Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 11 Minuten zu lesen
Sindbad der Seefahrer – Die siebte Reise
In den Zeiten des Kalifen Harun ar-Raschid, als Bagdad in der vollsten Reife seiner Pracht stand und die Nächte warm waren und duftend nach Jasmin und Rosenöl, lebte Sindbad der Seefahrer in seinem Haus am Rande des Basars und war ein alter Mann, nicht alt wie ein Baum, der morsch wird, sondern alt wie ein Baum, der tief verwurzelt ist und dessen Äste weit gehen.
Seine Haare waren weiß, seine Hände kannten das Tauwerk und die Ruder und die schwere Arbeit der Meere, aber auch die Ruhe des Hauses, den kühlen Stein des Innenhofs, den Schatten des Feigenbaums, der mit ihm gealtert war und dessen Stamm dicker geworden war mit jedem Jahr. Er hatte sechs Reisen gemacht. Er hatte Dinge gesehen, die kein Mensch glaubt, der sie nicht selbst gesehen hat.
Er war jedes Mal zurückgekommen. Und er hatte geschworen, nach der sechsten Reise, ernst und feierlich, sich selbst gegenüber, dass er nicht mehr fortgehen würde. Diesmal hielt der Schwur länger. Zwei Jahre, drei, vier — er blieb. Er empfing Gäste und erzählte Geschichten und aß gut und schlief gut und war, so schien es, wirklich angekommen in der Stille seines Gartens.
Aber dann kam der Bote des Kalifen. Ein junger Mann in den Farben des Palastes, der an seine Tür klopfte und mit den Worten der Höflichkeit sprach: Der Befehlshaber der Gläubigen, möge Gott seinen Ruhm mehren, wünscht die Gegenwart des ehrenwerten Sindbad in seinem Palast. Sindbad kleidete sich an und folgte dem Boten, ohne zu fragen warum, man fragt nicht, wenn der Kalif ruft. Der Palast des Kalifen Harun ar-Raschid war so, wie ein Palast sein sollte: groß genug, um sich darin zu verlieren, und schön genug, um es zu wollen.
Die Böden waren aus weißem und schwarzem Marmor, die Säulen aus rotem Alabaster, die Decken mit Stuck verziert, in dem sich Blumen und Vögel und Sterne verschlangen, und die Fenster warfen das Licht des Abends in lange, goldene Streifen über den Boden. Der Kalif empfing Sindbad nicht in der großen Audienzhalle, sondern in einem kleineren Raum, einem Gartenzimmer, das nach außen offen war, und er saß auf einem einfachen Kissen und hatte Tee vor sich und bat Sindbad, sich zu setzen.
Wisse, o Sindbad, sprach der Kalif, und seine Stimme war die Stimme eines Mannes, der gewohnt ist, gehört zu werden, aber nicht gewohnt ist, zu bitten, und der dennoch bat: Ich habe einen Brief zu senden an den König von Serendib, jener Insel im fernen Osten, der mir einst Gastgeschenke geschickt hat von einer Großzügigkeit, die mich beschämt. Ich möchte einen Mann schicken, dem ich vertraue, einen Mann, der das Meer kennt und fremde Könige kennt und weiß, wie man sich an fremden Höfen bewegt. Meine Wesire haben mir deinen Namen genannt.
Sindbad schaute in seine Teeschale. Dann schaute er auf den Kalif. Wisse, o Befehlshaber der Gläubigen, sprach er ruhig, dass ich alt bin und meine Glieder das Meer nicht mehr so leicht vergessen wie früher. Der Kalif lächelte. Ich weiß. Und dennoch frage ich. Sindbad fuhr. Wer hätte Nein gesagt? Das Schiff, das der Kalif ihm gab, war das beste, das im Hafen von Basra lag, neu gebaut, mit Segeln aus Baumwolle, weiß und dicht, und einer Mannschaft, die der Kalif selbst ausgewählt hatte.
Sindbad stand an Deck, als die Küste von Basra hinter ihnen verschwand, und er fühlte jenen vertrauten Doppelschlag, Abschied und Aufbruch, und bemerkte, dass er diesmal anders war als früher. Ruhiger. Nicht weniger bewegt, aber die Bewegung saß tiefer, stiller, wie das Wasser unter der Oberfläche, das sich auch dann bewegt, wenn oben alles spiegelglatt ist Sie fuhren durch das Arabische Meer, durch Gewässer, die Sindbad kannte wie alte Bekannte, die Farbe des Wassers hier, die Strömung dort, die Sterne, die nachts über dem Mast standen wie verlässliche Freunde.
Die jungen Männer der Besatzung kamen abends zu ihm und fragten, und er erzählte, nicht alle sechs Reisen, das hätte Wochen gedauert, sondern das, was sie gerade brauchten: wie man den Wind liest, wie man eine Strömung erkennt, bevor sie das Schiff fasst, wie man ruhig bleibt, wenn das Meer aufhört, freundlich zu sein. Sie hörten zu mit den offenen Augen junger Menschen, die noch nicht alles gesehen haben und wissen, dass jemand, der es gesehen hat, Gold wert ist.
Auf dem Weg nach Serendib, der langen, manchmal ruhigen, manchmal bewegten Reise durch Meere, die verschiedene Namen hatten und verschiedene Charaktere, begegnete ihnen einmal etwas, das Sindbad aus seinen anderen Reisen kannte und das die jungen Männer nicht kannten: eine Windstille, so vollständig, dass das Meer wie ein Spiegel lag und kein Segel half und die Hitze drückte. Die Männer wurden unruhig, wie Männer es werden, wenn das Meer ihnen die Initiative nimmt. Sindbad ließ die Ruder auslegen und setzte die Wachen und sagte: Wartet. Das Meer atmet. Es wird wieder atmen.
Und nach zwei Tagen kam der Wind zurück, aus dem Südosten, frisch und verlässlich, und die Segel füllten sich, und die Männer lachten, und Sindbad stand am Bug und ließ den Wind in sein weißes Haar fahren. Serendib tauchte am Horizont auf wie eine Verheißung, grün und üppig, die Berge darüber in leichte Wolken gehüllt, die Küste mit weißem Sand gesäumt, und der Duft, noch bevor sie ankerten, noch auf dem Wasser, kam der Duft der Insel zu ihnen herüber: Zimt und Kardamom und Ylang-Ylang und etwas Süßes, das sich nicht benennen ließ, das schwer und tief war wie die Insel selbst.
Sindbad hatte von dieser Insel gehört, aber er war nie hier gewesen, und nun stand er an Deck und atmete und ließ die Schönheit des Ortes in sich eintreten, langsam, wie Licht durch einen Vorhang. Der König von Serendib empfing sie in einem Palast, der anders war als alle Paläste, die Sindbad je gesehen hatte, nicht wegen der Größe, nicht wegen des Reichtums, sondern wegen der Art, wie Garten und Gebäude ineinanderflossen, als hätte man die Grenze zwischen drinnen und draußen aufgehoben.
Bäume wuchsen durch die Böden der Hallen, ihre Wurzeln in den Stein eingearbeitet, ihre Kronen das Dach der Räume bildend. Wasserfälle liefen innen an den Wänden herab, geführt durch Kanäle aus poliertem Stein, und die Luft war kühl und duftend und lebendig. Der König selbst war ein Mann mittleren Alters mit ruhigen Augen und einer Würde, die keine Prachtentfaltung brauchte, um sich zu zeigen.
Sindbad überreichte den Brief und die Geschenke des Kalifen, und der König las den Brief und betrachtete die Geschenke und ließ beides lange in den Händen. Dann sprach er: Der Kalif ist großzügig und weise, und sein Bote ist ein Mann, dessen Ruf uns vor ihm erreicht hat. Er ließ für Sindbad und die Mannschaft Gemächer bereiten, und die Tage auf der Insel vergingen in einer Stille, die sich anfühlte wie das Innehalten zwischen zwei Atemzügen, vollständig, rund, ohne Mangel.
Sindbad ging durch die Gärten des Palastes und aß von den Früchten, die er nicht kannte, und saß abends mit dem König zusammen, der neugierig war und gut zuhören konnte, und sie redeten, über Bagdad und Serendib, über das Meer, das beide trennte und verband, über die Natur der Könige und die Natur der Kaufleute und die Frage, ob es einen Unterschied gibt zwischen einem Menschen, der weit gereist ist, und einem, der nie aufgehört hat, neugierig zu sein.
Als die Zeit der Abreise kam, gab der König von Serendib Sindbad Geschenke für den Kalifen, reich und durchdacht, nicht nur wertvoll, sondern bedeutungsvoll: Dinge, die die Insel darstellten, ihre Schönheit, ihre Besonderheit, ihren Charakter. Und er gab Sindbad selbst ein Geschenk: ein kleines Kästchen aus dunklem Holz, verschlossen mit einem Silberverschluss, und in dem Kästchen, als Sindbad es später öffnete, lag Erde von der Insel, schwarz und duftend, nach Zimt riechend, warm noch von der Sonne. Damit du weißt, hatte der König gesagt, dass du hier warst und dass dieser Ort dich kennt.
Die Rückreise war lang. Das Schiff fuhr durch Meere, die mal ruhig und mal bewegt waren, durch Nächte mit Sternen und durch Nächte mit Wolken, durch Regen und durch Sonnenschein, und Sindbad stand oft auf Deck, wenn die anderen schliefen, und schaute aufs Wasser. Er dachte an die sechs Reisen vor dieser, den Wal, der eine Insel war, die Schlucht mit den Diamanten, den Riesen auf der felsigen Insel, die Insel mit dem Pfeffer, den Alten auf seinem Rücken, den Tunnel unter dem Berg.
Er dachte daran, wie jung er gewesen war bei der ersten Reise, wie leicht und unbeschwert, wie wenig er gewusst hatte. Und er dachte daran, was das Meer ihm gegeben hatte, nicht Gold und nicht Edelsteine, obwohl es das auch gegeben hatte, sondern etwas, das man nicht in Truhen aufbewahrt: das Wissen, dass die Welt größer ist als jede Vorstellung, und dass ein Mensch trotzdem in ihr seinen Weg findet.
Er öffnete das Kästchen in einer dieser Nächte und roch die Erde von Serendib und schaute in den Himmel, der über dem Arabischen Meer so viele Sterne zeigte, wie er sie nirgendwo sonst gesehen hatte, und er dachte: Das ist genug. Nicht als Resignation, nicht als Erschöpfung, sondern als vollständige, ruhige Wahrheit. Das war genug. Sieben Reisen. Ein Leben auf dem Wasser und ein Leben in der Stadt. Ein Feigenbaum und ein Brunnen und Geschichten, die er seinen Enkeln erzählen würde.
Der Kalif empfing ihn mit Freude und las den Brief des Königs von Serendib und betrachtete die Geschenke und war zufrieden, und er gab Sindbad mehr Gold, als Sindbad brauchte, und Sindbad nahm es mit der Würde eines Mannes, der Reichtum zu schätzen weiß, ohne von ihm abhängig zu sein. Er ritt zurück durch die Straßen Bagdads, und die Stadt roch nach Brot und nach Staub und nach dem Fluss, und die Kinder liefen in den Gassen, und die Händler riefen ihre Waren aus, und alles war so, wie es immer gewesen war, und so, wie es immer sein würde, lang nach ihm.
Er trat in seinen Innenhof. Der Feigenbaum. Der Brunnen. Die Tauben auf dem Dach. Das Abendlicht, das die Mauern rosa färbte. Er setzte das Kästchen mit der Erde von Serendib auf das Fensterbrett seines Zimmers, dort, wo die Abendsonne darauf fiel, und er schaute es an, das kleine dunkle Holzkästchen, das eine Insel enthielt, die er nie vergessen würde. Dann setzte er sich unter den Feigenbaum, auf den kühlen Stein, und lehnte den Rücken an den Stamm, und die Stille des Abends legte sich um ihn wie etwas, das auf ihn gewartet hatte. Er war zu Hause.
Nicht weil er nie mehr fortgehen würde — das wusste er nicht, und das verschwieg er sich, sondern weil dieses Hier, dieser Garten, dieser Baum, dieser Brunnen, dieser Abend, vollständig war. Die sieben Reisen hatten ihn hierher geführt. Alle sieben, mit allem, was sie enthielten, die Angst und das Staunen, die Erschöpfung und das Glück, das Treiben auf dem Meer und das Ankommen am Ufer, hatten ihn immer wieder zu diesem Stein geführt, diesem Baum, dieser Stille. Und Bagdad schlief um ihn herum ein, Straße für Straße, Lampe für Lampe, und die Sterne standen über den Kuppeln, und der Brunnen sang sein leises, ewiges Lied, und Sindbad der Seefahrer saß still in seinem Garten und war, zum letzten und vollständigsten Mal, angekommen.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.