Nach den Erzählungen der Bibel · 5 Minuten zu lesen
Verse von der Liebe (nach dem Hohelied)
Vor langer, langer Zeit, in einem Land voller Sonne und Staub, wo die Weinberge in sanften Terrassen die Hügel hinaufstiegen und die Nächte schwer dufteten nach Feige und Zeder, wurden Worte gesungen, die älter klangen als die Zeit selbst. Es waren Worte der Liebe, nicht erklärt und nicht gelehrt, sondern einfach gesungen, wie der Wind singt, wenn er durch das hohe Gras streicht. Und wer zuhörte, der spürte etwas in der Brust, das er vielleicht vergessen hatte: dass die Welt schön ist, und dass es gut ist, in ihr zu sein.
Eine junge Frau stand am Morgen auf einem Hügel, und der erste Schein des Tages legte sich über die Weinreben zu ihren Füßen. Sie dachte an jemanden, den sie liebte, und in ihr war eine Wärme, die stärker war als die Sonne, die langsam über den Horizont stieg. Sie flüsterte die Worte, die ihr Herz füllten, leise in die Morgenluft: Wie der Apfelbaum unter den Bäumen des Waldes, so ist er für mich unter allen anderen. Und die Worte hingen noch einen Moment im Licht, bevor die Vögel mit ihrem Gesang antworteten.
Die Landschaft, in der diese Worte geboren wurden, war weit und ruhig. Olivenhaine warfen zitternde Schatten auf den hellen Boden. Schafe zogen in kleinen Herden über die Hügel, begleitet vom fernen Klingen ihrer Glöckchen. Ein Brunnen stand am Rand des Dorfes, kühl und still, und die Frauen kamen in der Frühe, um Wasser zu schöpfen, und sie sprachen miteinander mit leisen Stimmen. Das Land kannte den Rhythmus der Jahreszeiten, den Rhythmus des Säens und des Erntens, und in diesen Rhythmus hatten sich die Verse von der Liebe eingefunden wie selbstverständlich, wie ein Lied, das man schon immer kannte, ohne es je gelernt zu haben.
Und in diesem Lied hieß es: Sein Banner über mir ist Liebe. Worte, so einfach und so tief, dass man lange mit ihnen sitzen musste, bevor man meinte, sie auch nur ein wenig zu verstehen. Denn Liebe, wie sie in diesen Versen klang, war nicht ein flüchtiger Gedanke oder ein Augenblick der Aufregung — sie war etwas, das bleibt. Etwas, das sich in die Hände eingräbt und in die Stimme, das den Schritt verändert und die Art, wie man morgens die Augen aufschlägt.
Der junge Mann antwortete der Stimme der Frau, und seine Worte trugen die Wärme des Frühlings in sich. Der Winter ist vergangen, der Regen ist vorbei und fort. So sprach er, und man hörte darin die Erleichterung dessen, der lange gewartet hat und nun sieht, wie sich die Knospen öffnen. Die Feigenbäume trugen ihre ersten Früchte, und die Weinreben dufteten in ihren Blüten. Es war, als würde die ganze Natur mitfeiern, als würden Hügel und Täler Zeugen von etwas sein, das größer war als alle Jahreszeiten zusammen.
Die Verse sangen von einer Liebe, die stark ist. Stark wie das Feuer, das nicht erlischt, wenn der Regen fällt. Stark wie das Wasser des Meeres, das nicht aufhört zu rauschen. Und doch war diese Stärke nicht laut und nicht hart — sie war ruhig, wie der Fels unter dem Boden eines alten Hauses, unsichtbar und unverrückbar. Wer auf einem solchen Grund steht, der kann schlafen, auch wenn die Winde kommen. Wer so geliebt wird, der trägt etwas in sich, das ihn hält.
Die Sonne wanderte durch den Tag, und die Schatten wanderten mit ihr. Die Frau saß unter einem Baum, dessen Äste breit und kühl waren, und sie ruhte. Und in ihrer Ruhe war keine Ungeduld, keine Hast, nur das stille Gewisstsein: dass er kommt, dass er an sie denkt, dass die Entfernung zwischen ihnen nur eine Zeit ist und keine Grenze. Diese Gewissheit ist vielleicht das Schönste an den alten Versen, nicht das Sehnen allein, sondern das Vertrauen, das sich darin verbirgt wie ein Kern in einer Frucht.
Und die Verse sangen auch von der Nacht. Von den Sternen über den Feldern, von der Stille, die über die schlafenden Häuser legt, wenn alle Lampen erloschen sind. In der Nacht ist die Liebe nicht kleiner — sie ist vielleicht sogar größer, denn in der Stille hört man das eigene Herz deutlicher. Man hört, was tagsüber im Lärm des Lebens verloren geht: dass man nicht allein ist, dass es jemanden gibt, der einen kennt, wirklich kennt, mit all seinen Geheimnissen und Fehlern und stillen Hoffnungen.
Ich schlafe, aber mein Herz wacht. So klang es in den Versen, und dieser Satz war wie eine Brücke zwischen Schlaf und Wachen, zwischen dem Bewussten und dem Tiefen. Denn das Herz schläft nicht. Es atmet weiter im Dunkeln, es bewahrt, was wichtig ist, es hält die Namen derer fest, die man liebt, auch wenn die Augen längst geschlossen sind. Und vielleicht ist das die stille Aufgabe der Nacht: nicht nur Ruhe zu schenken, sondern auch zu erinnern, was wirklich zählt.
Die Verse endeten nicht mit einem großen Schluss, keiner Auflösung, keiner Erklärung. Sie hörten auf wie ein Lied, das langsam leiser wird, bis nur noch der Nachklang bleibt, ein Schwingen in der Luft, das sich erst nach und nach legt. Vielleicht ist das ihre eigentliche Weisheit, nicht alles sagen zu wollen, sondern Raum zu lassen. Raum für das, was zwischen den Worten liegt, für das, was jeder Mensch in sich trägt, wenn er an jemanden denkt, den er liebt, oder an etwas, das ihn hält in der Dunkelheit.
Und so liegt das alte Land jetzt ruhig da unter dem Sternenhimmel. Die Weinberge schlafen, die Olivenbäume stehen still, der Brunnen am Dorfrand schweigt. Irgendwo in einem Haus, dessen Mauern dick und kühl sind, schläft jemand, und sein Herz wacht leise weiter. Und die Verse von der Liebe schwingen noch immer durch die Nacht, durch alle Nächte, die seit ihrer Entstehung vergangen sind, zart und unvergänglich wie das Licht der Sterne.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.