Frei nach Hans Christian Andersens Solskins-Historier · 4 Minuten zu lesen
Sonnenschein-Geschichten
Der Wind, der Regen und der Sonnenschein stritten sich einmal darum, wer von ihnen erzählen dürfe. Ich habe am meisten gesehen, brauste der Wind. Ich kenne die Stimmung, rauschte der Regen. Da trat der Sonnenschein einfach durch die Wolken, und es wurde so hell und warm, dass die beiden anderen von selbst leiser wurden. Und der Sonnenschein erzählte — vom Glücksschwan, dem goldenen Vogel, der über die Welt fliegt und Gaben fallen lässt, wo es ihm gefällt.
Es war an einem launischen Apriltag, an dem die drei aneinandergerieten, einem Tag, der selbst nicht wusste, was er wollte, und darum alle drei zu Wort kommen ließ. Der Wind hatte mit einer steifen Brise begonnen und die Wäsche von den Leinen geholt, der Regen war mit einem Schauer dazwischengefahren. Jeder hielt seinen Auftritt für den wichtigsten, und wie das so ist: Wer zuletzt glänzt, bekommt das Wort. Die Menschen unten klappten die Schirme zu und hielten die Gesichter hin, und der Sonnenschein nahm das als Abstimmung. So beginnen die meisten seiner Geschichten — mit zugeklappten Schirmen.
Über ein Schiff flog er einmal hin, erzählte der Sonnenschein, und ließ eine einzige goldene Feder fallen, dem jüngsten Mann an Bord genau vor die Füße. Der hob sie auf, und aus der Feder wurde eine Schreibfeder, und aus dem jungen Mann mit der Feder wurde mit den Jahren ein großer Kaufherr, dem die Zahlen gehorchten und der sein Gold mit warmen Händen weitergab. Über eine Schafweide flog der Schwan und ließ ein Blatt fallen, einem kleinen Hütejungen in die Hand. Aus dem einen Blatt wurden viele, aus den Blättern ein Buch, in dem alles stand, was die Natur zu erzählen hat, und der Hütejunge las sich daran in die hohe Schule und wurde ein berühmter Gelehrter, der sein Lebtag nach Wiese roch, wenn man genau hinhörte.
Über eine arme Hütte flog der Schwan, erzählte der Sonnenschein weiter, und dort fand eine Mutter im Nest am Weiher ein goldenes Ei mit vier Ringen darin, für jeden ihrer vier Söhne einen. Und wie die Ringe blinkten, so blinkte es in den vieren auf: Der eine begann in Ton zu formen, der andere mit Farben zu malen, der dritte fand die Töne, und der vierte, der Jüngste, bekam vom Sonnenschein noch einen Kuss dazu und wurde ein Dichter, der von allen dreien singen konnte. Und über einen Fischer zuletzt, der wenig hatte und selten klagte, flog der Schwan ganz niedrig hin und ließ ihm ein Stück Bernstein ins Boot fallen, das wärmte die ganze Hütte — denn es gibt Gaben, die machen nicht reich, sondern froh, und das sind die haltbarsten.
Vom vierten Sohn, dem Dichter mit dem Sonnenkuss, wusste der Sonnenschein noch ein Kleines nachzutragen. Der sei als Kind oft gescholten worden, weil er in den Tag hineinträumte, und die Nachbarn hätten der Mutter geweissagt, aus dem werde nichts, der fange ja alles an und bringe nichts zu Ende. Aus dem Anfangen aber, sagte der Sonnenschein, wurde später sein Handwerk: Ein Dichter ist einer, der tausend Dinge anfängt — und sie in den Herzen der anderen zu Ende gehen lässt. Die Nachbarn haben seine Lieder übrigens alle mitgesungen, am lautesten die, die am strengsten geweissagt hatten. So geht es zu, und der Sonnenschein erzählte es ohne Spott. Er scheint ja auch auf Nachbarn; er kennt sie gut.
Hier machte der Sonnenschein eine Pause, und der Wind, der lange still gewesen war, sagte: Nun ist es aber auch gut mit dem Glück, und der Regen sagte: Es wird Zeit, dass wieder einmal gegossen wird. So sind die aus, die Sonnenschein-Geschichten, jedenfalls für heute; der Schwan fliegt ja weiter, und keiner weiß, wo er morgen etwas fallen lässt. Vielleicht lohnt es sich, ab und zu die Hand aufzuhalten — oder wenigstens das Fenster nicht ganz zu schließen, wenn draußen ein großer heller Vogel vorbeikommt. Man hört ihn nicht. Man merkt es erst hinterher, an der Wärme.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.