Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 11 Minuten zu lesen

Sindbad der Seefahrer – Die sechste Reise

In den Zeiten des Kalifen Harun ar-Raschid, als Bagdad in seiner reifsten Schönheit stand und die Händler aus Indien und Persien und dem fernen China durch seine Tore zogen, saß Sindbad der Seefahrer an einem Abend im Spätherbst in seinem Garten und tat etwas Ungewöhnliches: Er war zufrieden. Wirklich zufrieden, nicht jene flüchtige Zufriedenheit, die kommt, wenn man satt ist und schläfrig, sondern eine tiefere, ruhigere Art, die entsteht, wenn ein Mensch auf sein Leben zurückschaut und sieht, dass es gut war. Er hatte fünf Reisen gemacht. Er hatte überlebt, was andere nicht überlebt hätten. Er hatte Freunde und ein Haus und Geschichten, die er noch seinen Enkeln würde erzählen können. Er sagte seinen Freunden: Ich reise nicht mehr.

Und er meinte es. Einen Monat lang meinte er es, dann zwei, dann drei. Im vierten Monat kamen Kaufleute aus dem Osten zu Besuch, reisende Männer mit ledernen Gesichtern und Augen, die das Fernweh darin nicht verbergen konnten, und sie aßen an seinem Tisch und tranken seinen Tee und erzählten von Häfen, die er kannte, und von Gewässern, die er noch nie gesehen hatte. Er hörte zu. Er versuchte, nur zuzuhören.

Aber irgendwo in seiner Brust öffnete sich etwas, eine Tür, die er für geschlossen gehalten hatte, und durch diese Tür zog eine Brise, die nach Salz und Weite roch. Er stand am nächsten Morgen früh auf und ging zum Hafen. Nicht um ein Schiff zu kaufen, nur um zu schauen, sagte er sich. Nur um die Masten zu sehen und die Möwen zu hören und den Geruch von Teer und nassem Holz zu atmen.

Er stand lange am Kai. Und dann sprach er mit einem Kapitän. Und dann kaufte er Waren. Und dann war er wieder unterwegs, und der Feigenbaum im Innenhof warf seinen Schatten auf einen leeren Stein. Die Reise begann prächtig. Das Schiff war neu und die Mannschaft jung und der Kapitän ein erfahrener Mann aus Oman, der das Meer der Inseln kannte wie die Gassen seiner Heimatstadt. Sie fuhren nach Osten, durch Gewässer, die warm und klar waren, über Gründe, die man manchmal durch das Wasser hindurch sehen konnte, Korallen in Farben, für die es keine Namen gab, Fische, die leuchteten wie bewegliche Edelsteine.

Sindbad stand oft an der Reling und schaute hinunter, und was er sah, ließ ihn daran denken, wie wenig ein Mensch von der Welt kennt, selbst wenn er fünf Reisen gemacht hat. Dann begann das Schiff, vom Kurs abzuweichen. Nicht wegen des Windes, nicht wegen einer Entscheidung des Kapitäns, sondern wegen einer Strömung, unsichtbar und mächtig, die das Schiff fasste wie eine Hand und zog.

Der Kapitän versuchte gegenzusteuern, die Männer ruderten, die Segel wurden umgestellt, aber die Strömung war stärker als alles, und das Schiff glitt, langsam, unaufhaltsam, ruhig fast, wie in einem Traum, in dem man fällt und weiß, dass man fällt, und dennoch nichts tun kann, auf eine Küste zu, die aus dem Nebel auftauchte wie ein Gedanke, der nicht verschwinden will. Die Küste war hoch und felsig und schön auf eine verstörende Art, die Felsen rot und ockerfarben, die Klippen senkrecht ins Meer fallend, und dahinter Berge, weiß an den Gipfeln auch in dieser Wärme.

Das Schiff lief auf und das Holz krachte, aber sanft, wie wenn ein müdes Tier sich niederlegt, und die Männer sprangen ins flache Wasser und wateten an den Strand, und niemand kam um, und das war das erste Wunder dieses Ortes. Sie standen am Ufer und schauten auf ihr Schiff, das auf der Seite lag, und dann schauten sie auf die Küste, und der Kapitän sprach mit einer Stimme, die flach war von der Last des Wissendens: Ich kenne diesen Ort. Kein Schiff, das hierher kommt, kommt je wieder fort.

Er erklärte, was er wusste. Die Strömung, die sie hergebracht hatte, war eine Einbahnstraße des Meeres — sie zog zur Küste hin und nie zurück. Die Felsen verhinderten, dass man zu Lande weiterging. Viele Schiffe lagen hier, sagte er, von denen man nie gehört hatte, und die Männer von diesen Schiffen, manche hatten lange gelebt, von dem, was das Land bot, und manche nicht lange, und keiner war je wieder heimgekommen. Die Männer der Besatzung schwiegen. Sindbad schaute auf die Küste und begann zu gehen.

Er ging nicht aus Hoffnungslosigkeit und nicht aus Mut, sondern aus dem einzigen Instinkt, der ihn auf fünf Reisen am Leben gehalten hatte: Wer steht, verliert. Wer geht, hat wenigstens eine Chance. Er erkundete den Strand, und er fand, was er gefunden hatte auf so vielen anderen Küsten, Spuren von anderen, von früher: Reste von Lagern, verwittertes Holz, Knochen von Mahlzeiten, und zwischen all dem, verstreut wie die Erinnerungen eines vergangenen Lebens, Schätze.

Edelsteine, nicht wenige und nicht klein, die zwischen den Steinen lagen wie Blüten auf einem Grab, Rubine und Smaragde und Saphire, die das Licht fingen und zurückwarfen, als wären sie nie aus der Erde herausgeholt worden. Er hob einen auf. Dann noch einen. Die anderen Männer sahen es und taten es ihm nach, und bald hatten sie Taschen voll von Steinen, mehr als sie jemals auf einem Basar erwartet hätten zu sehen. Aber Sindbad schaute auf die Steine und dann auf das Meer und dann auf die Küste, und er dachte: Steine machen mich nicht freier. Er legte die meisten zurück. Er behielt, was er tragen konnte, ohne schwerer zu werden als nötig.

Weiter drinnen, hinter dem ersten Rücken der Felsen, fand er einen Fluss. Nicht groß, aber klar und kalt, aus den Bergen kommend, und dieser Fluss floss nicht ins Meer, sondern unter einen Berg hinein, durch eine Öffnung im Fels, die gerade groß genug war für ein kleines Floß. Sindbad stand an der Öffnung und schaute hinein. Die Dunkelheit darin war vollständig, und das Rauschen des Wassers kam heraus wie Atem aus einem schlafenden Tier.

Er wusste nicht, wohin der Fluss führte. Er wusste nicht, ob dahinter Licht war oder mehr Dunkel, ob das Wasser sich verengte oder öffnete, ob ein Mensch hindurchkommen konnte oder nicht. Er baute ein Floß. Es dauerte Tage, das Holz der gestrandeten Schiffe war alt aber brauchbar, das Tauwerk noch gut, und er arbeitete allein zunächst, dann kamen andere Männer dazu, zuerst schweigend, dann mit Händen, die das Holz fassten und schleiften und banden.

Der Kapitän kam am zweiten Tag und schaute zu, und am dritten Tag arbeitete er mit. Sie sprachen wenig. Es gab nichts zu besprechen, was wichtiger war als das Floß. Am Morgen des fünften Tages war das Floß fertig. Es war nicht schön, aber es war solide, und es lag gut im Wasser des Flusses, getestet im ruhigen Abschnitt vor der Felsöffnung.

Sindbad lud Vorräte auf, Früchte, die er auf der Insel gefunden hatte, einen Schlauch Wasser, das Wenige, das die anderen entbehren konnten, und er nahm die Edelsteine, die er aufbewahrt hatte, und legte sich auf das Floß, flach, weil er nicht wusste, wie niedrig die Decke des Tunnels war. Die anderen Männer standen am Ufer. Der Kapitän hob eine Hand. Sindbad hob eine Hand. Der Fluss nahm das Floß.

Die Dunkelheit war sofort und vollständig. Nicht die Dunkelheit einer dunklen Nacht, in der immer noch ein wenig Licht bleibt, sondern die Dunkelheit des Drinnen, des Unter, die absolute Schwärze, in der die Augen nichts tun können und aufhören zu suchen. Das Wasser rauschte und das Floß bewegte sich, manchmal ruhig, manchmal schneller, manchmal gab es Stellen, wo die Decke des Tunnels so nah war, dass Sindbad das feuchte Gestein über sich spürte, ohne es zu sehen, und er presste sich flach und hielt den Atem an und ließ den Fluss ihn tragen.

Er schlief. Irgendwann in der Dunkelheit, nach Stunden oder vielleicht nach länger — er konnte es nicht sagen, wurde das Rauschen des Wassers zu einem Einschlaflied, gleichmäßig und tief, und seine Augen fielen zu, und er schlief auf dem Floß in der Dunkelheit unter dem Berg, tief und vollständig, wie man schläft, wenn man aufgehört hat, die Kontrolle für nötig zu halten.

Licht. Er wachte auf von Licht, nicht dem harten Licht der Mitttagssonne, sondern dem weichen, goldenen Licht des späten Nachmittags, das schräg über ihn fiel und ihn wärmte, und er öffnete die Augen und sah Himmel. Blauer Himmel, weit und offen, und der Fluss, der ihn trug, war nicht mehr unter der Erde, sondern draußen, breit und ruhig, durch ein Tal fließend, das grün war und bewohnt, Felder an den Ufern, Palmenwedel, und in der Ferne Dächer, und Menschen, die am Ufer standen und auf das Floß schauten und auf den Mann darauf, der aufrecht saß und zurückschaute.

Die Menschen am Ufer kamen nicht aus Bagdad und nicht aus Basra, sie sprachen eine Sprache, die er nicht kannte, und ihre Kleider waren anders und ihre Gesichter freundlich und überrascht. Sie halfen ihm ans Ufer, und er stand auf festem Boden und streckte sich, und die Sonne war warm auf seinem Rücken, und der Fluss rauschte hinter ihm, und er war am anderen Ende des Berges, in einem Land, das er noch nie gesehen hatte, lebendig und heil und mit einem Sack voll Edelsteine. Er fand einen Händler, der Arabisch sprach, nicht gut, aber genug, und erklärte, woher er kam, so gut er konnte.

Der Händler schickte einen Boten zu dem König dieser Stadt, und der König ließ Sindbad kommen, und Sindbad erzählte seine Geschichte von Anfang an, und der König hörte zu mit wachsenden Augen und einem Lächeln, das langsam größer wurde. Wisse, o Gast, sprach der König schließlich, dass wir von diesem Fluss gehört haben, aber noch nie jemanden gesehen haben, der auf ihm aus dem Berg herausgekommen ist. Du bist entweder sehr mutig oder sehr verrückt. Sindbad dachte kurz nach und sagte: Beides, vielleicht.

Der König behandelte ihn als Ehrengast. Die Wochen in dieser Stadt waren ruhig und angenehm, das Essen war gut, die Menschen freundlich, und Sindbad lernte genug von ihrer Sprache, um sich zu verständigen, und lehrte sie genug Arabisch, damit der Handel einfacher wurde. Er verkaufte einige der Edelsteine und kaufte Waren, die er kannte und von denen er wusste, dass sie in Bagdad begehrt waren, Gewürze und Holz und Stoffe aus Baumwolle, weich und dicht gewebt. Und als ein Schiff abging, das nach Basra fuhr, war Sindbad darauf.

Die Rückreise war lang und führte durch viele Häfen, und an jedem tauschte und verkaufte Sindbad, und was er mitgebracht hatte, wuchs mit jeder Station, so wie Geschichten wachsen, wenn man sie erzählt, nicht größer als die Wahrheit, aber voller, runder, vollständiger. Er dachte auf dieser Rückreise viel nach, über den Tunnel, über das Schlafen in der Dunkelheit, über das Licht, das kam, ohne dass er es herbeigerufen hatte. Er dachte daran, dass das Mutigste, was er je getan hatte, vielleicht nicht das Reiten auf dem Roch war oder das Entkommen vor dem Riesen, sondern das Hineinfahren in die Dunkelheit, ohne zu wissen, was dahinter lag, und das Einschlafen darin, weil der Körper wusste, dass er sich keine Sorgen mehr machen musste.

Bagdad kam aus dem Dunst des Horizonts wie ein Versprechen, das gehalten wird, die Minarette zuerst, dann die Kuppeln, dann der Fluss, dann der Lärm und der Geruch und das Licht der Stadt, das in der Abenddämmerung warm und golden war. Sindbad stand am Bug und schaute, und sein Herz war so voll, dass er nichts dachte, nur schaute, nur empfing, nur ließ es zu, dass die Stadt in ihm ankam wie ein Brief, der lang unterwegs war. Er betrat sein Haus.

Der Feigenbaum hatte neue Blätter getrieben in seiner Abwesenheit, frische, hellgrüne Blätter, die das Abendlicht durchließen und auf den Boden des Innenhofs warfen, kleine, zitternde Lichtpunkte, die sich bewegten, wenn der Wind durch die Zweige strich. Er setzte sich darunter, auf den kühlen Stein, und lehnte den Rücken an den Stamm, und der Brunnen plätscherte, und die Tauben rucksten, und die Stadt atmete. Und Sindbad saß still im Herzen seiner Stadt, in dem Garten, der auf ihn gewartet hatte, und die Nacht legte sich sanft über Bagdad, Stern für Stern, ruhig und beständig und weit.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in 1001 Nacht · 54 Geschichten der Scheherazade. Der Sprung führt an genau die Stelle.

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