Nach griechischer Überlieferung · 7 Minuten zu lesen
Theseus, Ariadne und das Labyrinth
In jenen alten Tagen, als die Götter noch über den Olymp wandelten und die Welt voll war von Wundern und Schrecken, lag die Stadt Athen an einer silberblauen Bucht, umgeben von Olivenhainen und weißen Felsen. Doch über dieser Stadt hing ein Schatten, schwer wie ein Winterhimmel: Alle neun Jahre musste Athen seiner Schande Tribut zollen. Neun junge Männer und neun junge Frauen wurden ausgewählt, auf ein Schiff mit schwarzen Segeln gesetzt und nach Kreta gesandt, zu König Minos, dem mächtigsten Herrscher des Meeres, und tiefer noch: zum Ungeheuer in seinem Labyrinth.
Theseus war aus dem Norden nach Athen gekommen, den langen steinigen Weg, den sein Vater Aigeus ihm einst gewiesen hatte. Er hatte Räuber bezwungen und wilde Tiere, und nun stand er in seiner Vaterstadt als Sohn des Königs erkannt. Aber die Freude des Wiedersehens war noch jung, als die Zeit des Tributs nahte und der schwarze Tribut-Kahn im Hafen bereitlag. Theseus trat vor seinen Vater und sprach mit ruhiger Stimme. Schicke mich mit ihnen, Vater. Ich werde nach Kreta fahren und den Minotaurus töten, damit Athen nie wieder Kinder an Kreta verliert.
Aigeus war alt und seine Hände zitterten, als er den Sohn ansah. Er bat ihn, zu bleiben. Doch Theseus ließ sich nicht bewegen. So einigte man sich auf ein Zeichen: Wenn Theseus lebend zurückkehrte, sollte das Schiff weiße Segel tragen. Segelte es mit schwarzen Segeln heim, würde Aigeus wissen, dass sein Sohn gefallen war. Dann weinten die beiden Männer nicht lange, denn das Meer wartete, und der Wind war schon aufgezogen.
Die Überfahrt dauerte Tage, und das weinrote Meer trug das Schiff mit seinen schwarzen Segeln sanft nach Süden. Kreta lag im Abendlicht wie ein Rücken aus dunklem Stein, und die Häfen von Knossos öffneten sich wie große Arme. König Minos empfing die Athener mit der kühlen Würde eines Mannes, der Macht besitzt und sie nicht beweisen muss. Die vierzehn jungen Menschen aus Athen wurden bewacht, aber nicht misshandelt — sie waren ein Tribut, kein Zeichen von Feindschaft, und Minos behandelte sie entsprechend.
Es war bei einem Fest zu Ehren des Schicksals, dass Ariadne den Theseus zum ersten Mal sah. Sie war die Tochter des Minos, aufgewachsen in den prächtigen Palästen von Knossos, vertraut mit dem Labyrinth und seinem Geheimnis, denn das Labyrinth war das Werk ihres Landes und das Geheimnis ihrer Familie. Ariadne schaute auf Theseus und erkannte in ihm keine Furcht, nur jene ruhige Entschlossenheit, die seltener ist als Mut. Sie beschloss, ihm zu helfen.
In der Nacht schlich sie sich zu den Athener Gefangenen und fand Theseus allein am Rand des Lichts. Sie sprach leise und direkt. Das Labyrinth ist kein Weg, den man finden kann. Wer hineingeht, irrt, bis er nicht mehr irren kann. Ich gebe dir einen Faden. Binde sein Ende am Eingang fest. Folge ihm zurück, wenn der Minotaurus tot ist. Schwöre mir, dass du mich mit nach Athen nimmst, und ich helfe dir. Theseus schwor es. Ariadne drückte ihm ein Knäuel feinen Fadens in die Hand, zart und doch stark, wie der Stoff, aus dem Rettung gewoben ist. Und damit war das Bündnis geschlossen, in der Stille einer Nacht, die nach Salz und Thymian roch.
Am nächsten Morgen wurden die Athener zum Labyrinth geführt. Der Eingang war ein gewaltiges Tor aus dunklem Stein, und dahinter begann die Stille sofort. Theseus knüpfte das Ende des Fadens an einen eisernen Ring neben dem Tor und trat ein. Die anderen warteten dort, im kühleren Teil des ersten Ganges. Nur Theseus ging weiter, tiefer, das Knäuel langsam abrollend, während die Gänge sich verzweigten und wieder verzweigten wie die Äste eines Baumes, der nach unten wächst. Das Labyrinth war das Werk des Daidalos, des größten Baumeisters und Erfinders seiner Zeit, der es für Minos errichtet hatte, damit das Ungeheuer darin hausen konnte.
Manche sagten, das Labyrinth sei so gebaut, dass selbst sein Schöpfer sich darin verlaufen würde. Theseus glaubte das. Die Gänge wiederholten sich und täuschten, und mancher Abzweig führte zurück, woher man gekommen schien. Aber der Faden in seiner Hand war still und wahrhaftig, und solange er ihn hielt, wusste er den Weg zurück. Dann hörte er den Minotaurus. Das Wesen war halb Mensch und halb Stier, groß wie eine Mauer, und es lebte in der tiefsten Kammer des Labyrinths.
Es gab kein schönes Bild von ihm und keine sanfte Geschichte: Es war das Geheimnis, das Kreta verbarg, das Ergebnis eines Frevels, der lange vor dieser Nacht geschehen war. Theseus trat in die letzte Kammer. Das Ungeheuer erhob sich. Was dann folgte, war ein langer, stiller Kampf in der Dunkelheit, der kein Licht brauchte und keine Zeugen hatte. Am Ende lag der Minotaurus still, und Theseus stand aufrecht.
Er rollte den Faden wieder auf, Schritt für Schritt, durch die Windungen und Kreuzungen, und jede Biegung des Fadens war eine Biegung des Weges zurück ins Licht. Die anderen warteten noch. Als Theseus aus dem Tor trat, atmeten sie alle aus, als hätten sie die ganze Zeit nicht richtig eingeatmet. Ariadne stand abseits mit ruhigem Gesicht, aber ihre Hände hielten einander fest. In der Nacht bereiteten sie die Flucht vor. Sie gingen zum Hafen, wo das athenische Schiff lag, und Ariadne kam mit ihnen. Das Meer empfing sie freundlich, der Wind stand günstig, und Knossos versank hinter ihnen im Dunkel. Die Sterne über dem Meer waren klar, und Theseus saß am Bug und schaute nach Norden.
Sie hielten Kurs auf die Insel Naxos, die halbwegs zwischen Kreta und Athen lag, um frisches Wasser zu holen und die Nacht abzuwarten. Was auf Naxos geschah, ist eine der alten Fragen der Mythologie, auf die Götter und Menschen verschiedene Antworten gaben. Manche sagten, Theseus handelte mit schwerem Herzen, andere sagten, ein Traum wies ihn an. Die Geschichte, die bleibt, ist diese: Als das Schiff am Morgen wieder fuhr, war Ariadne auf Naxos zurückgeblieben.
Aber die Götter schauten auf Naxos herab, und einer von ihnen sah die schlafende Ariadne am Strand. Es war Dionysos, der Gott des Weins und der Freude, der auf seinen Wanderungen oft zu Meer reiste, umgeben von Festgesang und wildem Grün. Er trat zu Ariadne und weckte sie mit sanfter Stimme. Die Welt öffnete sich ihr neu, und auf Naxos wurde Hochzeit gefeiert wie selten auf dieser Erde. Ariadne, die Tochter eines Königs und Retterin des Theseus, wurde die Gemahlin eines Gottes, und die Götter selbst ehrten sie dafür.
Theseus aber fuhr weiter nach Norden, und die schwarzen Segel hingen noch immer an den Masten. Im Kummer um Ariadne oder durch ein Versehen, die Geschichte sagt es nicht sicher, hatte er vergessen, die Segel zu wechseln. Und Aigeus, der alte König, der jeden Tag auf den Klippen über Athen gestanden und auf das Meer geschaut hatte, sah das schwarze Segel in der Ferne. Was dann geschah, erzählt das nächste Kapitel dieser Sagen. Doch die Geschichte des Labyrinths endet nicht in Dunkelheit. Sie endet auf Naxos, wo das Weinlaub im Abendwind raschelt und das Meer goldfarben leuchtet, und wo Ariadne, die den richtigen Faden in die richtigen Hände gegeben hatte, im Licht eines Gottes aufgenommen wurde.
Der Faden selbst, so sagen die alten Dichter, wurde von den Göttern an den Sternenhimmel gesetzt, als strahlendes Diadem, dass man ihn noch heute sehen kann, wenn die Nacht klar ist und man weiß, wo man suchen muss. Das Labyrinth lag still unter Kreta, und das Ungeheuer ruhte. Das Meer trug die Schiffe seiner Wege. Und die Sterne über dem Mittelmeer brannten ruhig und unveränderlich, wie sie es getan hatten, bevor diese Geschichte begann, und wie sie es tun würden, lange nachdem alle, die in ihr handelten, zu Stille geworden waren. Bellerophon und das geflügelte Pferd Pegasus.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.