Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 11 Minuten zu lesen
Sindbad der Seefahrer – Die fünfte Reise
In den Zeiten des Kalifen Harun ar-Raschid, als Bagdad in der Fülle seiner goldenen Jahre ruhte und die Karawanen aus allen Himmelsrichtungen ihre Waren durch seine Tore trugen, saß Sindbad der Seefahrer an einem Abend in seinem Garten und tat etwas, das er selten tat: Er rechnete. Er rechnete, was er besaß, das Haus, die Waren, das Geld in den Truhen, die Freundschaften, die Zeit, und er rechnete, was er davon verbraucht hatte auf vier Reisen, und was geblieben war, und was noch fehlte, um zufrieden zu sein. Das Ergebnis der Rechnung war nicht, was ihn ans Meer trieb.
Es war, dass er mitten im Rechnen aufhörte und aus dem Fenster schaute und den Mond sah, und der Mond stand über den Dächern wie eine Einladung, und Zahlen interessierten ihn plötzlich nicht mehr. Diesmal beschloss er, es anders zu machen. Nicht auf dem Schiff eines anderen Kapitäns, nicht als Passagier mit Waren und Hoffnung, diesmal kaufte er ein eigenes Schiff.
Kein großes, aber ein gutes: dicht geteert, mit einem starken Mast und Segeln, die frisch genäht waren, und einer Mannschaft, die er selbst auswählte, einen Mann nach dem anderen, die Gesichter betrachtend und die Hände und die Art, wie sie das Tauwerk anfassten. Ein Kaufmann lud Waren ein, dann noch einer, dann noch einer, bis das Schiff tief im Wasser lag und nach Zimt roch und nach Seide und nach dem besonderen Versprechen, das Waren ausstrahlen, wenn sie noch nicht verkauft sind.
Sie segelten bei gutem Wind, und die ersten Inseln empfingen sie freundlich, kleine Häfen, belebte Märkte, Händler, die mit Augen voller Interesse die Waren betrachteten und mit Zungen voller Angebot antworteten. Sindbad war in seinem Element: beobachtend, verhandelnd, ruhig, geduldig, mit jenem Gespür für den richtigen Moment, das man nicht lernen kann, sondern das entsteht, wenn man oft genug richtig und falsch gelegen hat.
Auf einer dieser Inseln, die sie für einen Tag anliefen, um Wasser zu fassen und ein gerissenes Seil zu flicken, fanden die Männer ein Ei. Ein Roch-Ei, groß wie ein kleines Haus, halb vergraben im Sand am Rand des Waldes, weiß und makellos, warm von der Sonne. Sindbad, der Roch-Eier kannte wie kein anderer — er hatte auf einem geschlafen, er hatte einen Roch geritten, er wusste, was diese Vögel waren und was sie taten, wenn man ihr Gelege berührte, verbot seinen Männern ausdrücklich, das Ei anzufassen. Er sprach deutlich, er sprach zweimal, er schaute jeden an, damit er sicher war, dass jeder ihn gehört hatte.
Die Männer nickten. Und dann, als Sindbad zu Schiff gegangen war, um die Reparatur zu beaufsichtigen, taten einige von ihnen es trotzdem. Er hörte die Rufe von Deck aus, Lachen zunächst, dann Stille, dann Unruhe, und lief zurück ans Ufer und sah, was er nicht sehen wollte: das Ei, geöffnet, das Junge darin nicht mehr ganz, und die Männer, die dastanden mit dem Ausdruck von Menschen, die zu spät verstehen, was sie getan haben. Sindbad sprach kein lautes Wort. Er schaute in den Himmel, unwillkürlich, wie man es tut, wenn man weiß, was kommt, und dann sprach er, sehr ruhig und sehr schnell: Ins Schiff. Jetzt. Alle.
Sie liefen. Das Schiff legte ab, die Männer an den Rudern, das Segel noch nicht gesetzt, und Sindbad stand am Steuer und schaute nach oben, und der Himmel verdunkelte sich von Süden her, nicht durch Wolken, durch Flügel, durch zwei gewaltige Schatten, die mit einer Geschwindigkeit kamen, die man nicht beschreiben kann, wenn man es nicht gesehen hat. Die Roch-Eltern kamen.
Sie kamen hoch über dem Schiff und ließen fallen, was sie in den Klauen trugen, Felsen, so groß wie Häuser, von den Bergen der Insel gerissen, und der erste Fels verfehlte das Schiff, und der zweite nicht ganz, und das Holz splitterte und das Meer kam herein und die Männer sprangen und schrien, und Sindbad, der zuletzt sprang, hielt sich an einem Balken fest und ließ das Meer ihn nehmen.
Das Meer ist kalt, wenn man unerwartet darin landet. Es ist dunkel unter der Oberfläche, und es ist laut auf eine Art, die man nicht erwartet, ein tiefes, umschließendes Rauschen, das alles andere auslöscht. Er trieb. Er hatte gelernt zu treiben, gelernt, den Körper ruhig zu halten und dem Wasser zu vertrauen, das trägt, wenn man es lässt. Der Balken war breit genug, und das Meer war ruhig geworden, nachdem die Roch fort waren, und er trieb und schaute in den Himmel, der wieder blau war und leer und gleichgültig, wie der Himmel es immer ist nach dem Sturm.
Er dachte nichts Besonderes. Er atmete. Das Treiben hatte seine eigene Qualität, eine Art erzwungener Gegenwärtigkeit, die kein Nachdenken erlaubt, nur Jetzt, nur Wasser, nur Luft. Land kam am Abend. Eine Insel, die er nicht kannte, mit einem Strand aus weißem Sand und Bäumen dahinter, und er kroch ans Ufer und lag lange, das Gesicht nach oben, während der erste Stern über ihm erschien.
Er war allein. Das Schiff war fort, die Mannschaft verstreut oder verloren, die Waren auf dem Grund des Meeres. Er besaß die Kleider, die er trug, und einen kleinen Messer an seinem Gürtel, und das Wissen aus vier Reisen, das niemand ihm nehmen konnte. Er erkundete die Insel am nächsten Morgen, sorgsam, den Rand entlanglaufend, dann ins Innere, und fand Früchte und frisches Wasser und einen Bach und Vögel, die keine Angst vor Menschen hatten, was bedeutete, dass selten Menschen kamen. Und er fand etwas anderes: einen alten Mann, der am Ufer eines kleinen Sees saß, auf einem Stein, so still, dass Sindbad ihn zunächst für einen Felsen hielt.
Der Mann war sehr alt, wie alt, ließ sich nicht sagen, mit weißem Haar und einem langen Bart und Augen, die klar waren und ruhig, die Augen eines Mannes, der viel gesehen hat und aufgehört hat, davon erschüttert zu werden. Sindbad begrüßte ihn mit den Worten der Höflichkeit, und der alte Mann antwortete nicht in Worten, aber er hob die Hand, komm her, und Sindbad kam. Der Alte zeigte auf seinen Rücken, dann auf das andere Ufer des Sees. Er wollte getragen werden. Sindbad, der gutmütig war und den alten Mann für einen harmlosen, hilflosen Menschen hielt, kniete nieder und nahm ihn auf den Rücken.
Und dann, und hier pausierte Sindbad in seiner Erzählung immer einen Moment, wenn er sie später erzählte, weil dieser Moment sich nicht beschleunigen ließ, umschlossen die Beine des alten Mannes seine Hüften wie Klauen aus Holz, fest, fest, fester, und die Fersen schlugen gegen seine Seiten, und der Alte, der nicht gesprochen hatte, begann zu lenken: mit den Fersen, mit dem Gewicht seines Körpers, mit einem Griff um den Hals, der fest genug war, um zu zeigen, dass er konnte, wenn er wollte.
Sindbad trug. Er trug, weil er keine Wahl hatte, und der Alte auf seinem Rücken war leicht wie ein Kind und schwer wie Stein, und das war das Merkwürdigste daran. So vergingen Tage. Der Alte auf seinem Rücken, der ihn durch die Insel lenkte, zu Früchten, zu Wasser, zu Schatten in der Hitze des Mittags, und Sindbad trug, und abends, wenn er erschöpft hinsank, schlief der Alte noch immer auf ihm, die Beine nicht losgelassen. Er aß, was der Alte ihm zuwies. Er trank, wenn der Alte es erlaubte. Er schlief wenig und dachte viel, und was er dachte, war immer dasselbe: Es muss einen Weg geben.
Der Weg fand sich, wie Wege es tun, durch Beobachtung und Geduld. Sindbad fand am Strand einer kleinen Bucht große Kürbisschalen, ausgehöhlt und getrocknet, und er fand Trauben, wilde, schwere, dunkle Trauben, und er presste den Saft in die Schalen und ließ ihn stehen, und die Tage taten das Übrige. Wenn er trug und der Alte auf seinem Rücken saß und Sindbad an der Traube trank, roch der Alte es, und zeigte mit einem Finger: gib. Sindbad gab. Der Alte trank.
Er trank, und trank mehr, und seine Beine wurden lockerer, und seine Finger öffneten sich langsam, und sein Kopf sank, und seine Augen schlossen sich, und am Ende lag er auf dem Boden und schlief, tief und fest und wirklich. Sindbad stand auf. Er stand auf und streckte sich, und jeder Knochen in seinem Körper machte einen Laut, und er ging drei Schritte, fünf, zehn, und niemand hielt ihn auf.
Er lief zum Strand. Er lief nicht vor Angst — er war nicht mehr ängstlich, das hatte ihm das Meer ausgetrieben, sondern aus reiner Freude am Laufen, am Freiheit-Haben, am Körper, der sich wieder selbst gehörte. Am Strand lagen Schiffe. Händlerschiffe, die regelmäßig diese Küste anliefen, wie er von einem Fischer erfuhr, der ihn sah und ihm Wasser gab und dessen Sprache er mit Mühe verstand.
Der Fischer kannte den Alten, alle kannten ihn, nickte er, alle fürchteten ihn, niemand wusste, wer er war oder woher er kam, aber jeder, der ihn aufgehoben hatte, hatte ihn lange getragen. Er schaute Sindbad an mit einem Blick, der sagte: Du bist der Erste, der geht. Sindbad schaute zurück und sagte nichts, aber er dachte: Ich war nicht der Erste. Ich war nur derjenige, der Trauben gefunden hat. Er fand ein Schiff, das nach Basra fuhr, und sprach mit dem Kapitän, und der Kapitän war ein vernünftiger Mann, der einen offensichtlich erfahrenen Reisenden erkannte und ihn mitnahm gegen Arbeit an Bord, Taue halten, Wache stehen, die Segel einholen, wenn der Wind drehte.
Sindbad arbeitete. Es war gute Arbeit, einfache Arbeit, und nach den Tagen auf dem Rücken getragen zu werden und nicht gehen zu dürfen, war jede Bewegung ein Geschenk. Er zog Taue und schaute aufs Meer und war dankbar, auf eine Weise, die tiefer saß als Worte. An einem Hafen auf dem Weg half er beim Entladen von Kokospalmen, die Nüsse hämmern, das Fleisch herauslösen, das Öl auspressen, und der Händler, dem er half, bezahlte ihn großzügig, und von dem Geld kaufte er Waren, und von den Waren kaufte er mehr, und so kam er nach Basra mit bescheidenen, aber realen Gütern, die er verkaufte, und von Basra reiste er den Fluss hinauf nach Bagdad.
Die Stadt empfing ihn ohne Fanfare, wie sie es immer tat, gleichgültig und warm zugleich, das Gewimmel des Basars und der Geruch der Bäckereien und der Staub und der Lärm, der nach einer langen Reise klingt wie Musik. Er betrat sein Haus, ließ die Tür hinter sich fallen, und stand im Innenhof. Der Feigenbaum. Der Brunnen. Die Kühle der Mauern. Die Tauben auf dem Dach. Alles an seinem Platz, alles so, als hätte die Zeit auf ihn gewartet.
Er legte sich unter den Feigenbaum auf den Boden, nicht auf ein Kissen, nicht auf eine Matte, direkt auf den kühlen Stein, und schaute durch die Zweige in den Abendhimmel, der langsam seinen Blau verlor und ins Violett überging. Er dachte an den Alten auf seinem Rücken. Er dachte an das Roch-Ei und die Männer, die nicht gehört hatten. Er dachte an das Treiben auf dem Balken und die Stille darunter im Wasser. Und er dachte, wie er es nach jeder Reise dachte, aber diesmal klarer als je zuvor, dass das Leben sich nicht in ruhigem Wasser zeigt, sondern in dem, was man tut, wenn das Wasser aufhört, ruhig zu sein.
Er schloss die Augen. Die Tauben rucksten. Der Brunnen sang. Bagdad atmete um ihn herum, tief und gleichmäßig, wie das Meer, das er liebte, und wie das Zuhause, das er immer wieder verließ und immer wieder fand. Und der Abend legte sich über die Stadt wie ein weiches Tuch, und die Sterne erschienen eine nach der anderen, und Sindbad schlief, fest und tief, unter seinem Feigenbaum, im Herzen der Stadt, die auf ihn gewartet hatte.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.