Andreas’ Nacht

Nach griechischer Überlieferung · 8 Minuten zu lesen

Theseus und der Weg nach Athen

In jenen alten Tagen, als die Götter noch über den Olymp wandelten und die Wege zwischen den Städten gefährlicher waren als das offene Meer, lebte in der kleinen Küstenstadt Troizen ein Junge, der noch nicht wusste, wer er wirklich war. Sein Name war Theseus, und er wuchs auf im Haus seines Großvaters Pittheus, zwischen Olivenhainen und dem Rauschen der Wellen, die weich gegen die Felsen schlugen. Seine Mutter Aithra liebte ihn mit einer Zärtlichkeit, die manchmal wie Traurigkeit aussah, als trüge sie ein Geheimnis, das sie noch nicht aussprechen durfte.

Über dem Hof seines Großvaters lag ein flacher Stein, grau und mächtig, so groß wie ein Schlaftisch und so schwer, dass kein Mann der Stadt ihn je von der Stelle gerückt hatte. Theseus war als Kind an diesem Stein vorbeigegangen, hatte ihn berührt, war darauf gesessen. Erst als er zu einem jungen Mann herangewachsen war, lang in den Gliedern und stark in den Schultern, sprach seine Mutter Aithra das aus, was sie so lange getragen hatte. Sie führte ihn in den Hof, stellte sich neben den Stein und sah ihn an. Dein Vater, sagte sie, ist Aigeus, König von Athen. Er legte Sandale und Schwert unter diesen Stein, bevor er die Stadt verließ. Der Stein ist deine Prüfung und dein Erbe.

Theseus trat an den Stein heran. Er legte die Hände flach auf seine raue Oberfläche, spürte die Wärme, die sich darin gespeichert hatte, und begann zu schieben. Der Stein bewegte sich langsam, widerstand, dann gab er nach, und darunter lagen, in eine Vertiefung des Erdreichs gebettet, ein Schwert mit einem lederumwickelten Griff und ein Paar Sandalen aus braunem Riemenwerk. Theseus nahm beides heraus. Er legte die Sandalen an die Füße und gürtete das Schwert. In diesem Moment war er nicht mehr der Junge aus Troizen. Er war der Sohn des Königs von Athen.

Sein Großvater Pittheus riet ihm, den Seeweg nach Athen zu nehmen. Das Meer war weit, aber es war sicher, und Schiffe kennen keine Räuber. Doch Theseus hatte in seiner Kindheit von den Heldentaten des Perseus gehört, wie dieser Gorgonen besiegt und Andromeda befreit hatte, und in seiner Brust brannte etwas, das größer war als Vorsicht. Er wollte den Landweg nehmen. Den Weg, der durch die Städte und Wälder der Isthmos führte, jenes schmale Stück Land zwischen zwei Meeren, auf dem die Gefahr an jedem Wegstein lauerte. Denn dieser Weg war berüchtigt, und jeder in Troizen kannte seinen Ruf.

Auf dem Landweg nach Athen lebten Männer und Wesen, die Reisende in den Tod lockten oder trieben. Man nannte sie Übeltäter, Räuber, Ungeheuer in menschlicher Gestalt. Seit Jahren war der Weg verwaist, seit Jahren kehrte niemand zurück, der ihn allein gegangen war. Theseus richtete die Sandalen seines Vaters fester und trat auf die Straße. Der erste, dem er begegnete, war Periphetes, der Keulenschwinger, ein unförmiger Mann, der an einem Felshang nahe Epidauros wartete und Reisende mit einer eisernen Keule erschlug. Theseus wich dem ersten Schlag aus, rang den Mann nieder und überwältigte ihn. Die Keule behielt er selbst, ein schweres, gut ausgewogenes Ding, und trug sie fortan als sein Zeichen.

Es war ein seltsamer Beginn: der erste Schritt in das eigene Leben, und er führte durch Gefahr. Aber Theseus war nicht erschrocken. Er war wach geworden. Den zweiten Räuber traf er auf dem Isthmos selbst: Sinis, den man den Fichtenbeuger nannte. Sinis war ein riesenhafter Mann, der junge Kiefern bis zum Boden bog, die Reisenden daran befestigte und dann losließ. Theseus näherte sich ihm mit ruhiger Entschlossenheit, und was Sinis anderen angetan hatte, das widerfuhr nun Sinis selbst. Die Bäume schlugen zurück, und der Isthmos war einen Räuber ärmer.

Weiter führte der Weg nach Krommyon, wo eine Wildsau die umliegenden Felder verwüstete und die Bauern in Furcht hielt. Man nannte das Tier Phaia, die Graue. Theseus suchte es auf, fand es und stellte sich ihm. Die Wildsau war groß und schnell und bösartig, aber Theseus war schneller. Danach zogen die Bauern von Krommyon wieder sorglos über ihre Felder, und die Gerste wuchs ungestört.

Dann kam die Klippe über dem Meer. Dort lebte Skiron, ein Mann mit einem seltsamen Brauch: Er saß am Rand des Abgrunds und verlangte von jedem Reisenden, ihm die Füße zu waschen. Kniete jemand nieder, um ihm zu gehorchen, trat Skiron ihn über den Rand hinab ins Meer, in dem eine riesige Schildkröte wartete. Theseus kniete nieder, als wäre er bereit zu gehorchen, und in dem Moment, da Skiron sich zurücklehnte, ergriff Theseus seine Beine und warf ihn über die Klippe. Die Schildkröte wartete noch immer, aber diesmal auf einen anderen.

Hinter der Klippe lag die Stadt Eleusis, und dort wartete Kerkyon, ein Riese und Ringkämpfer, der jeden Wanderer zum Kampf forderte und jeden besiegten Gegner tötete. Kerkyon hatte noch nie verloren. Er war so groß wie ein Tor und so breit wie ein Schiff. Theseus stellte sich ihm. Der Kampf war lang und der Boden hart, aber Theseus besaß nicht nur Stärke, er besaß die Kunst, den Körper des Gegners gegen sich selbst zu wenden, die Hüfte zu nutzen, das Gewicht zu lesen. Kerkyon, der immer auf rohe Kraft gesetzt hatte, verstand nicht, was geschah, bevor es zu spät war. Theseus stand auf. Kerkyon nicht mehr.

Der letzte auf dem Weg war Prokrustes, und sein Name war allen bekannt, die je von ihm gehört hatten. Prokrustes besaß ein Bett, oder genauer: zwei Betten, ein langes und ein kurzes, und er bot jedem Reisenden Unterkunft und Gastfreundschaft an. Wer im langen Bett schlief, war zu kurz dafür; Prokrustes streckte ihn. Wer im kurzen schlief, war zu lang; Prokrustes kürzte ihn. Kein Gast hatte je das Haus des Prokrustes lebend verlassen. Theseus betrat das Haus, nahm die Einladung an und wandte dann das Bett auf seinen Wirt.

Die Götter, heißt es, sahen auf diesen Weg hinab und nickten. Denn der Weg des Helden ist kein Weg der Zerstörung — er ist ein Weg der Wiederherstellung. Was schief geworden ist in der Welt, das rückt der Held zurecht. Als Theseus die letzten Hügel vor Athen überstieg, lag die Stadt vor ihm im späten Abendlicht: weiße Mauern auf dem Fels, der Rauch der Herdfeuer, das Blinken des Meeres dahinter. Er war nicht mehr der Junge, der in Troizen aufgewachsen war, aber er war auch noch nicht der Prinz, der in Athen erwartet wurde. Er war etwas dazwischen, ein Fremder mit dem Schwert seines Vaters, der einen Weg gegangen war, den kein anderer gegangen war und überlebt hatte.

In Athen herrschte Aigeus, der König, ein alter Mann mit sorgenvollem Gesicht. Er hatte keine Söhne, keinen, von dem er wusste, und seine Stadt lebte im Schatten einer alten Schuld gegenüber Kreta. Um seinen Thron scharten sich die Neffen des Königs, die Pallantiden, zahlreich und ungeduldig, und sie warteten auf den Tag, da Aigeus sterben würde und die Stadt ihnen gehören würde. Aigeus aber hatte noch eine andere Sorge: Eine weise Frau lebte bei ihm am Hof, Medea, die aus Kolchis gekommen war und viel wusste. Und Medea erkannte den jungen Fremden, bevor Aigeus ihn erkannte.

Medea flüsterte dem König zu, dieser Fremde sei gefährlich, ein Feind, ein Rivale. Sie bereitete einen Becher vor. Aigeus ließ ihn zu sich bringen und stellte ihm Wein hin. Theseus hob den Becher und wollte trinken. Dann sah Aigeus das Schwert. Das Schwert, das er selbst unter dem Stein in Troizen gelegt hatte. Er stieß den Becher beiseite, trat auf den jungen Mann zu und sah in ein Gesicht, das er nie zuvor gesehen hatte, und das er doch erkannte.

Du bist mein Sohn, sagte Aigeus, und seine Stimme war leise wie das Meer in der Windstille. Medea verließ Athen noch in derselben Nacht, auf einem Wagen, der in der Morgendämmerung im Nebel verschwand. Die Pallantiden, die Neffen, die so lange auf den Thron gewartet hatten, zogen sich zurück. Und Athen hatte einen Prinzen. Theseus blieb an der Seite seines Vaters, lernte die Stadt kennen, ihre Straßen und ihre Menschen, ihre Schulden und ihre Würde. Er hatte den Landweg gewählt, weil er gehört hatte, was ein Held ist, und jetzt wusste er es aus eigenem Erleben.

Aber Athen trug noch eine Schuld, die schwerer wog als jede andere. Im Hafen lagen Schiffe bereit, und bald würde das schwarze Segel gesetzt werden müssen, das bedeutete: Kreta wartet. Doch diese Geschichte, Ariadne und das Labyrinth und das Wesen, das in seiner Tiefe hauste, gehört in die nächste Stille, in die nächste Nacht. Für jetzt aber lag Athen ruhig im Mondlicht. Theseus saß am Fenster des Palastes und hörte das Meer. Er hatte den langen Weg genommen, den gefährlichen, den keiner nehmen wollte. Und der Weg hatte ihn nicht gebrochen. Er hatte ihn gemacht. Theseus, Ariadne und das Labyrinth.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

Zurück zum Anfang

Lieber hören?

Diese Geschichte ist Kapitel in Griechische Mythologie · Götter, Helden und die Odyssee.

Noch etwas zu lesen