnte nicht einschlafen und sagte sein Abendgebet noch einmal, weil es beim ersten Mal, wie es meinte, nicht richtig bei der Sache gewesen war. Das größere hörte mit einem Ohr zu und schlief mit dem anderen schon, und die Mutter saß auf der Bettkante und wartete, ohne zu drängen. Als das Gebet zu Ende war, fragte das Kleine: Hat er es gehört? Und die Mutter sagte: Er hat schon beim ersten Mal zugehört. Aber er hört es gern zweimal. Da drehte sich das Kind zur Wand und schlief ein, ehe die Mutter an der Tür war.
Ich sah auch in den Stall, sagte der Mond, durch die Luke überm Tor. Da standen die Pferde warm beieinander und träumten mit zuckenden Ohren von Sommerweiden, die Kühe lagen als große ruhige Schatten im Stroh und kauten sogar im Schlaf noch ein wenig weiter, aus alter Gewohnheit, und zuoberst auf dem Balken saßen die Hühner in einer Reihe wie aufgefädelt. Zwischen allen aber, mitten im wärmsten Stroh, schlief die Stallkatze, und ihr gehörte der ganze Stall, das sah man sofort. Tiere schlafen gründlicher als Menschen, sagte der Mond. Sie rechnen nachts nichts nach. Das wäre auch für die Menschen eine Überlegung.
Vor dem Dorf, am Hang, stand noch der alte Schäfer bei seiner Herde, der letzte Wache draußen. Seine Schafe lagen im Pferch wie helle Steine im Dunkeln, sein Hund lag neben ihm, die Ohren auf Halbwacht, und der Schäfer selbst stand auf seinen Stab gestützt und sah in die Nacht, wie er es seit fünfzig Jahren tut. Ich kenne ihn lange, sagte der Mond. Er redet nicht viel, auch mit mir nicht. Aber einmal, vor Jahren, hat er zu mir gesagt: Du und ich, wir haben denselben Beruf — wir sehen nach, ob alle da sind. Seither grüßen wir uns. Es ist gut, einen Kollegen zu haben, wenn man nachts arbeitet, und sei er noch so weit unten auf seinem Hügel.
Draußen ging der Nachtwächter vorbei und sang leise sein altes Stundenlied vor sich hin, mehr für sich als fürs Dorf, und in den Ställen rührten sich warm die Tiere, und unter einem Dach schlug eine Katze im Schlaf mit dem Schwanz. Und das war alles, sagte der Mond. Das war die ganze Nacht in diesem Dorf. Es ist nichts geschehen — und gerade das habe ich dir erzählen wollen. Die meisten guten Nächte sind so: Es geschieht nichts, und alle sind am Morgen noch da, und der Schnee liegt eine Handbreit höher.
Der Maler zeichnete das Dorf zwischen den weißen Hügeln, die geraden Rauchsäulen, das eine erleuchtete Fenster. Es wurde das stillste Blatt im ganzen Buch, und später, als andere die Bilder sahen, blieben sie bei diesem am längsten stehen, und keiner konnte sagen, warum. Der Mond hätte es ihnen sagen können: Man erkennt die Nächte wieder, in denen man selbst einmal gut geschlafen hat.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.