Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 11 Minuten zu lesen
Sindbad der Seefahrer - Die zweite Reise
In den Zeiten des Kalifen Harun ar-Raschid, als Bagdad im goldenen Licht seiner eigenen Pracht ruhte und die Karawanen aus aller Welt durch seine Tore zogen, lebte Sindbad der Seefahrer in einem Haus, das er sich mit den Gewinnen seiner ersten Reise gebaut hatte, ein Haus mit einem Innenhof, einem Brunnen, einem Feigenbaum, der im Sommer Schatten warf, und Räumen, die kühl und still waren auch an den heißesten Tagen.
Er hatte Freunde, er hatte Wohlstand, er hatte die Erinnerung an das Meer, und für eine Weile war das genug. Für eine Weile aß er und trank und erzählte und hörte zu, und die Tage gingen ruhig dahin wie Wasser in einem ruhigen Fluss. Aber das Meer vergisst nicht, wen es einmal getragen hat. In den Nächten, wenn Bagdad schlief und die Sterne über den Kuppeln standen, lag Sindbad wach und roch, oder meinte zu riechen, Salz und Tiefe und die besondere Kälte des offenen Wassers. Er versuchte, dem Gedanken nicht nachzugeben. Er sagte sich: Du hast genug erlebt. Du hast überlebt, was andere nicht überlebt haben. Bleib.
Aber die Unruhe in ihm war stärker als die Vernunft, wie sie es immer ist, wenn das Herz etwas weiß, das der Verstand noch nicht eingestehen will. Und so kaufte Sindbad eines Morgens, als die Stadt noch schlief und der Basar noch nicht geöffnet hatte, Waren ein, suchte ein Schiff, und ging zum Hafen. Das Schiff, das ihn aufnahm, war ein Händlerschiff aus dem Osten, beladen mit Seide und Gewürzen, mit Matrosen aus einem Dutzend Ländern und einem Kapitän, der das Meer kannte wie seine eigene Hand.
Sie segelten durch ruhige und durch stürmische Tage, legten an Inseln an, verkauften und kauften, und Sindbad war wieder der Mann auf dem Bug, der auf den Horizont schaut und nichts anderes will als das, was vor ihm liegt. An einem stillen Nachmittag ankerte das Schiff vor einer Insel, die so schön war, dass die Männer kaum glauben konnten, was sie sahen: dichte Bäume voller Früchte, Blüten in Farben, für die es in Bagdad keine Namen gab, Vögel, die sangen mit Stimmen wie Flöten.
Die Männer gingen an Land, und Sindbad, der das Essen und das Trinken und das Schauen genoss und dabei ein wenig schläfrig wurde, wie man es wird, wenn die Luft warm ist und der Bauch voll und der Boden weich unter einem, lehnte sich gegen einen Baum, schloss die Augen, und schlief. Er schlief tief. Tiefer als beabsichtigt. Als er aufwachte, war die Sonne bereits tiefer gesunken, und die Insel war still, eine andere Art von Stille als vorher, eine Stille, die er kannte, die er gefürchtet hatte.
Er lief zum Ufer. Das Meer lag vor ihm, weit und ruhig und leer. Das Schiff war fort. Die Männer waren fort. Sie hatten ihn vergessen, oder vielleicht hatte er so tief geschlafen, dass ihre Rufe ihn nicht erreicht hatten, und nun stand er allein auf einer Insel, von der er nichts wusste, mit nichts als seinen Kleidern und dem ruhigen Entschluss, nicht in Panik zu verfallen.
Er kletterte auf den höchsten Baum, den er finden konnte, und schaute in alle Richtungen. Die Insel war groß, grün, von Wasser umgeben auf allen Seiten, kein anderes Land in Sicht, kein Segel am Horizont, nur das endlose Blau und die Stille und der Wind, der durch die Blätter strich. Und dann sah er etwas, das kein Baum war und kein Fels: eine weiße Kuppel, riesig, vollkommen rund, ohne Fenster und ohne Tür, so weit entfernt, dass er zunächst dachte, er bilde es sich ein.
Er kletterte herunter und ging darauf zu, durch das Unterholz, durch Gras, das ihm bis zur Hüfte reichte, und je näher er kam, desto größer wurde die Kuppel, bis er davor stand und die Hand ausstreckte und die Oberfläche berührte: glatt, warm, weiß wie Ei. Er ging einmal um sie herum, es dauerte lange, so groß war sie, und fand keine Öffnung, keinen Spalt, nichts. Er stand davor und dachte nach.
Dann verdunkelte sich der Himmel. Nicht durch Wolken, durch etwas anderes, durch etwas so Großes, dass es die Sonne bedeckte wie ein Vorhang, und Sindbad schaute nach oben und sah Flügel. Flügel, so gewaltig, dass er einen Moment lang glaubte, er träume noch, der Vogel, der da vom Himmel herabkam, war größer als alles, was er je gesehen hatte, größer als das Haus seiner Mutter, größer als das Schiff, das ihn hierher gebracht hatte. Ein Roch. Er hatte von diesen Vögeln gehört, in den Geschichten der alten Matrosen, in den Nächten auf See, wenn die Geschichten größer werden als die Wahrheit.
Und nun landete einer direkt vor ihm und bettete seinen Kopf auf die weiße Kuppel, die kein Stein war, die ein Ei war. Sindbad stand sehr still. Der Vogel schloss die Augen. Sein Atem war wie Wind, sein Gefieder wie eine Wand aus Schwarz und Weiß, und zwischen seinen Federn gab es Lücken, groß genug für einen Menschen. Sindbad schaute auf das Schiff, das nicht da war.
Schaute auf den Horizont, der nichts zeigte. Schaute auf den Vogel. Und dann tat er das, was nur ein Mensch tut, der keine andere Wahl sieht und dennoch Angst hat: Er band seinen Turban, den langen, weichen Stoff, um sein Handgelenk und dann um die Federn des schlafenden Vogels, fest genug, um zu halten, loser genug, um loszulassen, wenn es nötig war.
Als der Morgen kam und der Roch die Augen öffnete und die Flügel ausbreitete, stieg er in den Himmel, und Sindbad stieg mit ihm. Die Insel schrumpfte unter ihm, wurde kleiner, wurde ein grüner Punkt im Blau, und dann war sie weg, und es gab nur noch den Himmel und den Wind und die Kraft des Vogels unter ihm, ein Gefühl, das kein Wort ganz fasst: Schwindel und Staunen und eine seltsame, erschreckende Freiheit, hoch über allem, was die Menschen kennen.
Der Vogel flog lange. Die Sonne wanderte. Und dann sank er, langsam, kreisend, und Sindbad sah unter sich eine andere Insel, felsig und kahl, von Schluchten durchzogen, und der Vogel landete im Grund einer dieser Schluchten, so tief, dass die Wände auf beiden Seiten wie Mauern aufragten und der Himmel oben nur ein schmaler Streifen war. Sindbad löste sich schnell vom Turban und trat zurück, und der Vogel, der ihn nie bemerkt hatte, dieser riesige, gleichgültige Vogel, hob etwas vom Boden auf in seinem Schnabel, etwas Großes und Schweres, und stieg wieder auf und war fort.
Sindbad schaute um sich. Der Boden der Schlucht schimmerte. Er kniete nieder und hob einen Stein auf, keinen Stein, einen Diamanten, roh und ungeschliffen, aber so groß wie seine Faust und so klar, dass er hindurchschauen konnte wie durch Wasser. Er hob einen zweiten auf. Einen dritten. Der Boden der Schlucht war bedeckt damit, Diamanten, überall, zwischen dem Fels und dem Staub, als hätte jemand den Inhalt aller Schatzkammern der Welt hier ausgeschüttet und vergessen. Sindbad kniete im Glanz dieser Steine und versuchte zu begreifen, was er sah.
Aber dann sah er auch das andere: die Schlangen. Groß, schwer, träge in der Kühle der Schlucht, lagen sie zwischen den Steinen und schienen zu schlafen. Sindbad bewegte sich sehr langsam, sehr ruhig, und füllte seine Taschen und seinen Gürtel und jeden Winkel seines Gewandes mit Diamanten, so viele er tragen konnte, ohne zu schwer zu werden. Und dann schaute er nach oben, zu dem schmalen Streifen Himmel, und dachte darüber nach, wie ein Mensch aus einer Schlucht herauskommt, deren Wände senkrecht sind und kein Halt bieten.
Er erinnerte sich an die alten Geschichten der Matrosen, dieselben Geschichten, in denen der Roch vorkam. In diesen Geschichten warfen Kaufleute, die von oben keine andere Möglichkeit hatten, Fleischstücke in die Schlucht, und die Diamanten blieben daran haften, und die Adler, die großen Adler dieser Felsen, holten das Fleisch und trugen dabei die Steine mit hinaus. Er schaute sich um. Er fand, was er suchte: ein Stück Fleisch, von einem der Vögel herabgefallen, schwer und zäh. Er band es mit dem Rest seines Turbans auf seinen Rücken und legte sich flach auf den Boden der Schlucht, das Fleisch nach oben.
Er wartete. Die Sonne wanderte. Und dann hörte er das Rauschen großer Schwingen, und ein Schatten fiel über ihn, und Klauen griffen, nicht ihn, aber das Fleisch auf seinem Rücken, und er stieg. Er stieg aus der Schlucht heraus, in die warme Luft, über die Felsen, und der Adler, der ihn trug ohne es zu wissen, landete auf einem Felsvorsprung weit oben, und Sindbad rollte sich los und stand auf schwankenden Beinen im Sonnenlicht.
Ein Mann stand vor ihm. Ein älterer Mann mit einem langen Bart und Augen, die nichts mehr überraschten, in der Hand einen Stab und auf dem Gesicht den Ausdruck von jemandem, der gerade sieht, was er noch nie gesehen hat, aber entschlossen ist, ruhig zu bleiben. Er war ein Kaufmann, einer von vielen, die jedes Jahr in diese Felsen kamen, um Diamanten zu sammeln auf eben jene Art, und der als erster in der Geschichte dieser Schluchten erlebte, dass ein Mensch selbst heraufkam statt nur die Steine.
Er schaute Sindbad an. Sindbad schaute ihn an. Dann lachte der alte Mann, kurz, trocken, wie jemand, dem das Leben genug gezeigt hat, um das Lachen nicht zu verlernen. Sie stiegen gemeinsam hinab zu dem Lager der Kaufleute, das am Fuß der Felsen aufgeschlagen war, und Sindbad aß und trank und erzählte, und die Männer hörten zu mit großen Augen, und der alte Kaufmann schenkte ihm Kleider und gab ihm Anteil an seiner Karawane.
Sie reisten gemeinsam durch Länder, die Sindbad nicht kannte, vorbei an Städten mit Mauern aus gelbem Sandstein und Märkten, auf denen Gewürze in Säcken lagen, deren Duft noch tagelang an den Kleidern blieb, Zimt und Kardamom und etwas Süßes, das er nicht benennen konnte, aber das ihn an etwas erinnerte, das er vergessen hatte. An einem Hafen verkaufte Sindbad die Diamanten, nicht alle, aber genug, dass der Gewinn sich nicht in Zahlen fassen ließ, die er je für wirklich gehalten hätte. Er kaufte Waren, die er auf dem Rückweg tauschen und verkaufen konnte, und fand ein Schiff, das nach Basra fuhr, und von Basra war es nicht weit bis Bagdad.
Als er wieder in die Stadt einzog, war es Abend, und der Ruf des Muezzins lag über den Dächern, und der Duft von Fladenbrot aus den Öfen der Bäcker mischte sich mit dem Duft des Flusses. Sindbad stand vor seinem Haus, dem Haus mit dem Feigenbaum und dem Brunnen und den kühlen, stillen Räumen, und legte eine Hand an die Tür, und für einen langen Moment stand er einfach so. Er dachte an die Schlucht, an den Roch, an die Diamanten, an den alten Kaufmann mit dem trockenen Lachen. Er dachte daran, dass das Meer und die Welt mehr hatten als er je sehen würde, auch wenn er tausend Leben lebte.
Und er dachte, nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal, dass das kein trauriger Gedanke war, sondern ein schöner: dass die Welt größer ist als ein Mensch, und dass dieser Mensch dennoch in ihr seinen Weg findet, von Schlucht zu Schlucht, von Küste zu Küste, von Nacht zu Nacht. Er öffnete die Tür. Das Haus war warm und still, und der Feigenbaum im Innenhof warf seinen Schatten im Mondlicht, und Bagdad schlief um ihn herum, ruhig und groß und beständig wie immer.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.