Nach den Erzählungen der Bibel · 6 Minuten zu lesen
Samuel hört die Stimme in der Nacht
Vor langer, langer Zeit, in einem Land voller Sonne und Staub und stiller Hügel, gab es einen Ort, der aus der weiten Erde herausragte wie ein Anker aus dem Meer. Er hieß Schilo, und dort stand ein Heiligtum, das die Menschen seit Generationen kannten. Die Mauern hatten schon viele Winter gesehen, und die Schwelle war glatt von unzähligen Schritten. In diesem Heiligtum brannte Nacht für Nacht eine Lampe, und ihr Licht war beständig und ruhig, ein kleines, treues Feuer im Dunkel.
In jenen Tagen lebte in diesem Haus ein alter Priester namens Eli. Er hatte dem Heiligtum sein Leben geweiht, und seine Augen, die einst scharf gewesen waren, waren nun müde und schwächer geworden, so wie ein Fluss im Sommer träger wird. Er schlief in seinen Gemächern, wenn die Nacht tief wurde und die Stille schwer auf dem Land lag. Und nicht weit von ihm schlief ein Knabe, den er aufgezogen hatte wie einen Sohn.
Dieser Knabe hieß Samuel. Seine Mutter hatte ihn als Kind in das Heiligtum gebracht, mit einem Herzen voller Dankbarkeit und Schmerz zugleich, denn sie hatte lange Zeit gewartet, bevor ihr dieser Sohn geschenkt worden war. Sie hatte ihn dem Ort geweiht, in dem sie gebetet hatte, und so war Samuel dort aufgewachsen, zwischen den Steinen und dem Lampenschein, zwischen dem Geruch von Räucherwerk und frischem Brot. Er kannte keine andere Heimat. Er kannte das Knarren der Holztüren und den Klang des Windes, der durch die offenen Bögen strich, und er war glücklich in dieser stillen Welt.
Eines Abends legte sich Samuel nieder an seinem gewohnten Platz, und die Lampe des Heiligtums brannte noch, ihr Licht warf sanfte Schatten an die Wände. Die Nacht war kühl und klar, und draußen war kein Laut als das ferne Rufen eines Vogels irgendwo in den Hügeln. Samuel schloss die Augen, und der Schlaf kam langsam über ihn, wie ein warmes Tuch, das man behutsam um die Schultern legt.
Dann, in der Tiefe dieser Nacht, hörte Samuel eine Stimme. Sie war nicht laut, aber sie war deutlich, so deutlich wie das Tropfen von Wasser in eine stille Zisterne. Die Stimme sagte seinen Namen: Samuel. Er fuhr auf aus dem Schlaf, setzte sich auf, und sein Herz klopfte gleichmäßig. Er dachte, der alte Eli habe gerufen. Er stand auf, so wie Kinder es tun, die gewohnt sind, gehorsam zu sein, und lief durch die Dunkelheit zu dem Gemach des Priesters.
Hier bin ich, sagte er leise, du hast mich gerufen. Eli aber öffnete die Augen und sah ihn an, ein wenig verwundert, ein wenig schläfrig. Ich habe dich nicht gerufen, sagte er ruhig, geh und lege dich wieder hin. Samuel kehrte um und legte sich nieder. Er lauschte noch eine Weile in die Stille, dann schlossen sich seine Augen wieder. Doch die Stimme kam ein zweites Mal.
Samuel, sagte sie, und ihr Klang war wie das Rauschen von Wasser über Steine, warm und unaufhaltsam. Wieder stand Samuel auf, wieder lief er zu Eli, wieder sagte er: Hier bin ich, du hast mich gerufen. Und wieder schüttelte Eli den Kopf. Ich habe dich nicht gerufen, mein Sohn. Geh und schlaf. Der Knabe legte sich zum dritten Mal nieder, die Augen offen, das Herz still und wach.
Da rief die Stimme ein drittes Mal seinen Namen, und diesmal war Samuel ganz wach, jeder Teil von ihm horchend, als horchten nicht nur seine Ohren, sondern seine Hände und seine Füße und seine Schultern. Er stand auf und ging wieder zu Eli. Dieser alte Mann, dessen Augen zwar schwach geworden waren, aber dessen Herz noch tief und weise war, verstand in diesem Augenblick, was geschah. Er saß aufrecht in der Dunkelheit und schwieg eine kleine Weile, und man konnte sehen, dass er nachsann über etwas, das größer war als er selbst.
Geh, sagte er schließlich zu dem Knaben, und lege dich hin. Und wenn die Stimme dich wieder ruft, dann sprich: Rede, denn dein Knecht hört. Samuel sah ihn an, und Eli nickte, und das war genug. Der Knabe ging zurück an seinen Platz, legte sich nieder und wartete in der Stille, die Lampe noch immer brennend, ihr Licht noch immer treu und ruhig.
Und die Stimme kam ein viertes Mal, und Samuel lag ganz still, und er sagte die Worte, die Eli ihn gelehrt hatte: Rede, denn dein Knecht hört. Die Stille danach war nicht leer. Sie war voll, so voll wie ein Brunnen nach dem Regen, und Samuel lag darin und horchte, mit einem Herzen, das ruhig und offen war wie ein Feld vor dem Morgengrauen.
Als der Morgen kam, war das Land wieder hell, und die Vögel sangen in den Bäumen nahe dem Heiligtum. Samuel erhob sich langsam, und er trug etwas in sich, das er nicht benennen konnte, das aber schwer war und zart zugleich, wie ein Ei in einer Handfläche. Eli wartete auf ihn, und in seinem alten Gesicht lag eine Frage und auch eine Antwort, denn er wusste bereits, dass etwas Besonderes in dieser Nacht geschehen war.
Samuel trat zu ihm und erzählte alles, was er gehört hatte, und er ließ nichts aus, so wie man einem vertrauten Menschen alles sagt, weil man weiß, dass er es tragen kann. Eli hörte zu, ohne ihn zu unterbrechen. Und als Samuel geendet hatte, saß der alte Priester eine Weile in der Stille, und dann nickte er langsam, und sein Nicken war wie das Neigen eines alten Baumes im Wind, würdevoll und ergeben. Es ist gut, sagte er. Es ist, wie es sein soll.
Samuel wuchs in jenen Jahren heran, und die Menschen im Land lernten, seinen Namen zu kennen. Es hieß von ihm, dass er weise war und dass seine Worte verlässlich seien wie Wasser aus einer tiefen Quelle. Und der Anfang von allem war jene Nacht, in der ein Knabe allein im Dunkeln gelegen hatte, in dem kleinen Licht einer Lampe, und gelernt hatte zu horchen. So schlief das Land wieder ein in seinen stillen Nächten, und die Sterne zogen ihren Weg über die Hügel von Schilo, und die Lampe im Heiligtum brannte weiter, treu und beständig, wie sie es immer getan hatte.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.