Andreas’ Nacht

Frei nach Hans Christian Andersens Suppe paa en Pølsepind · 6 Minuten zu lesen

Suppe von einem Wurstspeiler

Tief unter den Dielen, im Reich der Mäuse, hatte der Mäusekönig ein Wort ausgegeben: Wer die beste Suppe von einem Wurstspeiler zu kochen verstehe — von so einem dünnen Holzstäbchen also, wie es in der Speisekammer bei den Würsten liegt —, die solle Königin werden. Vier junge Mäuse zogen daraufhin in die weite Welt, eine nach Norden, eine nach Westen, eine nach Süden, eine in die große Stadt, um die Kunst zu erlernen. Ein Jahr und einen Tag blieben sie fort, und dann war großer Empfang in der Halle unter den Dielen, und drei von ihnen waren wiedergekommen.

Das Reich der Mäuse unter den Dielen war ein ordentliches Reich. Es hatte seine Straßen und seine Plätze, seine Vorratskammern hinter der Speisekammer der Menschen — die Lage war ausgesucht günstig — und seine große Halle unter dem Wohnzimmer, wo es warm von oben herunterkam. Der Mäusekönig regierte milde und mit Appetit, und sein Wort galt viel, seit er einmal einer Falle nicht nur entkommen war, sondern den Speck auch noch mitgebracht hatte. Ein König, der Speck mitbringt, hat leichtes Regieren. Aber nun war er in die Jahre gekommen, in denen Könige an Königinnen denken, und so kam es zu dem berühmten Ausschreiben.

Die erste Maus erzählte vom hohen Norden: Sie war mit ihrem Wurstspeiler durch große Wälder gereist, und in einer hellen Sommernacht hatten die Elfen dort ein Fest gefeiert und keinen Maibaum gehabt — da hatten sie sich ihren Wurstspeiler geliehen, ihn mit Spinnweben und Tautropfen geschmückt und um ihn getanzt, bis er glänzte wie Silber. Seht ihn an, sagte die Maus, so schön kam er zurück. Aber Suppe, das gestehe ich, ist daraus nicht geworden — nur die Erkenntnis, dass auch ein Wurstspeiler glänzen kann, wenn man ihn feiern lässt.

Von ihrer Reise in den Norden erzählte die erste Maus noch mehr, und man ließ sie, denn sie erzählte gut: von der Fahrt im Heuschiff über den Sund, vom Wald, in dem es nach Harz und Erde roch und die Nächte nicht dunkel werden wollten, und von der Elfenwiese, die man nur findet, wenn man nicht danach sucht. Die Elfen, sagte sie, seien so leicht gewesen, dass das Gras unter ihnen nicht einmal nickte, und ihre Musik habe man nicht mit den Ohren gehört, sondern mit dem Fell. Da hätten alle jungen Mäuse in der Halle das eigene Fell gespürt, und ein Schauer lief die Reihen entlang, der beste Beweis, dass die Geschichte stimmte.

Die zweite Maus war im Westen bei den Dichtern gewesen. Sie hatte Verstand gegessen, einen ganzen Ameisenhaufen voll, dazu Phantasie und Gefühl, und sie erklärte nun, die wahre Suppe von einem Wurstspeiler sei die Geschichte, die man darüber erzählen könne, denn davon werde das ganze Volk satt. Das gefiel den jungen Mäusen sehr und dem Mäusekönig gar nicht, denn von Geschichten, sagte er, sei noch kein Topf voll geworden.

Auch die zweite Maus bekam ihre Zugabe, denn die Halle wollte wissen, wie man Dichterin wird. Zuerst, sagte sie, esse man Verstand, davon werde man klug, aber trocken; dann Phantasie, davon werde man bunt, aber haltlos; und zuletzt Gefühl, davon werde alles warm und richte sich von selbst. Und dann müsse man hungrig bleiben, das sei das Wichtigste, denn satte Dichter erzählten nur noch vom Essen. Die Halle nickte tief. Nur der Mäusekönig murrte, ihm sei eine satte Köchin lieber als eine hungrige Dichterin, und auch das wurde später oft zitiert.

Die dritte Maus war nicht wiedergekommen; sie hatte unterwegs, so hieß es, den Speiler gegen ein Stück Speck getauscht und war in der Fremde glücklich geworden, und vielleicht war das auch eine Art Antwort. Die vierte Maus aber, die aus der großen Stadt, trat vor und sagte: Ich habe bei der Eule im Turm gewohnt, und die Eule ist der klügste Vogel, den es gibt. Und die Eule hat gesagt: Suppe von einem Wurstspeiler ist eine Redensart der Menschen und heißt so viel wie — etwas aus nichts machen. Und darum, Herr König, braucht es zu dieser Suppe nur heißes Wasser, einen Topf und Euch selbst: Ihr taucht den Schwanz hinein und rührt um, und was dann im Topf ist, ist königliche Suppe, denn Ihr habt sie gerührt, und mehr war nie darin.

Bei der Eule im Turm, erzählte die vierte Maus, gehe es zu wie in einer sehr alten Schule: Man sitze im Dunkeln, schweige und warte, und irgendwann, wenn man das Warten gelernt habe, spreche die Eule. Sie habe drei Nächte gewartet. In der ersten habe die Eule geschlafen, in der zweiten habe sie gefressen, und in der dritten habe sie das eine gesagt, weswegen die Maus gekommen war — den Satz von der Redensart und vom Etwas aus nichts. Große Weisheit, sagte die Maus, ist immer kurz. Nur der Weg zu ihr ist lang, und man muss die Mäusebeine dafür in die Hand nehmen.

Das war eine Antwort nach dem Geschmack des Königs, denn sie machte ihn selbst zur Hauptzutat. Die vierte Maus wurde Königin, und die Suppe, so wurde beschlossen, solle zur goldenen Hochzeit gekocht werden; bis dahin habe sie Zeit. Ein paar alte Mäuse murrten hinterher, das Ganze sei doch nur Mäuseschwanzsuppe — aber sie sagten es leise und erst auf dem Heimweg. Unten in der Halle wurden die Lichter aus Speckstückchen gelöscht, das Volk trippelte in seine Gänge, und im Vorratsraum lag der silberglänzende Wurstspeiler aus dem Elfenwald und hatte von allen die schönste Reise hinter sich.

Die Hochzeit wurde gefeiert, wie unter den Dielen noch keine gefeiert worden war. Es gab Speckseiten und Käserinden, einen Brotkrumenberg, der drei Tage vorhielt, und zum Nachtisch für jeden ein Stückchen Zucker, das die Brautmäuse eigenhändig aus der Dose im Küchenschrank befördert hatten — ein Kunststück, von dem noch die Enkel erzählen sollten. Getanzt wurde bis in den Morgen, im Kreis und in der Kette, und der Mäusekönig tanzte mit seiner klugen Königin voran und trat ihr nur zweimal auf den Schwanz, was bei Königen als ausgesprochen gelungen gilt. Von der Suppe sprach an diesem Abend niemand mehr. Wozu auch: Es war ja etwas aus nichts geworden, und zwar das Beste, was daraus werden kann — ein Fest.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Andersen Märchen, Teil zwei · Die vergessenen 65 Geschichten. Der Sprung führt an genau die Stelle.

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