Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 10 Minuten zu lesen

Sindbad der Seefahrer - Die erste Reise

In den Zeiten des Kalifen Harun ar-Raschid, als Bagdad die leuchtendste Stadt der Welt war und ihre Händler auf allen Meeren fuhren, lebte in den breiten Straßen nahe dem großen Basar ein junger Mann namens Sindbad. Er war der Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns, der früh gestorben war und ihm ein Erbe hinterlassen hatte, nicht klein, aber auch nicht unerschöpflich, und Sindbad, jung und leichtherzig, wie junge Männer es sind, hatte dieses Erbe in Gesellschaft und Gastmählern und schönen Dingen verbraucht, ohne recht darauf zu achten, wie schnell das Geld des Vaters sich auflöst, wenn man nicht aufpasst.

Als er eines Morgens aufwachte und die leeren Truhen betrachtete, war er arm. Nicht elend, aber arm, und das ist für einen Mann, der Reichtum gekannt hat, manchmal schwerer zu tragen als für einen, der ihn nie besessen hat. Er saß lange. Er dachte nach. Und dann stand er auf, verkaufte, was noch zu verkaufen war, kaufte sich Anteil an einer Karawane von Waren, die auf ein Schiff sollten, und ging zum Hafen.

Das Schiff war groß und alt und roch nach Teer und Salz und fernen Häfen. Die Masten ragten hoch in den blauen Himmel, die Segel lagen aufgerollt wie schlafende Tiere, und die Männer, die an Bord gingen, kamen aus einem Dutzend Ländern, Perser und Inder, Afrikaner und Griechen, Männer mit Narben und Männer mit ruhigen Augen, und alle hatten sie jenen bestimmten Gang, den Seeleute haben: leicht vornübergeneigt, als wäre der Boden unter ihnen immer in Bewegung.

Sindbad stand am Geländer, als das Schiff den Hafen verließ, und schaute auf Bagdad zurück, wie es kleiner wurde, die Minarette und Kuppeln, das Glitzern des Flusses, und er fühlte gleichzeitig Angst und Freiheit, so eng beieinander, dass er nicht hätte sagen können, was mehr war. Die ersten Tage auf See waren schön. Das Meer war ruhig, der Wind günstig, und das Schiff glitt durch das blaue Wasser wie ein Messer durch Seide.

Sindbad lernte die anderen Kaufleute kennen, aß mit ihnen, hörte ihre Geschichten, von Gewürzen aus dem Osten, von Elfenbein aus dem Süden, von Städten, die er sich nicht vorstellen konnte. Abends saßen sie auf Deck, wenn die Luft kühl wurde und die Sterne über dem Mast erschienen, und redeten bis spät in die Nacht, und das Meer um sie war so weit und so dunkel und so ruhig, dass man sich klein und geborgen fühlte zugleich.

Nach einigen Tagen erreichten sie eine Insel, oder was eine Insel zu sein schien. Sie lag flach auf dem Wasser, dicht bewachsen mit grünem Strauchwerk, die Erde schwarz und weich, und kein Baum ragte darüber hinaus. Der Kapitän ließ das Schiff ankern, und die Männer gingen an Land, froh, festen Boden unter den Füßen zu haben, froh, Feuer zu machen und Wasser zu kochen und eine Weile stillzustehen statt zu schaukeln.

Sindbad saß am Feuer und hörte das Knistern des Holzes und den leisen Lärm der Männer um ihn, und er war zufrieden, zufriedener, als er es in langer Zeit gewesen war. Dann begann die Insel zu zittern. Zuerst kaum spürbar, ein leises Beben unter den Füßen, das man für Wind halten konnte oder für die eigene Einbildung. Dann stärker, und die Männer schauten einander an, und der Kapitän, der auf dem Schiff geblieben war, schrie vom Deck aus mit einer Stimme, in der alle Ruhe der Welt plötzlich fehlte: Ins Wasser! Alle ins Wasser — das ist keine Insel, das ist ein Wal! Die Männer rannten. Sindbad rannte.

Die Erde, die schwarze, weiche Erde, begann sich zu wölben und zu neigen, als ein riesiges Tier, das seit Jahrzehnten so reglos geschlafen hatte, dass Pflanzen auf seinem Rücken gewachsen waren, nun erwachte und sich in die Tiefe zog. Das Meer schluckte alles, die Feuer, das Strauchwerk, die Männer, die nicht schnell genug waren. Sindbad sprang und schwamm, und das Wasser war kalt und dunkel und zog an ihm, und er hörte die Stimmen der anderen Männer und dann nicht mehr. Das Schiff hatte die Anker gelichtet und segelte fort, der Kapitän konnte nicht warten, der Strudel des sinkenden Tieres hätte auch das Schiff hinuntergezogen.

Sindbad klammerte sich an ein Stück Holz, das der Koch zum Feuer getragen hatte und das nun auf dem Wasser trieb, und er ließ sich treiben, und der Himmel über ihm war blau und leer und unendlich weit. Stunden vergingen. Die Sonne wanderte. Das Holz trug ihn, und er ließ es tragen, und irgendwann gab er das Nachdenken auf und trieb einfach.

Das Meer hat eine Art zu reden, wenn man still genug ist, um zuzuhören: ein tiefes, gleichmäßiges Atmen, ein Heben und Senken, das sich anfühlt wie die Brust eines schlafenden Riesen, und wer lange genug darauf liegt, der hört auf zu kämpfen und beginnt zu atmen im selben Rhythmus. So war es mit Sindbad, er trieb, und das Meer trug ihn, und als der Abend kam und die Luft kühler wurde, war er noch am Leben.

Er sah Land. Einen dunklen Streifen am Horizont, der langsam breiter wurde, und er paddelte mit einer Hand, die andere am Holz, bis er den Sand unter den Füßen spürte, weich und wirklich und fest. Er kroch ans Ufer und blieb liegen, das Gesicht nach oben, und der erste Stern stand schon am Himmel, und er schaute ihn an und war dankbar, auf eine Art, für die er keine Worte hatte. Die Insel, auf der er sich befand, war nicht verlassen. Als er sich erholt hatte, Früchte gegessen, Wasser aus einem Bach getrunken, eine Nacht geschlafen, tief und traumlos unter einem Baum, fand er am nächsten Tag ein Pferd, das an einem Pfahl gebunden war, am Rand einer Bucht.

Er schaute das Pferd an. Das Pferd schaute ihn an. Und dann kamen Männer aus dem Unterholz, vorsichtig und bewaffnet, und sahen ihn an, als wäre er ein Geist, und vielleicht war er das, für sie: ein Mann, der aus dem Meer gestiegen war, durchweicht und zerzaust, aber lebendig. Sie brachten ihn zu ihrem Herrn, dem Stallmeister des Königs dieser Insel, der jedes Jahr um diese Zeit zur Bucht kam, um die Stuten ans Meer zu bringen auf der Suche nach den Wildpferden, die in den Wellen lebten, wie die Männer glaubten.

Sindbad verstand nicht alles, was sie sagten, aber er verstand Gastfreundschaft, und die wurde ihm gewährt: ein Dach, Speise, trockene Kleider, und die Frage, mit Händen und mit den wenigen gemeinsamen Worten, woher er gekommen sei. Er wurde zum König gebracht, einem Mann mittleren Alters mit ruhigen Augen und einem Hof, der einfacher war als der Bagdads, aber sauber und würdig.

Sindbad erzählte seine Geschichte, das Schiff, die falsche Insel, das Holz, und der König hörte zu mit der Aufmerksamkeit eines Mannes, der Geschichten achtet. Und als Sindbad geendet hatte, sprach der König: Wisse, o Gast, dass du Glück gehabt hast. Nicht viele kommen aus dem Meer zurück, wenn es sie einmal nehmen will. Er gab Sindbad eine Stelle an seinem Hof, nicht groß, aber ehrenhaft, und Sindbad nahm sie an, denn er hatte nichts anderes.

Die Monate auf der Insel des Königs waren ruhig und seltsam und gut. Sindbad lernte die Sprache langsam, wie man eine Frucht öffnet, von außen nach innen, Schicht für Schicht. Er lernte die Gepflogenheiten des Hofes, die Namen der Männer, die Wege der Insel. Er ging zum Hafen, wenn Schiffe ankamen, und schaute auf die Waren und die Gesichter der Kaufleute, und manchmal erkannte er eine Flagge, eine Sprache, und sein Herz machte einen Sprung. Er vergaß Bagdad nicht. Er vergaß seinen Namen nicht. Aber er ließ sich treiben, wie er auf dem Holz getrieben hatte, ruhig, wartend, sicher, dass das Meer ihn eines Tages wieder nach Hause tragen würde.

Dieser Tag kam, als ein Schiff im Hafen festmachte, das er erkannte, die Farbe des Rumpfes, die Form des Bugs, die Art, wie die Männer die Leinen warfen. Es war das Schiff. Sein Schiff. Das Schiff, das ihn zurückgelassen hatte. Er lief zum Hafen, und der Kapitän sah ihn kommen, und in den Augen des Kapitäns war zuerst Unglauben, dann etwas, das wie Erleichterung aussah. Wir haben dich für tot gehalten, sprach der Kapitän. Sindbad sprach: Ich auch, eine Weile.

Seine Waren waren noch an Bord, der Kapitän, ein ehrlicher Mann, hatte sie nicht verkauft, hatte sie verwahrt für den Fall, dass Sindbad eines Tages erschiene. Es war nicht viel, aber es war mehr als nichts, und Sindbad verkaufte auf den Inseln, die das Schiff noch anlief, gut und mit Gewinn, denn er hatte in den Monaten auf der Insel gelernt, was die Menschen dieser Meere brauchten und was sie schätzten.

Als das Schiff schließlich in den Hafen von Bagdad einlief, in der Abenddämmerung, als die Minarette sich gegen den orangefarbenen Himmel abzeichneten und der Ruf des Muezzins über das Wasser trug, da stand Sindbad am Bug und schaute auf seine Stadt, und er war anders als der Mann, der sie verlassen hatte. Nicht gebrochen, nicht verbittert, sondern, gereift ist vielleicht das Wort: als hätte das Meer aus ihm etwas herausgewaschen, das nicht zu ihm gehört hatte, und zurückgelassen, was blieb.

Er hatte Angst gekannt und Dankbarkeit und die Stille des Treibens auf dem Wasser, und er hatte überlebt, und das wog mehr als alles Gold, das er verloren und gewonnen hatte. Er kaufte ein Haus. Kein großes, aber ein gutes. Er lud Freunde ein, und er erzählte seine Geschichte, ruhig, ohne Prahlerei, wie man erzählt, wenn man weiß, dass die Geschichte selbst genug ist.

Und manchmal, wenn die Nacht über Bagdad lag und die Sterne über den Kuppeln standen und der Wind vom Fluss herüberwehte, roch er das Meer, Salz und Tiefe und Weite, und er lächelte, und in diesem Lächeln war alles: Angst und Dankbarkeit und die ruhige Gewissheit, dass er, wenn die Zeit kam, wieder gehen würde. Denn das Meer vergisst nicht, wen es einmal getragen hat, und der Mensch vergisst das Meer nicht, das ihn getragen hat, und zwischen diesen beiden Vergesslichkeiten liegt ein Leben, weit und still wie das Wasser in der Nacht.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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