Nach Arthur Conan Doyle · 4 Minuten zu lesen
Seine Abschiedsvorstellung
Viele Jahre waren vergangen seit den Abenteuern, von denen ich bisher erzählt habe. Sherlock Holmes war längst älter geworden und hatte sich zur Ruhe gesetzt; er lebte zurückgezogen auf dem Land in Sussex, wo er sich, kaum zu glauben, der stillen Kunst der Bienenzucht widmete und ein Buch darüber schrieb. Doch noch einmal, an einem schicksalsschweren Abend im Spätsommer, als über Europa dunkle Wolken eines großen Krieges aufzogen, trat der alte Meister ein letztes Mal in Erscheinung, zu einem Dienst von größter Bedeutung für sein Land. Dies ist die Geschichte seiner Abschiedsvorstellung, und sie endet mit Worten, die ich nie vergessen habe.
In jenen Tagen weilte ein gefährlicher fremder Agent in England, ein gewisser Von Bork. Jahrelang hatte dieser Mann im Verborgenen die Geheimnisse des Landes gesammelt, militärische Pläne, Codes, vertrauliche Nachrichten, um sie nun, da der Krieg bevorstand, in seine Heimat zu schaffen. Er war klug, kalt und seiner Sache überaus sicher; mit Verachtung sprach er von den arglosen Engländern, die er so lange getäuscht zu haben glaubte. An jenem Abend erwartete er seinen wertvollsten Zuträger: einen Mann, der sich als irisch-amerikanischer Feind Englands ausgab und ihm angeblich die geheimsten Marine-Codes besorgt hatte. Dieser Mann, Altamont genannt, traf endlich ein und überreichte Von Bork ein kleines Päckchen, das die kostbaren Geheimnisse enthalten sollte.
Doch nun kam die große Überraschung. Der angebliche Altamont, der Verräter, war in Wahrheit niemand anderes als Sherlock Holmes selbst. Zwei lange Jahre hatte der alte Meister diese Rolle gespielt, sich verkleidet und verstellt, um sich das Vertrauen des Spions zu erschleichen und dessen ganzes Netz von Agenten zu durchschauen. Das Päckchen aber, das er Von Bork überreichte, enthielt keine Staatsgeheimnisse, sondern ein schlichtes kleines Buch über die Bienenzucht, Holmes’ eigenes Werk. Ehe der verblüffte Spion begriff, was geschah, hatten Holmes und sein treuer Watson, der ihm auch diesmal zur Seite stand, den Mann überwältigt und unschädlich gemacht. Jahrelang, erklärte Holmes dem fassungslosen Von Bork, habe ich Ihnen falsche Nachrichten zugespielt, und Ihr ganzes Spionagenetz ist längst aufgeflogen. Ihre Mühe, mein Herr, war vergebens. So hatte der alte Meister noch einmal seinem Land einen unschätzbaren Dienst erwiesen.
Als die Sache vollbracht war, traten Holmes und Watson hinaus auf die nächtliche Terrasse und blickten über das dunkle Land und das ferne Meer. Es war ein lauer Sommerabend, und doch lag etwas Schweres, Ahnungsvolles in der Luft, die Vorahnung des großen Krieges, der nun unausweichlich heraufzog. Es kommt ein Ostwind, Watson, sagte Holmes leise und nachdenklich. Ich glaube nicht, erwiderte Watson. Es ist sehr warm heute Abend. Holmes lächelte sanft. Der gute alte Watson! Sie sind der eine feste Punkt in einer Zeit, die sich wandelt. Und doch kommt ein Ostwind, ein Wind, wie er noch nie über England wehte. Er wird kalt und bitter sein, mein Freund, und mancher von uns mag vergehen in seinem Hauch. Dann hob er den Blick zu den Sternen. Doch es ist Gottes eigener Wind dennoch, und wenn der Sturm sich gelegt hat, wird ein reineres, besseres, stärkeres Land im Sonnenschein liegen. Komm, alter Freund, es ist Zeit.
So nahm Sherlock Holmes seinen Abschied, mit einem letzten großen Dienst und mit Worten voller Ernst und stiller Hoffnung. Es war ein würdiger Schlusspunkt für einen außergewöhnlichen Mann und seinen treuen Freund, die so viele Abenteuer miteinander geteilt hatten. Mir, der ich all diese Geschichten aufgezeichnet habe, bleibt nur, dankbar zurückzublicken auf die langen Jahre an der Seite des besten und klügsten Menschen, den ich je gekannt habe. Was auch immer die Zukunft bringen mochte, die Freundschaft, die uns verband, und die Erinnerung an unsere gemeinsamen Tage in der Baker Street, das würde kein Sturm der Welt je hinwegwehen.
Nun ist es ganz still geworden, und ein tiefer, milder Frieden liegt über allem. Die Sterne stehen ruhig über dem weiten Land, der laue Wind streicht sanft durch die Nacht, und alle großen Abenteuer sind erzählt.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.