Frei nach Hans Christian Andersens Bilderbuch ohne Bilder · 4 Minuten zu lesen
Was der Mond sah — die elfte Nacht
Heute, sagte der Mond am elften Abend, war ich bei einem alten Bekannten: dem Uhrmacher in der kleinen Stadt. Er ist der Mann, nach dem sich alle anderen richten, denn er stellt die Turmuhr, und nach der Turmuhr stellt die Stadt ihre Stuben-Uhren, und nach den Stuben-Uhren richten sich die Suppen und die Schlafenszeiten. Nun ist er alt geworden, und abends, wenn der Laden zu ist, sitzt er zwischen seinen Uhren, und sie ticken um ihn her, jede in ihrem eigenen Schritt, die eilige Kleine auf dem Regal und die bedächtige Standuhr in der Ecke, und er hört ihnen zu wie ein Vater seinen Kindern beim Atmen. Sie gehen nicht ganz gleich, sagte er einmal zu mir, aber sie gehen alle. Mehr verlange ich nicht. Auch von mir selber nicht mehr.
Um Mitternacht, wenn die Turmuhr schlägt, schlagen die Uhren im Laden hinterher, nicht auf den Schlag genau, sondern nacheinander, wie ein Echo, das durchs Haus wandert — erst die eilige Kleine, die immer zu früh dran ist, dann die Mittleren, zuletzt die bedächtige Große, die sich Zeit lässt und recht damit hat. Der alte Mann lächelt dann jedes Mal, und dann steht er auf, dreht die Lampe klein und geht zu Bett, und die Uhren ticken die Nacht für ihn weiter. Er hat sein Leben lang die Zeit gemessen, sagte der Mond, und dabei etwas gelernt, was die wenigsten lernen: dass man sie nicht festhalten muss. Sie geht ja nicht fort. Sie geht nur weiter, und das ist ein Unterschied.
Eine einzige Uhr im Laden stand übrigens fast immer still: die kleine silberne Taschenuhr im Fenster, ein Erbstück, das niemand kaufen durfte, denn sie war nicht zu verkaufen, sie wurde nur aufbewahrt. Sie hatte dem Vater des Uhrmachers gehört, und der Alte zog sie trotzdem jeden Samstag auf, ließ sie eine Stunde ticken und legte sie dann wieder still. Eine Stunde in der Woche, sagte er, muss auch ein Andenken leben dürfen. Der Mond fand das eine sehr richtige Einrichtung. Er hält es mit den Erinnerungen ja ähnlich: einmal die Woche aufziehen, eine Stunde ticken lassen, dann behutsam weiterschlafen.
Über dem Laden, im ersten Stock, schlief der Enkel des Uhrmachers, der das Handwerk lernen sollte und vorerst hauptsächlich das Zerlegen beherrschte. Auf seinem Nachttisch lagen die Teile eines alten Weckers, ordentlich aufgereiht, ein angefangenes Rätsel. Der Alte ließ ihn gewähren. Zusammensetzen, sagte er, lernt jeder, der lange genug zerlegt hat — bei Uhren wie bei allem anderen. Man muss den Anfängern nur Zeit geben, und Zeit ist ja das Einzige, was in diesem Haus reichlich vorhanden ist.
Zwischen Stadt und Feldern lag der kleine Fluss und trug das alles geduldig spazieren: das Spiegelbild der letzten Lichter, die Uhrenschläge, die leisen Rufe der Vögel, die im Halbschlaf ihre Plätze tauschten. Flüsse sind die besten Zuhörer der Nacht, sagte der Mond; sie unterbrechen nie, sie nehmen alles mit und erzählen es erst dem Meer, und das Meer verschweigt es dann für immer. So blieb auch diese Nacht gut aufgehoben, wie alle Nächte davor.
Draußen vor der Stadt, auf den abgeernteten Feldern, lag zur selben Stunde das große Wanderlager der Zugvögel: Stare in dunklen Inseln, dazwischen die Schwalben, die sich für die lange Reise sammelten. Tausende kleine Herzen, alle auf denselben Aufbruch gestimmt, und doch schliefen sie, den Kopf im Gefieder, als gäbe es kein Morgen — gerade weil es eines gibt, schliefen sie so gut. Vor großen Reisen soll man tief schlafen, sagte der Mond, das wissen die Vögel von selbst. Und im Grunde steht ja jedem ein Morgen bevor, jedem ein Stück Weg. Die Schwalben machten es allen vor: Kopf ins Gefieder. Der Wind für morgen wurde schon gemacht, weit draußen überm Meer, und kein Vogel auf dem ganzen weiten Feld half ihm dabei. Sie schliefen alle.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.