Andreas’ Nacht

Frei nach Hans Christian Andersens Bilderbuch ohne Bilder · 3 Minuten zu lesen

Was der Mond sah — die neunte Nacht

Heute erzähle ich dir vom kleinsten Haus, das ich kenne, sagte der Mond am neunten Abend. Es ist eine Fischerkate am Strand, geduckt und windschief, und drinnen stand eine Wiege, und in der Wiege lag ein sehr neues, sehr kleines Menschenkind, das seine erste Sturmnacht erlebte. Draußen warf sich der Wind gegen die Tür, und die See redete laut — aber die Mutter wiegte und summte, und ihr Summen war das Stärkere von beiden. Ich habe es oft gesehen, sagte der Mond: Gegen ein Wiegenlied kommt kein Wetter an. Es ist das älteste Zaubermittel der Welt, und es wird an jedem Abend tausendfach gewirkt, in allen Sprachen, und wirkt in allen.

Drinnen hängte die Mutter noch die kleinen Sachen zum Trocknen über die Leine am Herd, winzige Hemdchen und Strümpfe, kaum größer als eine Hand, und der Feuerschein spielte darauf herum. Es gibt kein friedlicheres Bild in allen meinen Nächten, sagte der Mond, als frisch gewaschene Kindersachen an einer warmen Leine, während draußen das Wetter tobt. Es sieht aus wie eine Fahne, die das Haus gehisst hat: Hier wird gelebt, hier wird geschlafen, hier kann der Sturm nichts holen.

Als das Kind schlief, trat der Fischer noch einmal vor die Tür und sah nach dem Boot, ob es gut vertäut lag, und dann nach dem Himmel, ob ein Riss in den Wolken sei. Da fand er mich, sagte der Mond, in ebenso einem Riss, und wir sahen uns an, und ich sagte ihm auf meine Art, was der Himmel zu sagen hatte: dass der Wind zum Morgen nachlassen würde. Er verstand es auch; Fischer verstehen mich besser als die Gelehrten mit den Rohren. Dann ging er hinein, legte den Riegel vor und löschte das Licht, und die Kate duckte sich in den Sand, und der Sturm konnte machen, was er wollte: Da drinnen schliefen jetzt drei, und das Haus hielt.

Auf dem Fensterbrett der Kate stand außerdem eine Muschel, eine große, gewundene, die der Fischer als Junge selbst gefunden hatte, und in ihr rauschte das Meer leise weiter, auch jetzt, da das richtige Meer draußen tobte. So haben die Fischersleute das Wasser gleich zweimal im Haus, sagte der Mond: das wilde vor der Tür und das gezähmte auf dem Fensterbrett — und das Kind in der Wiege wird mit beiden groß werden und keines fürchten.

Auch die See selbst wurde gegen Morgen müde, das muss zu ihrer Ehre gesagt werden. Der Wind ließ nach, wie der Mond es dem Fischer versprochen hatte, die Wellen wurden runder und langsamer, und zuletzt rollten sie nur noch aus alter Gewohnheit an den Strand, wie ein Kind, das im Einschlafen noch einmal mit dem Fuß wippt. Als die Sonne kam, lag die See glatt und unschuldig da und glitzerte, als wisse sie von nichts. So sind die Meere, sagte der Mond, und man muss es ihnen lassen: Ausschlafen können sie.

Am Brunnen im Dorf dahinter stand vergessen ein Eimer, halbvoll Wasser, und darin lag die halbe Nacht: zwei Sterne und ich. So ein Eimer ist eine gute Lehre, sagte der Mond. Der Himmel ist so groß, und doch passt er in jedes stille Wasser hinein, wenn es nur ruhig hält — in einen Eimer, in einen Teich, in ein Auge kurz vorm Einschlafen. Halt jetzt auch still, sagte der Mond zum Maler. Dann passt der ganze große Himmel in einen Menschen hinein, und er ist gar nicht schwer — er ist das Leichteste, was einer halten kann. Der Maler hielt still. Und der Eimer am Brunnen hielt seine zwei Sterne fest bis zum Morgen.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Andersen Märchen, Teil zwei · Die vergessenen 65 Geschichten. Der Sprung führt an genau die Stelle.

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