Frei nach Hans Christian Andersens Klods-Hans · 5 Minuten zu lesen
Tölpel-Hans
Draußen auf dem Land stand ein alter Herrenhof, und darin wohnte ein alter Gutsherr mit seinen Söhnen. Zwei von ihnen galten als die klügsten Köpfe der ganzen Gegend, und beide wollten um die Königstochter freien — denn die hatte ausrufen lassen, sie werde den Mann nehmen, der am besten für sich zu reden wisse. Der eine der beiden konnte das ganze lateinische Wörterbuch auswendig, dazu die Zeitung der Stadt von drei Jahren, vorwärts und rückwärts. Der andere hatte alle Verordnungen der Zünfte im Kopf und konnte über den Staat reden, dass die Balken sich bogen; außerdem verstand er sich darauf, Hosenträger mit Rosen zu besticken, denn er war fein und fingerfertig.
Ich bekomme die Königstochter, sagte der eine. Ich bekomme sie, sagte der andere. Und der Vater gab jedem ein prächtiges Pferd: dem Wörterbuch-Sohn ein kohlschwarzes, dem Zunft-Kenner ein milchweißes. Nun hatten die beiden aber noch einen dritten Bruder, von dem sprach niemand gern, denn er war nicht gelehrt wie die anderen, und man nannte ihn nur Tölpel-Hans. Wo wollt ihr hin im Sonntagsstaat, fragte der. Zur Königstochter, um sie uns zu erreden — hast du nicht gehört, was im ganzen Land ausgerufen wurde? Ei, sagte Tölpel-Hans, da will ich mit.
Die Brüder lachten ihn aus, und der Vater gab ihm kein Pferd; für einen wie ihn, hieß es, lohne das nicht. Aber Tölpel-Hans ließ sich den Tag nicht verderben. Bekomme ich kein Pferd, sagte er, so nehme ich den Ziegenbock, der ist mein eigener und trägt mich gut. Und er setzte sich rittlings auf den Bock, stieß ihm die Hacken in die Seiten und jagte die Landstraße entlang, dass der Staub flog. Heißa, rief er, hier komme ich! Und er sang dazu, dass es weit über die Felder schallte.
Die Brüder ritten schweigend voraus; sie sagten kein Wort, denn sie gingen im Kopf alle klugen Einfälle durch, die sie vorbringen wollten. Heda, rief Tölpel-Hans, hier bin ich — und seht, was ich am Weg gefunden habe! Und er zeigte ihnen eine tote Krähe, die er im Graben aufgelesen hatte. Tölpel, sagten die Brüder, was willst du damit? Die will ich der Königstochter schenken. Da lachten sie und ritten weiter, und Tölpel-Hans lachte mit, denn Lachen konnte er am allerbesten.
Ein Stück weiter hielt er wieder. Heda, seht, was ich jetzt gefunden habe — so etwas findet man nicht alle Tage auf der Landstraße! Es war ein alter Holzschuh, dem das Oberteil fehlte. Und noch ein Stück weiter rief er zum dritten Mal, und diesmal hob er eine Handvoll feinsten nassen Lehm aus dem Graben, füllte sich damit die Rocktasche und strahlte übers ganze Gesicht. Die Brüder schüttelten die Köpfe und gaben ihren Pferden die Sporen, denn sie wollten als Erste am Stadttor sein.
Vor dem Schloss der Königstochter standen die Freier in langer Reihe und bekamen Nummern, und in der Halle drängten sich die Leute an den Fenstern, um zuzuhören. Es war aber heiß in der Halle, denn die Königstochter hatte in alle Öfen einheizen lassen, und wer eintrat, dem stieg die Hitze in den Kopf. Der erste Bruder trat ein, und das ganze Wörterbuch war ihm auf der Stelle entfallen; der Boden knarrte, die Decke war aus Spiegelglas, sodass er sich selbst auf dem Kopf stehen sah, und an jedem Fenster schrieben drei Schreiber alles mit, was gesagt wurde. Es ist heiß hier, brachte er heraus. Ja, sagte die Königstochter, mein Vater brät heute junge Hähne. Da stand er und wusste nichts zu sagen. Taugt nichts, sagte die Königstochter. Hinaus!
Dem zweiten Bruder erging es kein bisschen besser; kaum stand er in der Hitze, waren die Zünfte fort und der Staat dazu. Taugt nichts, sagte die Königstochter. Hinaus! Dann kam Tölpel-Hans, mitten auf seinem Ziegenbock bis in die Halle geritten. Es ist ja glühend heiß hier, sagte er vergnügt. Ja, sagte die Königstochter, mein Vater brät junge Hähne. Ei, das trifft sich, sagte Tölpel-Hans, dann kann ich wohl meine Krähe mitbraten lassen? Das kannst du, sagte die Königstochter — aber hast du auch etwas, worin man sie braten kann? Hier sind Töpfe und Pfannen knapp.
Da zog Tölpel-Hans den alten Holzschuh hervor und setzte die Krähe hinein. Das gibt ein ganzes Gericht, sagte die Königstochter, aber woher nehmen wir die Sauce? Die habe ich in der Tasche, sagte Tölpel-Hans, ich habe davon so viel, dass ich klecksen kann. Und er ließ ein wenig von dem feinen Lehm aus der Tasche laufen. Das gefällt mir, sagte die Königstochter. Du weißt auf alles eine Antwort, und du kannst reden — dich will ich zum Mann. Weißt du auch, dass jedes Wort aufgeschrieben wird und morgen in der Zeitung steht? An jedem Fenster stehen drei Schreiber und ein alter Oberschreiber, und der Alte ist der Schlimmste, denn er versteht nichts. Das sagte sie, um ihn bange zu machen, und alle Schreiber wieherten und spritzten Tintenkleckse auf den Boden.
Sind das die feinen Herren, sagte Tölpel-Hans, dann gebe ich dem Oberschreiber das Beste, was ich habe. Und er kehrte seine Tasche um und gab ihm den ganzen Rest von seinem Lehm. Das war gut gemacht, sagte die Königstochter und lachte, wie sie den ganzen Tag noch nicht gelacht hatte. Das hätte ich nicht gekonnt — aber ich werde es schon noch lernen. So bekam Tölpel-Hans die Königstochter, eine Krone und einen Thron dazu. Am Abend zogen die Lichter im Schloss eines nach dem anderen auf, unten im Hof kaute der Ziegenbock zufrieden am Heu des königlichen Stalls, und aus der Halle klang noch lange das Lachen der Königstochter, warm und hell durch die Sommernacht. Wir haben die Geschichte übrigens aus der Zeitung des Oberschreibers — aber auf die ist nicht ganz Verlass.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.