Andreas’ Nacht

Frei nach Hans Christian Andersens Bilderbuch ohne Bilder · 3 Minuten zu lesen

Was der Mond sah — die fünfte Nacht

Kennst du das kleine Theater in der Vorstadt, fragte der Mond am fünften Abend. Dort spielt ein Mann den Lustigen, den Pulcinella, der die Purzelbäume schlägt und über den alle lachen. Ich kenne ihn lange. Er hat ein gutes, ehrliches Gesicht, wenn er es abends abschminkt, und er hatte einmal die schöne Colombine lieb, die mit ihm auf der Bühne stand. Aber Colombine hat den eleganten Harlekin genommen, so ging das Stück nun einmal, auf der Bühne wie im Leben.

Pulcinella trug es, wie er alles trug: mit einem Purzelbaum obendrauf. Er blieb ihr Freund, er blieb der Lustige, und wenn er abends besonders komisch war, wusste ich, sagte der Mond, dass er tagsüber besonders still gewesen war. Nun ist Colombine seit manchem Jahr fort aus der Stadt und von der Bühne, weit fort, und heute Nacht sah ich ihn nach der Vorstellung allein über den leeren Platz gehen, das weiße Kostüm unterm Mantel. Er blieb am Brunnen stehen, sah zu mir herauf und nickte mir zu, als wären wir alte Kollegen. Und das sind wir ja auch: Wir treten beide abends auf, jeder macht den Menschen die Nacht ein wenig leichter, und was uns selbst beschwert, behalten wir hinter dem runden Gesicht.

Ich kenne sie alle, die abends auftreten, sagte der Mond, die großen Bühnen und die kleinen. Ich kenne den alten Dorfmusikanten, dessen Geige nun an der Wand hängt, weil die Finger nicht mehr wollen; wenn ich durch sein Fenster scheine, streiche ich manchmal über die Saiten — nicht dass sie klingen, dafür bin ich zu leicht, aber sie glänzen dann, und der Alte sieht im Halbschlaf hinüber und träumt von den Tanzböden seiner besten Jahre. Musik hört nicht auf, wenn sie verklungen ist, sagte der Mond. Sie zieht nur um: aus der Luft in die Erinnerung. Dort ist sie vor jedem Wetter sicher.

Apropos Bühne, sagte der Mond: In derselben Vorstadt wohnt ein kleines Mädchen, das jeden Abend vor dem Einschlafen für ihre Puppen Theater spielt, hinter einem Vorhang aus zwei Schürzen. Gestern gab sie ein Stück, in dem eine Prinzessin nicht schlafen konnte, und alle Puppen mussten ihr der Reihe nach etwas vorsingen, und beim dritten Lied — da schlief die Theaterdirektorin selbst ein, mitten im Stück, den Kopf auf der Bühnenkante. Die Puppen spielten nicht weiter; Puppen sind da sehr korrekt. Sie blieben einfach sitzen und hielten die Stellung bis zum Morgen. Ich habe das Licht über der ganzen Truppe gelöscht, so gut ich es vermag, und bin auf Zehenspitzen weiter. Es war die schönste Vorstellung des Abends, und sie hatte kein Ende, nur eine Pause.

Danach, sagte der Mond, wollte ich etwas Stilles sehen und ging hinaus auf die Heide, an das kleine Moor, wo das Schilf steht. Da lag ein Schwan zwischen den Halmen, den Kopf tief ins Rückengefieder gesteckt, und schlief auf dem dunklen Wasser. Er trieb ganz langsam mit einem Hauch von Wind, wie ein weißes Boot, das keiner festgemacht hat, und rundum rührte sich nichts als ein Nachtvogel weit drüben und das Knistern im Schilf. Ich habe viele stolze Dinge weiß leuchten sehen, sagte der Mond, Marmor und Segel und Königsschlösser. Aber das Schönste, was ich kenne, ist ein schlafender Schwan auf schwarzem Wasser.

Der Maler zeichnete beides auf ein einziges Blatt: den Mann im weißen Kostüm am Brunnen und den weißen Schwan im dunklen Schilf. Sie kannten einander nicht und gehörten doch zusammen, fand er — zwei, die still werden durften, als niemand mehr zusah. Und über beiden stand derselbe runde, freundliche Zeuge am Himmel und zog weiter, seine Runde um die schlafende Welt.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

Zurück zum Anfang

Lieber hören?

Diese Geschichte ist Kapitel in Andersen Märchen, Teil zwei · Die vergessenen 65 Geschichten. Der Sprung führt an genau die Stelle.

Noch etwas zu lesen