Frei nach Hans Christian Andersens Bilderbuch ohne Bilder · 5 Minuten zu lesen
Was der Mond sah — die erste Nacht
In einer großen Stadt, unterm Dach, wohnte ein armer junger Maler, der niemanden kannte. Seine Kammer war klein, sein Ofen oft kalt, und das Einzige, was ihn jeden Abend besuchte, war der Mond. Der sah durchs schräge Fenster herein, und eines Abends — der Maler wusste selbst nicht, wie es zuging — fing der alte Mond zu sprechen an. Ich kenne dein Land nicht erst seit gestern, sagte er, und ich komme weit herum. Ich will dir erzählen, was ich sehe, jeden Abend ein wenig — und du malst es. Dann hast du am Ende ein ganzes Bilderbuch. So begann es. Und was der Mond in jenen Nächten erzählte, das erzähle ich dir jetzt.
Du musst wissen, wie der Mond erzählt: nicht der Reihe nach und nicht mit Anfang und Ende, sondern wie einer, der viel gesehen hat und das Schönste herausgreift, während es ihm einfällt. Eine Nacht ist er über dem Meer, die nächste über den Bergen, dann wieder über den Dächern nebenan, und überall sieht er nur einen Augenblick lang hin — aber in den richtigen Augenblicken. Ich sehe die Welt nur nachts, sagte er einmal zum Maler, und ich sage dir: Es ist ihre bessere Hälfte. Nachts sind die Menschen bei sich. Am Tag sind sie unterwegs.
Gestern, sagte der Mond, glitt ich über den heiligen Fluss der Inder, den breiten, langsamen Ganges. Die Ufer dampften noch von der Wärme des Tages, und durch das hohe Gras kam ein Mädchen ans Wasser, vorsichtig wie ein Reh. Sie trug ein kleines Öllämpchen in der Hand, setzte es auf ein Blatt und ließ es auf den Fluss hinaus, denn so ist dort der Brauch: Brennt das Lichtlein, bis es außer Sicht ist, dann lebt der Liebste und denkt an einen. Das Mädchen stand ganz still, und das Lichtlein schwamm und schwamm, und es brannte ruhig und klar, bis es hinter der Flussbiegung verschwand. Da legte sie die Hände vors Gesicht — aber nicht vor Kummer. Ich habe ihr Lächeln gesehen, sagte der Mond, ich sehe so etwas auch durch Hände hindurch.
Und in derselben Nacht, sagte der Mond, nur eine halbe Welt weiter, schien ich auf das Eismeer im hohen Norden. Da war kein Baum und kein Haus, nur Eis und schwarzes Wasser und ein Himmel voller flackernder grüner Schleier. Ein Jäger in seinem schmalen Boot aus Fellen ruderte still zwischen den Schollen nach Haus, und vor ihm auf dem Eis lagen die Robben wie graue Steine und schliefen. Der Jäger hatte an diesem Tag nichts gefangen, aber er ruderte ohne Eile, denn über ihm brannte das Nordlicht, und so ein Dach, sagte der Mond, hat kein König über seinem Bett. In seiner Schneehütte wartete ein Licht, so klein wie das Lämpchen auf dem Ganges — und siehst du, sagte der Mond, das ist es, was ich meine: Überall auf der Welt brennen abends die kleinen Lichter, und überall wartet jemand.
Auf dem Rückweg über das Meer, sagte der Mond, kam ich noch an ein paar Fischerbooten vorbei, die weit draußen ihre Netze hoben. Die Männer arbeiteten schweigend, Handgriff um Handgriff, wie es Männer tun, die einander lange kennen, und in den nassen Netzen zappelte mein Licht mit den Fischen um die Wette, lauter kleine Silberstücke. Einer von ihnen, der Jüngste, hielt einen Augenblick inne, sah zu mir herauf und pfiff leise, zwei, drei Töne, so für sich. Das war sein ganzes Lied, und es war genug: Ich habe es mitgenommen und unterwegs den Wellen beigebracht. Vielleicht hörst du es einmal, an irgendeinem Strand. Dann weißt du, woher es stammt.
Und noch eines, sagte der Mond, ehe ich weiterziehe: Auf einer kleinen Insel, die so klein ist, dass sie auf den Karten nur ein Pünktchen hat, brannte gestern das Licht im Leuchtturm wie in jeder Nacht, und der Wärter machte seine Runde. Er ist ein alter Mann und lebt dort allein mit seinem Hund, und wenn er das Licht angezündet hat, sagt er jeden Abend denselben Satz in die Dämmerung: So, nun kann kommen, wer will. Er meint die Schiffe, natürlich. Aber es klingt jedes Mal, als lade er die ganze Nacht zu sich ein — das Meer, den Wind, die Sterne und mich. Ich kehre darum gern dort ein. Man geht zu den Leuten, bei denen man sich willkommen weiß, das ist bei Monden nicht anders als bei euch.
Der Maler saß lange über seinem Blatt, als der Mond weitergezogen war, und zeichnete das Mädchen am Fluss und den Jäger unterm Nordlicht. Und zum ersten Mal, seit er in der großen Stadt wohnte, kam ihm seine Kammer nicht mehr einsam vor, denn wer solchen Besuch bekommt, wohnt nicht allein. Draußen wanderte der Mond geduldig weiter über die Dächer, und wo ein Fenster offen stand, sah er im Vorbeigehen hinein, ganz leise, wie es seine Art ist.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.