Nach griechischer Überlieferung · 6 Minuten zu lesen
Selene und Endymion
In jenen alten Tagen, als die Götter noch über die Welt wachten und jede Nacht ihren eigenen Atem hatte, trieb Selene, die silberne Mondgöttin, in ihrem Wagen über den Himmel. Ihre Rosse waren weiß wie Winterwolken, und die Räder ihres Wagens berührten den Horizont so leise, dass selbst schlafende Vögel nicht aufschreckten. Wo sie zog, legte sich ein kühles Leuchten über die Erde, über die Olivenhaine und die schlafenden Dörfer, über das weinrote Meer und die stillen Buchten der Inseln.
Ihre Bahn führte sie jede Nacht von Osten nach Westen, wie es ihr von Anbeginn bestimmt war. Erst ihr Bruder Helios hatte den Himmel in seiner Feuerpracht durchquert, von ihm war an anderer Stelle zu berichten, und nun übernahm Selene die Stunden, die den Menschen zum Schlafen, zum Träumen und zum Lauschen auf die Stille gehörten. Sie kannte jeden Fluss, jeden Berg, jede Küste dieser Erde, denn sie hatte sie alle unzählige Male übergossen mit ihrem stillen Licht. Doch eines Nachts hielt sie inne.
Es war auf dem Berg Latmos in Karien, einem runden, sanft geformten Bergrücken nahe dem Meer. Dort unten, in einer Mulde zwischen hohem Gras und Thymian, schlief ein junger Hirt. Er hieß Endymion, und er war schön auf eine Weise, die nicht zu beschreiben war, so wie der Mond selbst schön ist und dennoch niemand sagen kann, warum das Herz sich wendet, wenn man ihn ansieht. Sein Schlaf war tief und ruhig, seine Herde lag um ihn versammelt, und die Nacht wiegte alles in einem langen, gleichmäßigen Atemzug.
Selene ließ die Zügel sinken. Ihre Rosse standen still, und der Wagen hing reglos im Dunkeln über den Hügeln. Sie schaute hinab auf diesen Schlafenden, und etwas in ihr bewegte sich, das Göttinnen nur selten kennen, eine Stille, die größer war als die Stille des Himmels. Nacht für Nacht lenkte sie fortan ihren Wagen über den Latmos, und immer verweilte ihr Licht länger als nötig über der Mulde, wo Endymion schlief.
Die anderen Götter bemerkten, dass der Mond zuweilen zögerte, zuweilen langsamer wurde, als sei er von einer unsichtbaren Hand gehalten. Aber Selene schwieg über das, was sie bewegte. Sie stieg hinab zu dem schlafenden Hirten, setzte sich neben ihn ins Gras, und ihr Licht hüllte ihn ein wie ein zweites, sanfteres Gewand. Er regte sich nicht. Er schlief, wie Menschen schlafen, die noch keine Ahnung haben, dass eine Göttin neben ihnen sitzt.
Nun liebte Selene diesen Hirten, und die Liebe einer Göttin ist keine kleine Sache. Doch gerade darin lag die Qual: Endymion war ein Mensch, und Menschen werden alt. Die Jahre würden ihm antun, was sie allem antun, und eines Tages würde dieser Schlaf, den sie so sehr liebte anzusehen, sich in jenen anderen, tieferen Schlaf verwandeln, aus dem es keine Rückkehr gibt. Selene wollte das nicht. Sie wollte ihn so sehen, wie er war, für immer, in dieser Stille, in diesem Frieden.
Und so wandte sie sich an Zeus, den Wolkenversammler, den Herrn des Olymp. Vor seinen goldenen Thron trat sie und sprach: Gewähre dem Endymion, Sohn des Aethlios was er selbst sich einst von dir erbeten hat, den ewigen Schlaf - den Schlaf ohne Alter und ohne Ende, damit er nicht vergehe. Zeus neigte den Kopf. Er kannte Endymion, denn auch der Hirt selbst hatte sich einst an ihn gewandt und sich eben dies erbeten: nicht Unsterblichkeit im Wachen, sondern Unsterblichkeit im Schlaf, ein Leben ohne das Vergehen der Jahre, verborgen im Schlummer. Es war eine ungewöhnliche Bitte gewesen, und Zeus hatte sie bedächtig aufbewahrt. Nun kam Selene und bat dasselbe. Der Göttervater öffnete die Hand, und was darin lag, ließ er los.
Auf dem Berg Latmos schloss Endymion die Augen, und öffnete sie nicht wieder. Nicht weil er starb, sondern weil er in einen Schlaf fiel, der tiefer war als jeder menschliche Schlummer, einen Schlaf so vollkommen, dass die Zeit ihn nicht anrühren konnte. Sein Atem ging ruhig, seine Wangen blieben jung, und sein Gesicht trug den Ausdruck eines Mannes, der gerade einen schönen Traum beginnt.
Von nun an lag Endymion in seiner Höhle auf dem Latmos, und Selene kam jede Nacht zu ihm. Sie fuhr ihren Wagen über den Himmel, verteilte ihr Licht über die Welt, über die Fischerboote, die im Dunkeln auf dem Meer trieben, über die schlafenden Kinder in den Häusern am Hang, über die Tempel und die heiligen Haine, und wenn ihre Bahn sie über Karien führte, hielt sie inne. Sie stieg hinab. Sie setzte sich zu dem Schlafenden, und das Mondlicht lag warm und still auf seinem Gesicht.
Die Hirten der Gegend wussten, was sich in der Höhle verbarg, und sie gingen achtungsvoll an ihr vorbei. Manchmal, wenn der Vollmond besonders hell über dem Latmos stand, sagten die Alten, das sei der Augenblick, da Selene am längsten bei ihm verweilte. Dann konnte man sehen, oder meinte es zu sehen, wie das Licht sich verdichtete, wie es ruhig und warm auf dem Fels lag, ganz anders als das kalte Mondlicht auf dem Meer.
Es gab Menschen, die diese Geschichte traurig nannten, eine Göttin, die einen Schlafenden liebt, und ein Mensch, der nie erwacht. Aber die Alten sahen es anders. Endymion hatte sich das selbst gewünscht: nicht das ruhelose Wachen, nicht das Vergehen der Jahre, sondern diesen tiefen, traumlosen oder traumreichen Schlaf, niemand weiß es, in dem die Zeit über ihn hinweggeht wie der Wind über einen Stein. Und Selene war nicht allein. Sie hatte ihre Nächte, ihre Bahn, ihr Licht, das sie über die ganze Erde trug. Und sie hatte diesen Ort, zu dem sie zurückkehren konnte.
So vergingen die Jahre, und die Jahrhunderte, und der Latmos stand noch immer am Rand des Meeres, und die Höhle war noch immer da. Selene fuhr ihre ewige Bahn, Nacht für Nacht, Jahrtausend für Jahrtausend. Und Endymion schlief. Sein Schlummer war so vollkommen, so ruhig, so unberührbar vom Lauf der Dinge, dass manche sagten, er sei der glücklichste unter allen Sterblichen, nicht weil ihm das Wachen genommen wurde, sondern weil ihm die Stille geschenkt wurde, die die meisten Menschen sich nur erträumen.
Wer in Karien das Meer betrachtet und den Mond sieht, der langsam aufgeht und das Wasser silbern färbt, der weiß vielleicht, was gemeint ist. Selene ist unterwegs. Sie verteilt ihr Licht großzügig und gleichmäßig, so wie sie es immer getan hat. Und irgendwann, in der tiefsten Stunde der Nacht, wenn die Welt am stillsten ist, biegt sie über den Latmos und verweilt.
So wie diese Geschichte nun verweilt, ruhig, ohne Eile, bevor sie abtritt und den nächsten Göttern Platz macht: dem sanften Hypnos und seinem Sohn Morpheus, den Herren des Schlafes und der Träume, von denen bald zu erzählen sein wird. Für jetzt aber liegt der Berg Latmos im Mondlicht, die Höhle ist still, und Endymion schläft. Hypnos und Morpheus, die Götter des Schlafes und der Träume.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.