Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 12 Minuten zu lesen

Sindbad der Seefahrer – Die vierte Reise

In den Zeiten des Kalifen Harun ar-Raschid, als die Nächte über Bagdad so warm und tief waren wie dunkler Samt, saß Sindbad der Seefahrer in seinem Innenhof und betrachtete den Mond, der über die Mauer seines Gartens stieg. Er hatte sich vorgenommen, diesmal länger zu bleiben. Er hatte sich das nach der dritten Reise vorgenommen, und nach der zweiten, und nach der ersten, und er meinte es jedes Mal aufrichtig, und jedes Mal kam der Abend, an dem er auf den Mond schaute und wusste, dass der Vorsatz sich aufgelöst hatte wie Salz im Wasser, lautlos und vollständig.

Die Unruhe in ihm war kein Makel, das hatte er inzwischen verstanden. Sie war einfach ein Teil von ihm, so wie der Feigenbaum ein Teil seines Gartens war. Er verkaufte Waren, kaufte andere, suchte ein Schiff. Der Hafen von Basra empfing ihn wie einen alten Bekannten, die Gerüche von Teer und Fisch und Gewürzen, das Schreien der Möwen, der Lärm der Männer, die Lasten schleppten und Preise riefen.

Er fand ein Schiff, das nach Osten fuhr, in Länder, von denen er noch nicht alle kannte, und er kaufte sich einen guten Platz und stand an Deck, als die Küste von Basra hinter ihm verschwand, und fühlte jenen vertrauten Doppelschlag im Herzen: Abschied und Aufbruch, immer zusammen, immer untrennbar. Die Reise begann gut. Das Meer war freundlich, die Häfen reich, die Kaufleute unterwegs klug und angenehm. Sie segelten durch Gewässer, die Sindbad kannte, dann durch solche, die er nur vom Hörensagen kannte, dann durch solche, für die er keine Namen hatte.

Die Inseln des Ostens lagen im Wasser wie hingeworfene Steine, jede anders, manche kahl und heiß, manche grün und kühl, manche belebt von Händlern und Fischern, manche still und menschenleer. Sindbad schaute und lernte und kaufte und verkaufte und war glücklich auf die Art, wie er am glücklichsten war: in Bewegung, mit offenem Blick, ohne zu wissen, was hinter dem nächsten Horizont lag.

Dann kam jener Tag, an dem der Wind drehte. Nicht dramatisch, nicht mit Sturm und Donner, einfach ein Drehen, ein Verändern, und das Schiff, das dem Wind folgte, kam in Gewässer, die der Kapitän nicht kannte, und die Küste, die auftauchte, war keine aus seinen Karten. Sie ankerten in einer Bucht, um Wasser zu fassen und die Position zu bestimmen, und die Männer gingen an Land, Sindbad unter ihnen, und die Insel war schön und still, und der Wald roch nach etwas Süßem, das er nicht benennen konnte, und der Boden war weich unter den Füßen.

Menschen traten aus dem Wald. Sie waren freundlich und zeigten mit Gesten, dass die Fremden willkommen seien, und führten sie in ihr Dorf, das sauber und ordentlich war, mit Häusern aus Holz und Palmenblättern und Feuern, über denen Töpfe hingen. Man gab ihnen zu essen, Reis und gebratenes Fleisch und Früchte, die Sindbad nicht kannte, süß und schwer und sättigend. Die Männer der Besatzung aßen hungrig und dankbar. Sindbad aß wenig. Er beobachtete die Gastgeber, ihre Augen, ihre Bewegungen, die Art, wie sie einander anschauten, und in ihm regte sich etwas, ein leises Unbehagen, das er nicht begründen konnte, aber das er gelernt hatte, nicht zu ignorieren.

Er aß nicht mehr von dem Essen. Er sagte den anderen nichts, vielleicht irrte er sich, vielleicht war es nur Müdigkeit, aber er hütete sich. Die anderen Männer aßen, und aßen mehr, und ihre Augen wurden schwerer und ihr Lachen lauter und dann stiller, und Sindbad saß unter ihnen und schaute zu, und was er sah, ließ ihn sehr ruhig werden, jene besondere Ruhe, die eintritt, wenn Gefahr deutlich wird und Panik keine Option ist. Das Essen hatte etwas in es hineingetan, kein Gift, keinen Schmerz, nur eine sanfte Benommenheit, die die Männer weich und folgsam machte wie Wachs in der Sonne.

Er stand auf, langsam, und ging ein paar Schritte zum Rand des Dorfes, als suche er Wasser, und niemand hielt ihn auf. Und dann lief er. Er lief in den Wald, so schnell und so leise wie er konnte, und der Wald nahm ihn auf, dicht und dunkel und riechend nach feuchter Erde und jenen unbekannten Blüten, und er lief, bis die Lichter des Dorfes hinter ihm verschwunden waren und er nur noch das Rauschen des Windes in den Blättern hörte und seinen eigenen Atem. Die Nacht im Wald war lang. Er kletterte auf einen Baum und wartete, und unter ihm schlief die Insel, und irgendwo in der Ferne hörte er das Meer.

Als der Morgen grau wurde und die Vögel anfingen zu rufen, begann er sich zu bewegen, vorsichtig, immer mit dem Gefühl des Meeres als Orientierung. Die Insel war nicht groß, das spürte er. Und das Meer war überall. Er fand einen Pfad, der von innen nach außen führte, und der Pfad führte ihn an die andere Seite der Insel, wo das Ufer offen war und der Wind wehte, und wo, und hier hielt Sindbad inne und schloss einen Moment die Augen und öffnete sie wieder, Felder lagen. Felder mit Pfeffer.

Schwarzer Pfeffer, in langen Reihen, die Früchte grün und reif, so weit er schauen konnte, auf sanften Hügeln, die im Morgenlicht golden wurden. Er kannte Pfeffer, jeder Kaufmann kannte Pfeffer, eines der kostbarsten Gewürze der Welt, aber er hatte nie Felder davon gesehen, so groß und so reich. Und in den Feldern arbeiteten Menschen. Andere Menschen als die im Dorf, ruhigere, stillere, mit gesenkten Köpfen und langsamen Bewegungen, wie Menschen, die tun, was man ihnen gesagt hat, ohne mehr zu denken als nötig. Sindbad verstand.

Er verstand die Gastfreundschaft des Dorfes und das Essen und die Benommenheit, und er verstand, dass er Glück gehabt hatte, wenig gegessen zu haben, und er verstand, dass er vorsichtig sein musste. Aber er war Sindbad. Er blieb nicht verborgen, er trat heraus auf den Pfad, offen und ruhig, und ließ sich sehen. Und die Menschen in den Feldern sahen ihn, und einer kam zu ihm, ein alter Mann mit einem weißen Bart und Augen, in denen mehr Klugheit lebte als in den Augen der Dorfbewohner, ein Mann, der einmal selbst so gewesen war wie Sindbad, das konnte man sehen.

Der alte Mann sprach eine Sprache, die Sindbad nicht kannte, aber Hände sind eine Sprache, die alle kennen, und so redeten sie, und Sindbad verstand: sei vorsichtig, sei still, warte auf den König. Der König dieser Insel war anders als die Dorfbewohner. Er empfing Sindbad in einem Haus, das größer war als die anderen, mit Tüchern aus Seide an den Wänden und einem Boden aus geglätteten Steinen, und er schaute Sindbad an mit dem Blick eines Mannes, der Kaufleute und Reisende kannte und einzuschätzen wusste. Sindbad sprach mit Händen und mit den wenigen Wörtern, die er sich schnell gemerkt hatte, und der König hörte zu, und in seinen Augen war Interesse, echtes Interesse, die Art, die entsteht, wenn jemand etwas Ungewöhnliches sieht.

Ein Fremder, der allein durch seinen Wald gelaufen war und trotzdem noch stand — das war ungewöhnlich. Der König gab ihm Kleidung und Unterkunft und Essen, gutes Essen, das er selbst vorbereitete oder das er mit eigenen Augen zubereiten ließ, einfach und sauber. Sindbad aß. Und in den Tagen, die folgten, gewann er langsam die Sprache, Wort für Wort, wie man eine Frucht schält, Geduld und Wiederholung, und irgendwann öffnet sie sich. Der König mochte ihn. Die Höflinge mochten ihn. Er half, wo er konnte, mit dem Wissen eines Mannes, der viele Häfen und viele Völker gesehen hatte, und was er nicht mit Worten erklären konnte, zeigte er mit Händen.

Eines Tages, und Sindbad erzählte diese Geschichte später immer mit einem kleinen Lächeln, sprach der König zu ihm von einer Sitte, die auf dieser Insel galt: dass ein Mann, dessen Frau starb, mit ihr begraben wurde, und eine Frau, deren Mann starb, mit ihm. Es war die Sitte, sagten sie, die Sitte der Vorfahren, und Sindbad nickte und sprach nichts, denn es war nicht seine Insel und nicht seine Sitte. Aber er dachte darüber nach, in der Nacht, allein in seinen Gemächern, und er war froh, dass er unverheiratet war und weit von zuhause.

Dann starb die Frau eines der Hofleute. Und was Sindbad als Gerücht gehört hatte, wurde Wirklichkeit: Der Hofmann wurde mit Essen und Wasser für einige Tage in die Grabkammer hinabgelassen, zusammen mit seiner Frau, und der Stein wurde darüber gelegt. Sindbad stand dabei und blieb ruhig, so ruhig wie er konnte, und sprach dem König gegenüber kein Wort dagegen, denn er war ein Gast und ein kluger Mann. Aber dann starb die Frau des Königs.

Und der König, gutmütig und traurig, schaute Sindbad an und sprach: Wisse, o Gast, die Sitte unseres Landes gilt für alle, die hier leben. Auch für diejenigen, die hier geheiratet haben. Du aber hast keine Frau hier, und so bist du frei. Sindbad atmete einmal tief und verstand die stille Güte in diesen Worten, der König hatte ihn gewarnt, ohne es zu sagen. Aber einige der Höflinge sahen das anders, und in den Tagen, die folgten, spürte Sindbad, wie sich etwas veränderte um ihn herum, subtil und unbehaglich.

Er begann, wieder mit dem Meer zu rechnen. Er beobachtete den Hafen, die Schiffe, die ein- und ausliefen, die Männer, die sie bemannten. Er sparte, was er hatte, und wartete, und lächelte weiter und half weiter und gab keinen Anlass zur Besorgnis, und wartete. Das Warten hatte ihn die See gelehrt: dass die Gelegenheit kommt, wenn man geduldig genug ist, und dass Ungeduld mehr Türen schließt als öffnet.

Die Gelegenheit kam an einem Morgen, als ein Handelsschiff aus Basra in den Hafen einlief, beladen mit Gewürzen und Seide, und die Männer an Deck sprachen Arabisch, und Sindbad hörte ihre Stimmen über das Wasser und sein Herz machte jenen Sprung, den es macht, wenn man die eigene Sprache in der Fremde hört, warm und scharf und tief. Er tauschte, was er auf der Insel gesammelt hatte, gegen Pfeffer, Säcke davon, schwer und duftend, und sprach mit dem Kapitän des Schiffes, und der Kapitän, ein vernünftiger Mann, der die Geschichte kannte und einen nützlichen Kaufmann erkannte, nahm ihn mit.

Das Schiff verließ den Hafen in der Abenddämmerung, und Sindbad stand am Heck und schaute auf die Insel, wie sie kleiner wurde, die Felder, die Hügel, der Wald, der König in seinem Haus aus Seide. Er dachte an den alten Mann in den Pfefferfeldern, an die Augen des Königs, an das Essen im Dorf, das er nicht gegessen hatte. Er dachte daran, wie viel Glück in kleinen Entscheidungen steckt, in einem Bissen, den man nicht nimmt, in einem Schritt, den man tut, in einer Nacht auf einem Baum.

Die Rückreise führte durch Häfen, an denen Sindbad den Pfeffer verkaufte, gut, denn Pfeffer war überall begehrt, in Persien, in Arabien, in den Städten des Mittelmeers, und was er eingetauscht hatte, tauschte er weiter, und was er für wenig gekauft hatte, verkaufte er für mehr, und das ist die Kunst des Kaufmanns, die ihm niemand beigebracht hatte und die er dennoch verstand, wie man Dinge versteht, die man mit dem Körper lernt statt mit dem Kopf.

Bagdad empfing ihn mit dem Ruf der Muezzine und dem Geruch von Brot und Jasmin und dem Staub der Straßen, der nach einem Regen riecht wie nichts anderes auf der Welt. Sindbad trug seine Waren in sein Haus, setzte sich unter den Feigenbaum, und ließ die Stille des Innenhofs sich um ihn legen wie ein warmer Mantel. Der Brunnen plätscherte. Die Tauben auf dem Dach rucksten leise. Irgendwo in der Gasse rief ein Kind. Er saß lange so, ohne zu denken, ohne zu planen, nur sitzend, nur atmend, nur anwesend in dem kleinen, stillen Rechteck seines Gartens, während die Stadt um ihn leise in den Abend glitt.

Später, als Freunde kamen und Tee getrunken wurde und Fragen gestellt wurden, erzählte er, und wenn er von der Insel erzählte und dem Pfeffer und dem König und dem Schiff in der Dämmerung, dann klang es in seiner Stimme an, was er gelernt hatte: dass die Welt ihre eigenen Sitten hat und ihre eigenen Wege, und dass ein kluger Reisender beobachtet und wartet und urteilt nicht, und dass das Meer einen immer heimträgt, wenn man ihm vertraut, und dass zuhause nirgendwo schöner ist als nach einer langen Reise in der Stille des eigenen Gartens, wenn der Mond aufgeht und die Tauben schlafen und der Brunnen singt.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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