Andreas’ Nacht

Nach den Brüdern Grimm · 12 Minuten zu lesen · Vorabdruck

Schneeweißchen und Rosenrot

Eine arme Witwe lebte allein mit ihren beiden Kindern in einem einsamen Häuschen am Rand des Waldes. Vor dem Häuschen lag ein Gärtchen, und in dem Gärtchen standen zwei Rosenbäumchen. Das eine trug weiße Rosen und das andere rote. Die beiden Mädchen glichen den beiden Bäumchen, und darum hieß das eine Schneeweißchen und das andere Rosenrot. Schneeweißchen war still und sanft, Rosenrot sprang lieber über die Wiesen und suchte die Blumen und sah den Sommervögeln nach.

Die beiden hatten einander so lieb, dass sie sich immer bei den Händen fassten, wenn sie zusammen ausgingen, und Schneeweißchen sagte, wir wollen uns nicht verlassen. Rosenrot antwortete, solange wir leben, nicht. Und die Mutter sagte dann jedes Mal, was das eine hat, soll es mit dem anderen teilen. Oft liefen sie allein im Wald umher und sammelten die roten Beeren, und kein Tier tat ihnen etwas zuleide. Das Häschen fraß ihnen das Kohlblatt aus der Hand, und das Reh graste dicht neben ihnen und hob nicht einmal den Kopf.

Einmal blieben sie über Nacht im Wald und schliefen auf dem Moos, bis der Morgen kam. Die Mutter wusste es und ängstigte sich nicht darum. Als sie aufwachten, saß ein schönes Kind in einem weißen glänzenden Kleidchen neben ihrem Lager. Es stand auf, sah sie freundlich an, sagte kein Wort und ging in den Wald hinein. Und als sie sich umblickten, sahen sie, dass sie dicht neben einem Abgrund geschlafen hatten. Die Mutter sagte, das sei wohl der Engel gewesen, der gute Kinder bewacht.

Im Winter machte Schneeweißchen früh am Morgen das Feuer an und hängte den Kessel an den Haken. Der Kessel war von Messing und blank geputzt, und wenn die Flamme darunter aufging, glänzte er wie Gold. Und wenn am Abend die Flocken fielen, sagte die Mutter, geh, Schneeweißchen, schieb den Riegel vor. Dann setzten sie sich zusammen an den Herd, und die Mutter nahm ihre Brille und las aus einem großen Buch vor, und die beiden Mädchen saßen dabei und spannen.

Neben ihnen auf dem Boden lag ein Lämmchen, und hinter ihnen auf einer Stange saß ein weißes Täubchen und hatte den Kopf unter den Flügel gesteckt. An einem solchen Abend klopfte es an die Tür, als wollte jemand eingelassen sein. Die Mutter hob den Kopf von ihrem Buch. Mach auf, Rosenrot, sagte sie, geschwind, das wird ein Wanderer sein, der bei dem Wetter ein Dach sucht. Rosenrot ging hin und schob den Riegel zurück und dachte dabei, es sei ein armer Mann, der sich im Schneetreiben verlaufen hatte.

Aber es war ein Bär, der seinen dicken schwarzen Kopf zur Tür hereinstreckte. Rosenrot schrie laut auf und sprang zurück, das Lämmchen blökte, das Täubchen flatterte von der Stange, und Schneeweißchen versteckte sich hinter dem Bett der Mutter. Da fing der Bär an zu sprechen. Fürchtet euch nicht, sagte er, ich tue euch nichts zuleide. Mich friert bis auf die Knochen, und ich möchte mich nur ein wenig an eurem Feuer wärmen. Auf seinen Schultern lag der Schnee so hoch, dass man das Fell darunter kaum sah.

Du armer Bär, sagte die Mutter, dann leg dich ans Feuer, aber gib acht auf deinen Pelz, dass er dir nicht brennt. Und zu den Kindern rief sie, Schneeweißchen, Rosenrot, kommt nur hervor, er meint es ehrlich und tut euch nichts. Da kamen die beiden heran, und nach und nach näherten sich auch das Lämmchen und das Täubchen wieder und hatten keine Furcht mehr vor ihm. Der Bär legte den Kopf auf die Vorderpranken und sagte, ihr Kinder, klopft mir den Schnee ein wenig aus dem Pelz.

Sie holten den Besen und kehrten ihm das Fell rein. Der Schnee saß fest zwischen den Haaren, und wo er auftaute, roch die ganze Stube nach Wald und nach nassem Tier. Dann streckte sich der Bär vor dem Feuer aus und brummte ganz vergnügt und behaglich. Es dauerte nicht lange, da waren sie miteinander vertraut und trieben Mutwillen mit dem unbeholfenen Gast. Sie zausten ihm das Haar mit den Händen, setzten ihre Füße auf seinen Rücken und wälzten ihn hin und her.

Sie nahmen auch eine Haselrute und schlugen ihn damit, und wenn er brummte, lachten sie. Der Bär ließ sich alles gerne gefallen. Nur wenn sie es zu weit trieben, hob er den Kopf und rief, lasst mich am Leben, ihr Kinder. Schneeweißchen, Rosenrot, schlägst dir den Freier tot. Wenn Schlafenszeit war und die anderen zu Bett gingen, sagte die Mutter zu ihm, bleib in Gottes Namen da am Herd liegen, dann bist du vor der Kälte und vor dem Wetter sicher.

Sobald der Tag graute, machten ihm die Kinder die Tür auf, und er trottete durch den Schnee davon, bis der Wald ihn verschluckte. Von da an kam er jeden Abend zur bestimmten Stunde, legte sich an den Herd und erlaubte den Kindern, mit ihm zu spielen, so viel sie wollten. Und sie gewöhnten sich so an ihn, dass niemand den Riegel vorschob, ehe der schwarze Gesell nicht da war. Draußen zog der Winter über das Land, und drinnen lag er breit und warm vor der Glut und schlief.

Als das Frühjahr kam und draußen alles grün wurde, stand der Bär eines Morgens an der Tür und sagte zu Schneeweißchen, nun muss ich fort und darf den ganzen Sommer nicht wiederkommen. Schneeweißchen fragte, wohin er denn gehe. In den Wald, sagte er, ich muss meine Schätze vor den bösen Zwergen hüten. Solange die Erde im Winter hart gefroren ist, sitzen sie unten fest und kommen nicht herauf. Aber wenn die Sonne die Erde aufgetaut hat, dann brechen sie durch und suchen und stehlen.

Schneeweißchen war ganz traurig über den Abschied. Es riegelte ihm die Tür auf, und als der Bär sich durch die Tür schob, blieb er mit dem Fell am Türhaken hängen, und die Haut riss ein Stück weit auf. Da war es dem Mädchen, als hätte es Gold darunter schimmern sehen, aber es war seiner Sache nicht gewiss. Der Bär lief schnell fort und war bald hinter den Bäumen verschwunden. An dem Haken aber hing ein Büschel dunkler Haare und bewegte sich leise in der Luft, die von draußen hereinkam.

Nicht lange nach dem Abschied schickte die Mutter die beiden Kinder in den Wald, Reisig zu sammeln. Der Boden war weich und schwer von der Nässe, und in den Fußspuren stand das Wasser und blinkte gegen den Himmel. Sie fanden einen großen Baum, der lag gefällt auf der Erde, und an dem Stamm sprang etwas im Gras auf und ab, und sie konnten von weitem nicht erkennen, was es war. Erst aus der Nähe erkannten sie einen Zwerg. Sein Gesicht war alt und verwelkt wie ein Apfel im Frühjahr, und der Bart, der ihm vom Kinn hing, war schneeweiß und ellenlang.

Das Ende des Bartes steckte in einer Spalte des Baumes, und der Kleine zappelte daran wie ein Hündchen, das man an ein Seil gebunden hat, und kam nicht los. Seine Augen waren rot und feurig, und er starrte die Mädchen damit an und schrie, was steht ihr da und gafft. Kommt her und helft mir. Er hatte den Baum spalten wollen, um Holz für seine Küche zu haben, und der Keil war ihm herausgesprungen und der Stamm wieder zugeschnappt.

Sie zogen und zerrten, aber der Bart saß zu fest. Ich will Leute holen, sagte Rosenrot. Wahnsinnige Schafsköpfe, schnarrte der Zwerg, wer wird gleich Leute rufen, ihr seid mir schon um zwei zu viel. Da holte Schneeweißchen sein Scherchen aus der Tasche und schnitt die Bartspitze ab. Kaum war der Kleine frei, griff er nach einem Sack, der zwischen den Wurzeln steckte und voll Gold war, zerrte ihn heraus und schimpfte dabei halblaut, ungehobeltes Volk, schneidet einem ein Stück vom stolzen Bart weg. Dann warf er den Sack über den Rücken und ging fort, ohne die Kinder noch einmal anzusehen.

Am Abend saßen sie zu Hause am Herd, und die Mutter legte noch ein Scheit nach, und die Wärme kroch ihnen langsam wieder in die Finger. Keines von ihnen sprach von dem Zwerg. Einige Zeit danach wollten Schneeweißchen und Rosenrot ein Gericht Fische fangen. Als sie an den Bach kamen, sahen sie etwas wie eine große Heuschrecke am Ufer hüpfen, als wollte es ins Wasser springen. Sie liefen hin und erkannten den Zwerg. Was willst du da, riefen sie, du fällst ja hinein.

Sein Bart hatte sich mit der Angelschnur verwirrt, und ein großer Fisch hatte angebissen und zog den schwachen Mann zu sich hin. Der Zwerg hielt sich an den Halmen fest, aber der Fisch war stärker. Die Mädchen kamen gerade zur rechten Zeit, hielten ihn fest und versuchten, den Bart aus der Schnur zu lösen. Es half nichts, Bart und Schnur waren zu fest ineinander. So blieb nichts übrig, als noch einmal das Scherchen hervorzuholen und ein Stück von dem Bart abzuschneiden.

Als der Zwerg das sah, schrie er sie an, ist das Manier, einem das Gesicht zu schänden. Erst stutzt ihr mir den Bart unten ab, und jetzt nehmt ihr mir auch noch das beste Stück davon. Dann holte er einen Sack mit Perlen, der im Schilf gelegen hatte, schleppte ihn davon und verschwand hinter einem Stein. Das Wasser lief weiter über die Kiesel, als wäre nichts gewesen, und der Fisch war längst in der Tiefe. Auf dem Kies aber lagen ein paar weiße Härchen, die der Bach nach und nach mitnahm.

Bald darauf schickte die Mutter die beiden in die Stadt, Nadeln und Zwirn und Schnüre und Bänder einzukaufen. Der Weg führte über eine Heide, auf der große Felsenstücke verstreut lagen. Da sahen sie einen großen Vogel in der Luft, der langsam über ihnen kreiste und immer tiefer sank, bis er hinter einem Felsen niederging. Gleich darauf hörten sie einen durchdringenden Schrei. Sie liefen hin und sahen, dass ein Adler ihren alten Bekannten gepackt hatte und ihn forttragen wollte.

Sie warfen ihre Bündel ins Heidekraut und liefen hin. Der Adler hatte die Fänge in dem dünnen Röckchen und schlug mit den Flügeln, und der Wind davon fuhr ihnen kalt ins Gesicht. Rosenrot fasste den Zwerg bei den Schultern, Schneeweißchen bekam seine Beine zu packen, und beide zogen und ließen nicht los. Die Federn schlugen ihnen gegen die Arme, es roch scharf und staubig nach Vogel, und ihre Knie lagen auf dem harten Boden zwischen den Steinen, bis es wehtat.

Es dauerte länger als bei dem Baum und länger als an dem Bach. Dann gab der Stoff nach, der Adler ließ fahren und stieg schwer wieder in die Höhe, und sein Schatten lief noch einmal über die weite Heide hin, ehe er klein wurde. Der Zwerg saß zwischen ihnen im Gras und holte Luft. Als er sich erholt hatte, rief er mit seiner krächzenden Stimme, konntet ihr nicht säuberlicher mit mir umgehen. Mein dünnes Röckchen habt ihr mir zerrissen, überall ist es zerfetzt und durchlöchert, ihr unbeholfenes Gesindel. Dann nahm er einen Sack mit Edelsteinen und schlüpfte unter den Felsen in seine Höhle.

Auf dem Rückweg, als die Sonne schon tief stand, kamen sie noch einmal über die Heide. Der Zwerg hatte seinen Sack auf einem reinen Platz ausgeschüttet und die Steine im Abendlicht ausgebreitet, und sie glänzten und leuchteten in allen Farben, so dass die beiden stehen blieben und sie ansahen. Was steht ihr da und habt Maulaffen feil, schrie er, und sein aschgraues Gesicht wurde vor Zorn ganz rot. Er raffte die Steine zusammen und ließ dabei die Hälfte wieder durch die Finger fallen.

Er wollte noch weiterschimpfen, da hörte man ein lautes Brummen, und ein schwarzer Bär trabte aus dem Wald über die Heide heran. Der Zwerg sprang erschrocken auf, aber er konnte seine Höhle nicht mehr erreichen. Er bat und flehte und bot dem Bären alle seine Schätze an und zeigte auf die Steine im Gras. Als das nichts half, wies er auf die beiden Mädchen und sagte, die seien ein weit zarterer Bissen als er. Der Bär hörte nicht auf ihn. Er hob die Tatze, und der Kleine rührte sich nicht mehr.

Die Mädchen waren davongelaufen, aber hinter ihnen rief der Bär, Schneeweißchen, Rosenrot, wartet doch, fürchtet euch nicht, ich gehe mit euch. Da erkannten sie seine Stimme und blieben stehen. Kaum stand er bei ihnen, da fiel die Bärenhaut von ihm ab wie ein Mantel, und vor ihnen stand ein junger Mann, von Kopf bis Fuß in Gold gekleidet. Ich bin eines Königs Sohn, sagte er. Der Zwerg hatte mir meine Schätze gestohlen und mich verwünscht, als wilder Bär im Wald zu laufen, bis sein Tod mich erlöste.

Schneeweißchen wurde seine Frau, und Rosenrot heiratete seinen Bruder, und die Schätze, die der Zwerg in seiner Höhle gehortet hatte, teilten sie unter sich auf. Die alte Mutter zog zu ihren Kindern und lebte dort noch viele stille Jahre. Die beiden Rosenbäumchen hatte sie mitgenommen. Sie standen vor ihrem Fenster, und in jedem Sommer trugen sie die schönsten Rosen, weiße an dem einen und rote an dem anderen. Im Winter stand das Fenster voll Eisblumen, und dahinter warteten die kahlen Zweige auf das nächste Jahr.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Zu hören ab dem 6. Dezember 2026

Dieser Text steht hier vorab. Erzählt wird er in Die schönsten Wintermärchen zum Einschlafen, das am 6. Dezember 2026 erscheint. Bis dahin gibt es ihn nur zu lesen.

Was schon zu hören ist, steht unter alle Nächte.

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