Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 9 Minuten zu lesen

Sindbad der Seefahrer – Die dritte Reise

In den Zeiten des Kalifen Harun ar-Raschid, als Bagdad in seiner eigenen Wärme ruhte wie eine Katze in der Sonne, lebte Sindbad der Seefahrer in seinem Haus am Rande des großen Basars und versuchte, sesshaft zu sein. Er versuchte es ernsthaft. Er saß in seinem Innenhof unter dem Feigenbaum und trank Tee und hörte den Brunnen plätschern und redete sich zu, dass dies genug sei, der Schatten, der Tee, die Stille, die Freunde, die abends kamen und seine Geschichten hörten.

Aber die Nächte verrieten ihn. In den Nächten lag er wach und hörte etwas, das kein anderer hörte: das ferne, gleichmäßige Atmen des Meeres, tief unter allem anderen Lärm der Stadt, als riefe es ihn beim Namen. Er widerstand, einen Monat, zwei, drei. Dann stand er eines Morgens auf, noch bevor die Muezzine riefen, und ging zum Hafen, und kaufte sich einen Platz auf einem Schiff, und sagte seiner Haushälterin, sie solle auf das Haus achten, und ging.

Er kannte diesen Moment inzwischen: den Moment, in dem die Vernunft aufhört zu reden, weil das Herz lauter geworden ist. Es war kein Leichtsinn. Es war Sindbad, wie er war. Das Schiff war gut und die Mannschaft erfahren, und die ersten Wochen auf See vergingen in dem ruhigen Rhythmus, den Sindbad liebte: das Knarren der Takelage, der Geruch von Salz und Teer, die Gespräche der Männer am Abend, wenn die Sterne über dem Mast erschienen und jeder seine Geschichte mitbrachte wie Gepäck. Sie fuhren von Hafen zu Hafen, verkauften und kauften, und das Meer war gnädig und der Wind günstig, und Sindbad dachte: Diesmal wird es eine ruhige Reise.

Dann kam der Sturm. Er kam aus dem Norden, ohne viel Vorwarnung, ein Dunkelwerden des Himmels, ein Drehen des Windes, und dann das Meer, das sich aufrichtete wie ein lebendiges Ding. Das Schiff war gut gebaut und die Männer gut ausgebildet, aber der Sturm war stärker als beides, und als er endlich nachließ, trieben sie ohne Orientierung, das Segel zerrissen, einen Mast gebrochen, erschöpft und still. Der Kapitän stand auf dem Bug und schaute in alle Richtungen mit dem Gesicht eines Mannes, der erkennt, dass er nicht weiß, wo er ist, und dass das unter Umständen sehr schlimm sein kann.

Land tauchte auf, Felsen, steil und dunkel, und dahinter Bäume, und der Kapitän ließ das Schiff in eine Bucht steuern, und die Männer gingen an Bord, erleichtert und vorsichtig zugleich. Die Insel wirkte verlassen. Aber Inseln, die verlassen wirken, sind es nicht immer — das wusste Sindbad besser als die meisten. Er blieb nah am Schiff, während die anderen Männer sich verstreuten, und beobachtete die Bäume, und das Unterholz, und die Stille, die eine bestimmte Art von Stille war, keine leere Stille, sondern eine volle, eine wartende.

Dann sahen sie ihn. Er trat aus dem Wald, und die Männer, die ihn zuerst sahen, machten einen Schritt zurück ohne zu wissen warum, ein Riese, größer als ein Haus, mit Haut wie altes Holz und Augen, die glühten wie Kohlen in der Nacht. Er schaute auf die Männer herab mit einem Blick, der keine Überraschung zeigte, keine Neugier, nur die ruhige Bestandsaufnahme von jemandem, der weiß, was er sieht, und der entschieden hat, was er damit tut. Die Männer standen wie Steine. Niemand sprach. Niemand lief, denn wohin?

Der Riese griff, langsam, ohne Eile, als hätte er alle Zeit der Welt, und nahm den Kapitän, hielt ihn hoch, drehte ihn, schaute ihn an wie ein Kind einen Käfer betrachtet. Der Kapitän sprach nichts. Der Riese legte ihn wieder hin, sanft, fast vorsichtig, und ging zurück in den Wald, so lautlos wie er gekommen war. Eine lange Stille folgte, und dann begannen alle auf einmal zu reden, und niemand hörte dem anderen zu, und es war Sindbad, der als erster wieder ruhig wurde und die Hand hob und sagte: Wir müssen nachdenken. Sie dachten nach, die Männer der Besatzung, zusammengekauert am Strand, während der Mond über den Felsen aufging und das Meer hinter ihnen rauschte.

Sindbad sprach wenig, aber was er sagte, wurde gehört, denn die anderen wussten, dass er von solchen Dingen mehr verstand als sie. Er sagte: Der Riese wird wiederkommen. Er sagte: Wir brauchen eine Möglichkeit, das Schiff zu reparieren, und wir brauchen eine Möglichkeit, uns in der Nacht zu schützen. Und er sagte: Wir dürfen die Ruhe nicht verlieren, denn wer die Ruhe verliert, verliert alles andere mit. Sie arbeiteten, solange es hell war. Das Segel wurde notdürftig geflickt, der gebrochene Mast mit Holz vom Ufer verstärkt, die Ruder überprüft.

Und als die Dunkelheit kam, bauten sie am Strand ein Feuer, groß und hell, und sammelten Holz, solange das Feuer brannte, und setzten Wachen, und schliefen in Schichten, und der Riese kam nicht in dieser Nacht. Am nächsten Morgen, als das erste Licht über die Felsen kroch und das Meer wieder sein vertrautes Blau annahm, waren die Männer ruhiger, nicht unängstlich, aber ruhiger, und das war genug.

Das Schiff war noch nicht seetüchtig, und der Riese kam am zweiten Tag zurück, wieder am frühen Abend, wieder aus dem Wald, wieder mit demselben gleichgültigen Blick. Diesmal griff er mehrere Männer, aber Sindbad, der beobachtet hatte, wie der Riese sich bewegte und wohin er zuerst schaute, hatte die Männer angewiesen, sich zu verteilen, und der Riese, verwirrt von der unübersichtlichen Situation, nahm am Ende nichts mit und verschwand wieder. Die Männer atmeten. Sindbad sprach: Wir brauchen Flöße. Falls das Schiff nicht rechtzeitig fertig ist.

Sie bauten Flöße aus dem Holz der Insel, drei davon, stabil und groß genug für alle, gebunden mit Tauwerk, geprüft im flachen Wasser der Bucht. Das Schiff war am dritten Tag noch immer nicht bereit. Am dritten Abend, als der Riese aus dem Wald trat und die Männer sah, die diesmal auf den Flößen standen und die Stöcke bereits in den Händen hielten, blieb er am Rand des Waldes stehen und schaute. Die Männer schaufelten. Die Flöße bewegten sich. Das Wasser war kalt und schwarz und der Wind frisch, und hinter ihnen wurde die Insel kleiner, und der Riese stand am Ufer und schaute ihnen nach, und Sindbad schaute zurück, nur einmal, und dann schaute er nach vorne.

Das Meer nahm sie auf. Die Nacht war klar und die Sterne zeigten den Weg, wie sie es immer tun, wenn man weiß, wie man sie lesen soll, und Sindbad wusste es. Sie trieben, drei Flöße, eng beieinander, die Männer mit den Schultern aneinander in der Kälte, und der Horizont vor ihnen war dunkel und weit und leer, und das war gut, denn leer bedeutete offen, und offen bedeutete Möglichkeit. In den Stunden vor dem Morgen, als die Kälte am tiefsten war und die Männer am stillsten, saß Sindbad am Rand des Floßes und ließ eine Hand ins Wasser hängen.

Das Wasser war dunkel und kalt und bewegte sich unter seiner Hand wie etwas Lebendiges, was es war. Er dachte an Bagdad, an den Feigenbaum, an den Brunnen. Er dachte an die Schlucht mit den Diamanten, an den Roch, an die erste Reise und den Wal, der eine Insel gewesen war. Er dachte daran, dass jede dieser Reisen ihn an einen Punkt gebracht hatte, von dem er geglaubt hatte, es gäbe keinen Weg zurück, und doch war er hier, auf einem Floß im Dunkeln, lebend und denkend und die Hand im Meer.

Land fanden sie am nächsten Nachmittag, eine Küste, die bewohnt war, mit Dörfern und Rauch und Menschen, die ans Wasser kamen und die erschöpften Männer mit Wasser und Brot empfingen. Sindbad aß und trank und schlief, lang und tief, und als er aufwachte, war die Sonne anders, tiefer, wärmer, goldener, und die Männer um ihn herum schliefen noch, und er saß allein in dem kleinen Dorf und schaute auf das Meer, das ruhig lag und blau und friedlich, als hätte es nie einen Sturm gegeben, nie eine Nacht auf einem Floß, nie einen Riesen.

Von dieser Küste fand er ein Schiff, das nach Basra fuhr, und von Basra reiste er weiter, und jeder Hafen, den er anlegte, brachte ihn einer vertrauten Sprache näher, einem vertrauten Geruch, einer vertrauten Art, wie die Menschen miteinander redeten und scherzten und handelten. Die Waren, die er mitgebracht hatte, wenige, aber gut gewählt, verkaufte er mit Gewinn, und was er an Verlust gemacht hatte durch den Sturm und die Insel, holte er auf durch Klugheit und Geduld und die Erfahrung eines Mannes, der weiß, dass der Wert einer Sache nicht immer das ist, was jemand zuerst dafür bieten will.

Er kam zurück nach Bagdad an einem Abend im Herbst, als die Luft schon kühl war und die ersten Blätter des Feigenbaums im Innenhof gefallen waren und der Brunnen mit dem vertrauten, leisen Plätschern sang. Er trat ein und stand in dem Innenhof und schaute auf den Baum und auf das Wasser und auf die Mauern seines Hauses, die in der Abendsonne rosa leuchteten. Er war müde auf eine tiefe, gute Art, nicht die Müdigkeit der Erschöpfung, sondern die Müdigkeit des Menschen, der weit gegangen ist und nun angekommen ist.

Er setzte sich unter den Feigenbaum, lehnte den Rücken an den Stamm, und die Kühle des Abends legte sich um ihn wie ein weiches Gewand. Er lud Freunde ein, in den folgenden Tagen, und erzählte, ruhig, ohne Eile, wie er immer erzählte, von der Insel und dem Riesen und den Flößen in der Nacht. Die Freunde schüttelten die Köpfe und staunten, und einer fragte: Und trotzdem gehst du wieder? Sindbad schaute eine Weile in seine Teeschale. Dann schaute er auf. Frag das Meer, sagte er, nicht mich. Und die Nacht über Bagdad war warm und still, und die Sterne standen ruhig über den Kuppeln, und irgendwo in der Ferne, weit jenseits der Mauern der Stadt, atmete das Meer.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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