Frei nach Hans Christian Andersens Vænø og Glænø · 4 Minuten zu lesen
Vänö und Glänö
Vor der Küste von Seeland, dem Herrensitz Holsteinborg gegenüber, lagen einmal zwei bewaldete Inseln im Sund: Vänö und Glänö. Sie hatten ihre Dörfer und ihre Felder, und die Fischer fuhren zwischen ihnen hindurch, und alles hatte seine Ordnung. Dann kam in alter Zeit eine Sturmnacht, wie sie das Land nicht kannte, und als der Morgen grau wurde, war Vänö fort. Die See hatte die ganze Insel zu sich genommen, mit Wald und Dorf und Kirchturm, und wo sie gelegen hatte, ging nur noch die graue Woge.
Auf beiden Inseln hatte man gut gelebt, erzählen die Alten: kleine Dörfer hinter Knicks aus Weißdorn, fette Wiesen, auf denen die Kühe bis an den Strand weideten, und Fischerboote, die morgens hinaus- und abends heimgingen wie die Hühner auf die Stange. Zwischen den Inseln fuhr man in einer halben Stunde hinüber, zur Kirche, zur Hochzeit, zum Schwatz, und die Kinder von Vänö und die Kinder von Glänö kannten einander wie Geschwister. Umso härter war danach das Fehlen: Ein Nachbar, der fortzieht, lässt ein leeres Haus zurück. Eine Insel, die versinkt, lässt leeres Wasser zurück, und daran gewöhnt sich das Auge nie.
Aber die Leute erzählten sich seither Wunderliches. In stillen Sommernächten, sagten die Fischer, sehe man draußen tief unter dem Wasser etwas Weißes schimmern, wie einen versunkenen Kirchturm, und höre ein Läuten, dünn und fern, wie von Glocken, die sehr viel Zeit haben. Und die Sage sagte: Vänö wartet auf Glänö. In irgendeiner Sturmnacht werde die See wiederkommen und die Schwesterinsel nachholen, und darum, hieß es, solle man auf Glänö keine allzu festen Häuser bauen. Die Kinder auf Glänö hörten das abends in den Betten, wenn draußen der Wind anzog, und zogen die Decken höher und lauschten, ob das Läuten käme.
Der alte Fischer Rasmus, von dem die Großväter es hatten, wollte das Läuten einmal wirklich gehört haben, in einer stillen Augustnacht, als er mit seinen Reusen draußen lag. Erst habe er gemeint, es komme von Land, aber das Land war weit; dann habe er sich über die Bordwand gebeugt, und da sei es deutlicher geworden: ein Läuten von unten, dünn wie durch Wolle, und dazu ein Schimmern in der Tiefe, weiß wie Kalk. Er habe nicht Angst gehabt, sagte er später, das sei das Merkwürdigste gewesen — es habe geklungen wie etwas, das nur zeigen wolle: Wir sind noch da. Dann habe er seine Reusen eingeholt und sei heimgefahren und habe daheim erst einmal lange nichts gesagt. Solche Nächte erzählen sich schwer beim Frühstück.
Die Jahre gingen, und das Läuten kam nicht, aber die Furcht blieb wohnen, wie alte Sagen eben wohnen bleiben: im Halbdunkel, zwischen Abendbrot und Einschlafen. Und dann geschah wirklich etwas mit Glänö — aber ganz anders, als die Sage es wusste. Es kamen Menschen mit Karren und Spaten, sie bauten einen langen Damm durchs flache Wasser, sie legten Gräben und Schleusen an, und sie machten aus Meeresboden Wiesenland. Und eines Tages war Glänö keine Insel mehr: Es hing am festen Land, angebunden für immer, und man konnte trockenen Fußes hinübergehen, wo die Großväter noch gerudert waren.
Die Kinder von Glänö wuchsen mit beidem auf: mit der Furcht und mit dem Damm. Und es war lehrreich zu sehen, wie das eine das andere langsam ablöste. Die Großmutter erzählte noch mit gedämpfter Stimme von der Sage, der Vater sprach schon lieber von Schleusen und Wasserständen, und die Kinder selbst liefen am Sonntag auf dem neuen Damm um die Wette und fanden, er sei zum Fürchten viel zu breit. So wandern die Geschichten durch die Familien: erst als Schauder, dann als Wissen, zuletzt als Wettlaufbahn. Verloren gehen sie darum nicht. Sie werden nur immer besser begehbar, wie das Watt bei Ebbe.
Die See hat Glänö also nicht geholt. Die Menschen haben es geholt — ans Land, in Sicherheit, mit Klugheit und Geduld statt mit Zauberei. So löste sich die alte Sage in Wahrheit auf, und die Wahrheit war freundlicher. Nur in sehr stillen Nächten, sagen die Alten am Sund, könne man draußen immer noch das dünne, ferne Läuten hören. Mag sein. Es klingt dann nicht wie eine Drohung, sagen sie, eher wie ein Gutenachtgruß von einer Schwester zur anderen — und wer ihn hört, schläft besonders gut.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.